Teil 1 – Müllwirtschaft

Der Müllberg einer Kreisstadt: Was passiert mit unseren Abfällen?

Ob Takeaway-Verpackungen, Plastiktüten, defekte Geräte oder verdorbene Lebensmittel – Tag für Tag verursacht eine Kleinstadt, wie sie Hofheim im Jahr 2018 ist, tonnenweise Müll. Was wir häufig nur ein einziges Mal benutzt haben, wird gedankenlos entsorgt und verschwindet damit auch aus unserem Blickfeld. An bestimmten Tagen schieben wir die Mülltonnen auf den Bürgersteig, warten auf die Abholung und beginnen den gesamten Prozess wieder von vorne. Was im Konsumverhalten vieler Menschen keine Rolle spielt, ist global gesehen von immenser Bedeutung: Was passiert eigentlich danach? Wie verschwinden die Abfälle wie von Zauberhand aus unserem Blickfeld?

Ein ausgeklügeltes System

In Hofheim übernimmt die 1964 gegründete Firma Meinhardt eine Schlüsselrolle. Meinhardt sammelt Abfälle, die meist in eigens zur Verfügung gestellten Tonnen gesammelt werden, vor den Häusern und Wohnungen ein und transportiert diese in Sortieranlagen, Deponien und Verbrennungskraftwerke. „Im Wesentlichen besteht unsere Aufgabe darin, Müll von A nach B zu fahren“, erklärt Kommunalvertriebsleiter Jürgen Willm. Um die Logistik zu erleichtern, ist die Stadt Hofheim in zehn Abfuhrbezirke eingeteilt. Je nach Abfalltyp nehmen die Sammlungsfahrten zwei bis zehn Abfahrtage und bis zu zwölf Fahrzeuge in Anspruch. „Das Ganze ist ein ausgeklügeltes System“, sagt Willm.

Die Firma Meinhardt ist im Jahr 2018 allerdings weit mehr als ein simples Transportunternehmen. Von Anfang an, erzählt der heutige Geschäftsführer Frank-Steffen Meinhardt, sei eine klare Philosophie verfolgt worden: „Abfälle sind Wertstoffe, die wieder auf den Markt gehören.“ Zu Beginn der 1970er-Jahre ließ sich Meinhardt im damals entstehenden Industriegebiet Wallau nieder, wo sich heute einer der vier Firmenstützpunkte befindet. Im Laufe der Jahre baute das Unternehmen sein Portfolio immer weiter aus: Neben der Hausmüllabfuhr stellt Meinhardt Mülltonnen, betreibt Deponiewirtschaft und kümmert sich um die Kanalreinigung. „Es gibt wenig, das wir nicht machen“, sagt Geschäftsführer Meinhardt. Ergebnis der jahrelangen Entwicklung sind ein Mitarbeiterstab aus 900 Personen sowie ein Jahresumsatz von 276 Millionen Euro.

IMG_6011
Das Wallauer Gelände der Firma Meinhardt. Hier befindet sich unter Anderem die logistische Zentrale des Unternehmens

Aufwändige Sortierarbeiten

Wurde der Müll, den der normale Hofheimer Bürger vor seiner Haustür zurückgelassen hat, von Meinhardt abgeholt, ist die Arbeit noch lange nicht beendet. Um die Abfälle recyceln zu können – also durch teilweise komplizierte Verfahren zur Wiederverwendung bereitzustellen – sind aufwändige Sortierarbeiten nötig. Gerade Kunststoffverpackungen bestehen aus verschiedensten Stoffen, die wiederum unterschiedliche Recyclingverfahren erforderlich machen. Ein weiterer Schwerpunkt wird direkt auf dem Wallauer Betriebshof verfolgt: Hier werden Papierabfälle unter Einsatz von Maschinen und Förderbändern gesammelt, sortiert und zu würfelförmigen Gebilden zusammengepresst. Ende September durfte ich einen Rundgang über die Anlage unternehmen, wobei die am Ende des Artikels bereitgestellte Fotogalerie entstanden ist. „Wir zerlegen den Müll in einzelne Fraktionen und stellen ihn zur Wiederverarbeitung bereit“, fasst Vertriebsleiter Willm zusammen. Meinhardt betreibt zudem weitaus größere Anlagen, aus der das 2017 eröffnete Leichtverpackungssortierzentrum Meilo heraussticht: Die nach eigener Aussage „modernste Sortieranlage Deutschlands“ verarbeitet im Jahr rund 120.000 Tonnen Verpackungsmüll, was dem Konsum von fünf Prozent der deutschen Bevölkerung entspricht.

