Teil 2 – Mobilität und Reisen

Im Theorieteil dieser Reihe habe ich zwei Schritte benannt, die jeder Einzelne zur Schaffung einer nachhaltigen, fairen und zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen kann: Erstens, den eigenen Lebensstil kritisch zu hinterfragen und die nötigen Anpassungen vorzunehmen; zweitens, andere für diesen Weg zu begeistern und das richtige Handeln vorzuleben. Die wichtigste Frage wurde bislang allerdings noch nicht beleuchtet: Wie kann dieser nachhaltige Lebensstil im Detail aussehen? In diesem Bereich der Website werden daher in den nächsten Monaten mehrere Artikel erscheinen, die jeweils einen Aspekt unseres täglichen Lebens beleuchten und mögliche Anpassungen vorschlagen. Du wirst sehen: Das Ganze ist viel simpler, als du es dir vielleicht vorgestellt hast!

Beim Aufbau der „globalisierten Welt 2.0“, wie ich die ideale Zukunftsvision für unseren Planeten genannt habe, wird auch im Bereich der Mobilität ein Umdenken stattfinden müssen. Die Möglichkeit, jederzeit nahezu jeden Ort auf unserem Planeten erreichen zu können, ist für uns heute selbstverständlich – allerdings wird dieses Privileg wie so viele andere immer wieder überstrapaziert. Zwei Entwicklungen müssen daher in den kommenden Jahren intensiviert werden: Zum einen sollte jeder Einzelne überdenken, welch weitreichende Folgen sein tägliches Verhalten nach sich zieht, und wie simpel es wäre, ein wenig umweltbewusster zu reisen; zum anderen – und das macht das Umdenken in diesem Bereich deutlich schwieriger – müssen weltweit die nötigen Strukturen geschaffen werden, um den Menschen mögliche Alternativen aufzuzeigen.

Die aktuelle Situation

Sowohl in Deutschland als auch auf der ganzen Welt werden die Menschen immer mobiler: Schon seit Jahrzehnten sind wir immer häufiger unterwegs und legen immer weitere Wege zurück. Im Zuge der Globalisierung hat sich durch die Erfindung von modernen Verkehrsmitteln, sinkenden Preisen und der Entstehung eines Tourismussektors auch für Normalverdiener die Möglichkeit ergeben, weit entfernte Ziele zu bereisen: Ein All-Inclusive-Urlaub auf den Kanaren, ein Shopping-Trip nach London oder New York, Kulturreisen in ferne Länder und Kreuzfahrten auf hoher See sind heutzutage die Regel.

Wie mehrere Blogeinträge gezeigt haben, verursacht dieses Reisen allerdings eine Reihe an Problemen, die für die meisten Menschen auf den ersten Blick nicht sichtbar sind: Flugreisen oder lange Autofahrten sorgen für hohe Treibhausgasemissionen, All-Inclusive-Resorts und westliche Hotelketten für die Unterdrückung einheimischer Kulturen, während unüberlegte Investitionen existenzielle Problem für andere Lebewesen und Ökosysteme nach sich ziehen. Kurz gesagt: Das Vergnügen eines kleinen Teil der Menschheit beeinflusst sowohl das Schicksal anderer Menschen als auch unsere Umwelt negativ. Nähere Details erfahren Sie in diesen, bisher erschienenen, Blogeinträgen:

Krabi – Massentourismus

Der Weg nach Thailand – Fernverkehr und CO2

Koh Phi Phi – Die Plastik-Katastrophe

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Häufig lassen die Touristen solche Müllberge zurück – hier auf der Insel Koh Phi Phi

Weiterhin sorgt die steigende Beliebtheit des Autos für große Probleme. Die Vorteile – höhere Flexibilität und Unabhängigkeit sowie die Möglichkeit des Transports im Kofferraum – liegen auf der Hand und sorgen dafür, dass die Pkw-pro-Einwohner-Quote und Zahl der gefahrenen Kilometer nicht nur in Deutschland seit Jahren ansteigen. Auch große Transporte werden zunehmend von den verhältnismäßig umweltfreundlichen Verkehrsmitteln Schiff und Zug hin zu Lkw und Flugzeug verlagert. In letzter Zeit konnten im Hinblick auf den Treibhausgasausstoß zwar einige Fortschritte erzielt werden, die durch größere Motoren und den immer dichteren Verkehr aber direkt wieder aufgehoben werden. Die Folgen des „Auto-Booms“ sind vielschichtig: Insbesondere in Ballungsräumen atmen die Menschen immer stickstoffhaltigere Luft ein, was vermehrt zu Atemproblemen und anderen Krankheiten führt. Asiatische Großstädte standen in den vergangenen Jahren mehrfach im medialen Blickfeld, als die Einwohner ihre Häuser tagelang nur mit Mundschutz verlassen konnten. Weiterhin beeinträchtigen die Treibhausgasemissionen das Wachstum von Pflanzen und tragen wie schon dargestellt zum Klimawandel bei. Viele Menschen leiden an Lärmbelastung, während immer mehr Fläche für Straßen und Parkplätze benötigt wird – ein unterschätztes Problem, wird gerade der Platz in Großstädten im Zuge der Bevölkerungsexplosion immer knapper.

