Teil 4 – Kleidung

Im Theorieteil dieser Reihe habe ich zwei Schritte benannt, die jeder Einzelne zur Schaffung einer nachhaltigen, fairen und zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen kann: Erstens, den eigenen Lebensstil kritisch zu hinterfragen und die nötigen Anpassungen vorzunehmen; zweitens, andere für diesen Weg zu begeistern und das richtige Handeln vorzuleben. Die wichtigste Frage wurde bislang allerdings noch nicht beleuchtet: Wie kann dieser nachhaltige Lebensstil im Detail aussehen? In diesem Bereich der Website werden daher in den nächsten Monaten mehrere Artikel erscheinen, die jeweils einen Aspekt unseres täglichen Lebens beleuchten und mögliche Anpassungen vorschlagen. Du wirst sehen: Das Ganze ist viel simpler, als du es dir vielleicht vorgestellt hast!

Unser Planet Erde verharrt im Jahr 2018 in einem extremen Ungleichgewicht. Während ein Teil der Menschheit die Errungenschaften der Globalisierung genießt, uneingeschränkten Zugang zu Ressourcen und Konsumgegenständen hat und nach Lust und Laune um die Welt reisen kann, kämpft ein anderer Teil tagtäglich ums Überleben. Ein Teil der Menschheit lebt auf Kosten des anderen – so lässt sich die Situation zugespitzt formulieren. Besonders gut lässt sich dieser Gegensatz an der Textilproduktion festmachen: Denn dass unsere Mode scheinbar ständig im Trend liegt und wir jeden Morgen vor einem bis zum Anschlag gefüllten Kleiderschrank stehen, hat eine Kehrseite. Eine ganz gewaltige.

Exkurs: Die Textilproduktion

Ein Kleidungsstück, das im Laden zum Kauf angeboten wird, ist das Ergebnis einer langen Kette an Arbeitsschritten. Die meisten Textilien bestehen aus Baumwolle, es kommen aber auch Chemiefasern (beispielsweise Polyester) oder Tierische Rohstoffe (beispielsweise Schafswolle) zum Einsatz. Der Rohstoff muss zunächst aufgearbeitet (im Fall der Baumwolle geerntet) und anschließend aufgearbeitet, gewebt und gefärbt werden. Erst dann wird damit begonnen, die bereits weiterverarbeitete Ressource zu einem Kleidungsstück zu schneidern.

Die aktuelle Situation

Wie in unserer globalisierten Welt üblich, nutzt auch die Kleidungsproduktion das Phänomen der internationalen Arbeitsteilung. Im Detail heißt das: Die aufgeführten Schritte werden von verschiedenen Unternehmen und in verschiedenen Ländern durchgeführt. Der Weg eines T-Shirts könnte beispielsweise wie folgt aussehen: Die Baumwolle wird in Afrika geerntet und aufgearbeitet, in der Türkei veredelt, in Indien gefärbt, in Bangladesch geschneidert und schließlich in Europa verkauft. Das Problem dabei: Dass die Endprodukte bei uns derart günstig zu kaufen sind, geht auf Kosten der Produktionsträger. 90 Prozent unserer Kleidungsstücke wird derzeit in Billigländern (Staaten mit extrem niedrigen Lohnniveau, in der Regel unter einem Euro pro Stunde) hergestellt, wo große Unternehmen  sogenannte „Sweatsops“ betreiben – riesige Fabriken, die sich in Regionen mit einladender Gesetzes- und Steuerlage sowie günstigen Arbeitskräften und Produktionskosten befinden. Der Großteil dieser Sweatshops befindet sich in China, Mittelamerika und Südostasien (insbesondere Kambodscha, China, Myanmar und Bangladesch)

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Auch bekannte Unternehmen wie H&M betreiben Sweatshops in Billigländern

Was auf den ersten Blick nach einer geschickten Spezialisierung klingt, ist in Wirklichkeit ein Verbrechen an die dortige Bevölkerung. Die Arbeitskräfte, die in 90 Prozent weiblich sind, arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen und werden auch noch gesundheitlich bedroht! Die großen Unternehmen stellen durch verschlüsselte Zuliefererketten sicher, dass sie nicht mit den Vorgängen in Verbindung gebracht werden. Dennoch konnte in den letzten Jahren aufgedeckt werden, dass namenhafte Konzerne wie H&M, KiK und Nike zahlreiche Sweatshops in Billigländern betreiben. Ein kurzer Abriss an Problemen soll das Ausmaß der Katastrophe verdeutlichen:

  • Um den Kleidungsstücken zur gewünschten Qualität zu verhelfen, werden bei der Produktion gesundheitsgefährdende Chemikalien eingesetzt. Die giftigen Stoffe gefährden die Arbeiter und gelangen zudem ins Trinkwassersystem, da ein Großteil der Textilfabriken ohne Abwasserrückgewinnungssysteme arbeitet. Das verseuchte Trinkwasser gefährdet das Leben von Menschen und Tieren und verursacht Krankheiten wie Durchfall oder Krebs.
  • Den Arbeitskräften wird oftmals keine Schutzkleidung zur Verfügung gestellt, was das Krankheitsrisiko massiv erhöht
  • Die Brandschutzeinrichtungen sind in den meisten Sweatshops mangelhaft. Es sind mehrere Katastrophen bekannt, bei denen dutzende Arbeiter ums Leben kamen.
  • In vielen Regionen, insbesondere Südostasien und Mittelamerika, werden Kinder (in den meisten Entwicklungsländern heißt das Personen unter 14 Jahre) in der Textilindustrie eingesetzt. Sie arbeiten unter den gleichen Bedingungen wie Erwachsene. Gleichzeitig wird ihnen die Chance auf schulische Bildung genommen.
  • Die Löhne liegen deutlich unter dem gesetzlichen Mindestlohn und werden oftmals über Monate zurückgehalten. In Bangladesch verdienen Fabrikarbeiter um die 25 Cent pro Stunde. Zudem werden zahlreiche Überstunden nicht bezahlt.
  • Die Arbeitskräfte sind bis zu 17 Stunden am Tag an der Arbeit. An viele Fabriken sind Massenschlafsäle angeschlossen, die den Menschen als Zuhause dienen.

Erschwerend hinzu kommt, dass die Nachfrage nach Textilen weltweit immer größer wird. Ein Deutscher gibt beispielsweise immer mehr Geld für seine Kleidung aus, obwohl die Preise immer niedriger werden! 40 Prozent der Kleidungsstücke wird dabei nie oder nur extrem selten getragen.

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Volle Kleiderschränke sind in Deutschland ein gewohntes Bild
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Möglich ist das nur, weil die Preise für Textilien konstant niedrig sind

 

Die Zukunft

Was können wir, die Gesellschaft, ändern?

Alles! Wir können alles ändern. Wirklich.

Wie die Kleidungsproduktion in unserer „globalisierten Welt 2.0.“ ablaufen muss, liegt auf der Hand: Das Verbot von Kinderarbeit, annehmbare Arbeitsbedingungen und -zeiten, faire Löhne und die nachhaltige Nutzung von Ressourcen müssen garantiert sein. Zwei Schritte sind dazu nötig: Die Preise für Textilien wird – wenn auch nur leicht – steigen müssen, um eine (im nationalen Kontext) ausreichende Bezahlung sicherzustellen. Berechnungen zeigen, dass dieses Ziel schon bei einer Erhöhung um 50 Cent pro Kleidungsstück erreichbar wäre. Gelingt es, das Preisniveau in Entwicklungsländern allgemein anzugleichen, könnte sie allerdings auch höher ausfallen. Das darf aber keine Rolle spielen! Gleichzeitig muss ein großer Teil der Menschheit ein nachhaltigeres Konsumverhalten an den Tag legen. Es wird in vielen Gegenden deutlich mehr Kleidung gekauft, als es eigentlich von Nöten wäre.

Deine Rolle

Was heißt das für dich im Detail?

  • Kaufe nur Kleidung, die du wirklich tragen wirst und auch benötigst. Jeden Morgen zwischen dutzenden Oberteilen, Hosen und Schuhen wählen zu können, widerspricht den Voraussetzungen und der derzeitigen Bevölkerungssituation auf unserem Planeten
  • Trage deine Kleidung möglichst lange! Besonders Schuhe werden im Schnitt nicht einmal ein Jahr getragen, was eine lächerlich niedrige Zeitspanne ist
  • Achte auf Nachhaltigkeitssiegel und hinterfrage diese genau. Oftmals beziehen sie sich nur auf einzelne Stationen der Herstellungskette! Zu den vertrauensvollen Beispielen zählen die Label GOTS, Fair Wear Foundation, BEST und bluesign. Derzeit ist es schwierig, nachhaltige Kleidung zu finden – legt die breite Öffentlichkeit allerdings ein bewussteres Konsumverhalten an den Tag, wird den Konzernen nichts anderes übrig bleiben, als auf den „Trend“ zu reagieren
  • Nutze Apps und andere Informationsquellen, um die Arbeitsbedingungen im Produktionsland zu überprüfen. Zu empfehlen ist die interaktive Web-App productofslavery.
  • Ziehe, wenn möglich, in Deutschland oder zumindest in Europa produzierte Ware fort.
  • Unterstütze Geschäfte, die sich auf unter fairen Bedingungen hergestellte und gehandelte Kleidung spezialisieren. Werden diese beliebter, werden andere Läden dem Beispiel folgen! Auch online gibt es zahlreiche nachhaltige Shops, beispielsweise Avocadostore, Lanius und Loveco.

Zum Abschluss noch zwei ausgefallene Ideen:

  • Nimm an „Kleidertauschpartys“ teil, die immer mehr zum Trend werden. Greenpeace organisiert in dutzenden deutschen Städten entsprechende Tauschbörsen, die bereits mehrere tausend Besucher zählen.
  • Kaufe Upcycling-Produkte. Hier werden Kleidungsstücke aus Abfallmaterialien produziert – beispielsweise Pullover aus alten Plastikflaschen! Empfehlenswert ist der Online-Shop „Upcycling Deluxe“