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Verstopfte Straßen in Bangkok – ein Anblick, der sich auch in anderen Großstädten bietet
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Der Platz in vielen Städten wird knapp – einen unterschätzen Teil dieser Fläche nehmen Parkplätze ein

 

Die Zukunft

GLOBALIZED versucht in erster Linie, eine bestimmte Kernbotschaft zu vermitteln: Jeder Einzelner kann und muss mithelfen, die jetzige Situation grundlegend zu verändern. Oftmals fehlen dazu heute allerdings noch die nötigen Strukturen – in naher Zukunft sind also auch Entscheidungsträger und Visionäre im Zentrum der Verantwortung. Was muss geschehen?

Im Bereich des Reisens etabliert sich seit Jahren der sogenannte „sanfte Tourismus“, der nachhaltiges Reisen in der Vordergrund rückt. Die Ziele sind ambitioniert: Reisen soll sozial gerecht, kulturell angepasst, für die Einheimischen wirtschaftlich ergiebig sowie ökologisch tragfähig sein. Zahlreiche Unternehmen haben sich bereits auf die Durchführung nachhaltiger Reisen spezialisiert haben, während sich immer mehr Unterkünfte als „Öko-Resort“ oder „Bio-Hotel“ bezeichnen. In Deutschland müssen entsprechende Anlagen dabei verschiedene, sinnvoll gewählte, Bedingungen erfüllen, die regelmäßig überprüft werden. In vielen touristischen Regionen ist zudem hohes Potenzial für Freiwilligenprojekte gegeben: Das Aufräumen an „Plastic Beaches“, Unterrichten von einheimischen Kindern oder Aufbauen von Infrastruktur wird von vielen Weltreisenden im Nachhinein als Höhepunkt ihres Abenteuers gesehen! Allerdings sind entsprechende Projekte häufig ähnlich teuer wie ein All-Inclusive-Urlaub – hier wird bislang eine wichtige Möglichkeit verschenkt!

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Auch der Verkehr steht seit längerem im Fokus. Im Zuge des Pariser Klimaabkommens hat die Bundesregierung  das Ziel aufgestellt, die durch den Verkehr verursachten Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 bis ins Jahr 2020 um mindestens 40 Prozent zu senken. Regional werden immer mehr Initiativen organisiert; in Köln findet seit beispielweise 2013 der „Tag des guten Lebens“ statt: Hier wird ein Teil der Stadt für den motorisierten Verkehr gesperrt und ein damit ein starkes Zeichen gesetzt. In der Industrie laufen Bemühungen, die breite Nutzung von Elektrofahrzeugen zu ermöglichen.

Auf kommunaler Ebene muss indes noch einiges passieren. Fuß- und Fahrradwege sind häufig katastrophal ausgebaut, und auch der Nahverkehr genügt den Ansprüchen vieler Menschen nicht. Hier liegt viel Potenzial verborgen: Die Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland 2016“ ergab, dass es zwei Drittel der Deutschen für vorstellbar halten, in Zukunft häufiger mit dem Fahrrad zu fahren. Voraussetzung: Anzahl und Qualität der Radwege müssen sich verbessern, sicherer Abstellanlagen bereitgestellt werden und die Strecken besser beleuchtet werden. Beispiele wie Amsterdam, Kopenhagen oder auch das deutsche Münster (hier liegt der Radfahreranteil über dem des motorisierten Verkehrs!) zeigen, dass eine positive Entwicklung möglich ist. Vielleicht sind auf Dauer sogar autofreie Innenstädte möglich?

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Das Wynard Quartier in Auckland – ein vollkommen autofreies Vergnügungsviertel am Hafen
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Die Optimierung des Nahverkehrs wird eine Schlüsselrolle spielen: In Singapur wird das sowieso schon hervorragende System noch immer weiter ausgebaut
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Das Ergebnis: Der „Skytrain“ ist um Längen attraktiver als das eigene Auto

Einige Projekte laufen bereits: Im Ruhrgebiet wird derzeit eine rund 100 Kilometer lange Fahrradautobahn errichtet, die mehrere Großstädte verbinden soll. Der Fahrradweg wird vier Meter breit und möglichst kreuzungsfrei gestaltet. Öffentliche Verkehrsmittel bieten in ganz Deutschland vermehrt Möglichkeiten an, das eigene Fahrrad zu transportieren, während an immer mehr Bahnhöfen Fahrradverleihsysteme bereitstehen. Und in ländlichen Regionen, wo die Problematik durch große Entfernungen und schlecht ausgebaute Nahverkehrverbindungen erschwert wird, etabliert sich das sogenannte „Carsharing“: In Nordhessen bieten Autofahrer Strecken, die sie tagtäglich fahren, als Teil des  Liniennetzes an und sammeln Mitfahrer an öffentlichen Haltestellen ein.

Was können wir, die Gesellschaft, ändern?

Alles! Wir können alles ändern. Wirklich.

 

Deine Rolle

Was heißt das für dich im Detail?

Am Ende sind all diese Konzepte und Projekte nur zielführend, wenn wir Verbraucher die richtigen Angebote nutzen und unsere Reisen und täglichen Wege sinnvoll überdenken. Hier bist du in der Verantwortung!

Der Alltag

  • Ziehe, wenn möglich, öffentliche Verkehrsmittel dem Auto vor. Und steige wiederum auf das Fahrrad um, wenn es die Bedingungen möglich machen
  • Strecken von unter fünf Kilometer können in den meisten Fällen gelaufen werden – hier werden wir wie so oft von unserer Psyche hereingelegt: Unternehmen wir zum Beispiel eine Shoppingtour im Einkaufszentrum oder spielen eine Stunde Fußball, legen wir ohne jede Probleme eine vergleichbare Entfernung zurück. Du KANNST das!
  • Bestimmte Wege so selten wie möglich zurücklegen – ist der Super- oder Getränkemarkt zum Beispiel weiter entfernt, kannst du gleich für mehrere Tage beziehungsweise Wochen einkaufen!
  • Carsharing: Fahr mit Kollegen oder Freuden auf die Arbeit, biete freie Sitzplätze im Internet an oder sprich dich bei Partys und Events mit anderen Gästen ab

Das Reisen

  • Gibt es ein ähnlich attraktives Ziel in der Umgebung? Unternimm nur in Ausnahmereisen lange Flugreisen oder Autofahrten – auch in Europa gibt es Traumstrände, verschiedenste Kulturen und ursprüngliche Landschaften. Es ist zum Beispiel Schwachsinn, zum Strandurlaub nach Thailand zu fliegen oder einen Städtetrip nach New York, Singapur oder Tokyo zu unternehmen
  • Möglichst wenig fliegen – in vielen Teilen der Welt gibt es hervorragende Bahn- und Busverbindungen, mit denen auch Strecken um die 1000 Kilometer zurückgelegt werden können
  • Die Reisedauer sollte in einem angemessenen Verhältnis zum Urlaubsort stehen – längere Distanz, längere Reise!
  • Vermeide All-Inclusive-Angebote: Die Einnahmen kommen in der Regel nicht den Einheimischen zugute, sondern gehen an große, meistens von westlichen Unternehmen geführte Hotelketten. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander
  • Nutze einheimische Angebote und passe dich der lokalen Kultur an. Es braucht keinen McDonalds, Starbucks oder Universal-Freizeitpark wenn dir zahlreiche thailändische Garküchen oder von Einheimischen errichtete Touristenattraktionen offenstehen
  • Achte darauf, ob sich Aktivitäten den Bedingungen vor Ort anpassen und nicht völlig unnötig weitere Probleme verursachen: Skifahren im Frühling oder der Besuch von Aquaparks in wasserarmen Regionen sind beispielsweise völlig unangebracht
  • Lass nachhaltige Bestrebungen von Hotels in deiner Unterkunftswahl mit einfließen und kommuniziere positive Beispiele auf TripAdvisor oder anderen Plattformen
  • Ressourcen sparen: Nutze das Internet anstelle von Reiseführern
  • Entsorge unbedingt deinen Müll! Wenn, wie an vielen Stränden oder in Nationalparks, keine Mülleimer in der Nähe sind, nimm ihn mit zurück in den Urlaubsort. Vor allem auf Inseln solltest du keine Abfälle zurücklassen!
  • Beteilige dich an CleanUp- oder anderen Freiwilligenprojekten
  • Strom sparen: Schalte Klimaanlage oder Fernseher nur an, wenn du sie wirklich brauchst! Dein Hotelzimmer wird innerhalb weniger Minuten wieder die gewünschte Temperatur haben

 

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In Südostasien ist das Busnetz deutlich besser ausgebaut als in Europa – solche Schlangen am Grenzübergang Malaysia-Singapur sind die einzige negative Folge
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Lokales Essen sollte nicht nur aus nachhaltigen Gründen bevorzugt werden – es schmeckt auch einfach besser
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Singapur ist genau wie New York, London, Barcelona oder Rom eine Reise wert – aber nicht für ein paar Tage !!!
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Und die Strände in Südostasien sind auch schön – in ähnlicher Form aber auch deutlich näher zu finden

 

Fortsetzung folgt: #3 Konsum