IMG_6043
Das Ergebnis der Arbeiten auf dem Wallauer Betriebshof: Gepresste Abfallwürfel, die in Recyclinganlagen weiterverfrachtet werden

Was hat nun der Hofheimer Bürger mit all dem zu tun, wenn das System doch so hervorragend zu funktionieren scheint? Verschiedene Prozesse sorgen dafür, dass die anfallende Müllmenge immer weiter steigt. Internetversand und Takeaway-Gerichte, welche allesamt aufwändig verpackt werden, sind seit Jahren auf dem Vormarsch. „Es gibt immer mehr Singlehaushalte, die keine Zeit zum Kochen haben“; weiß Frank-Steffen Meinhardt. Zudem gestalten sich bestimmte Plastikverpackungen als problematisch. „Dort sind so viele verschiedene Stoffe verarbeitet, dass sie von unseren Geräten nicht mehr richtig verarbeitet werden können.“ In Anlagen wie Meilo kommen Techniken zum Einsatz, die Abfälle mithilfe von Sieben, Magneten und Infrarotstrahlung sortieren. Ist das nicht möglich, werden die Teile aussortiert und folglich nicht recycelt. „Hier sind Designer gefragt, leistungsfähigere Produkte herzustellen“, fordert Meinhardt.

Kern des Problems ist somit, dass die verursachte Müllmenge nicht nur kontinuierlich ansteigt, sondern auch nicht vollständig wiederverwertet werden kann. Seit dem Jahr 1950 hat die Menschheit über 8 Milliarden Tonnen Kunststoffe produziert, behauptet eine Studie der University of California, und nicht einmal ein Zehntel davon recycelt. Was nicht wiederverwertet wird, landet entweder auf riesigen Deponien, wird zur Energieerzeugung verbrannt oder schlimmstenfalls in die Umwelt entsorgt. Die Menschheit ist im Jahr 2018 weit davon entfernt, ein funktionierendes Abfallwirtschaftssystem etabliert zu haben.

dig
Müllberge auf der thailändischen Insel Koh Phi Phi

Vieles, und das soll nicht verschwiegen werden, bewegt sich in diesem Bereich in die richtige Richtung. In EU-Ländern muss mittlerweile bei jedem Müllexport ein Antrag gestellt werden –  ansonsten könne „das Ganze sehr teuer werden“, sagt Meinhardt. Zudem steigen die Recyclingquoten durch technische Innovationen seit Jahren an. Auch in den Abnahmeländern sei ein Wandel zu beobachten: „Früher hat China gefühlt jeden Müll gekauft“, skizziert Meinhardt ein bekanntes Beispiel, „heute achten sie auf Qualität. Und andere Länder, zum Beispiel Thailand, sind auf einem ähnlichen Weg.“

Mülltrennung von großer Bedeutung

Dass die Quote dennoch derart niedrig liegt, ist auch auf die mangelhafte Mülltrennung zurückzuführen. Meilo beispielsweise verkauft seine Recyclingquote von 53 Prozent als „Optimum“ und sagt damit keineswegs die Unwahrheit. Denn etwa 16 Prozent der Abfälle enthalten die oben genannten, „nicht recycelbaren“ Kunststoffe, während es sich bei 30 Prozent der Menge um Fehlwürfe (also fehlerhaft getrennten Müll) handelt. „Einmal hatten wir eine tote Katze im Plastikmüll“, erinnert sich Meinhardt an einen besonders kuriosen Fall. Auch die Windel sei ein klassischer Fehlwurf und zudem noch „eklig für das Personal.“ Allgemein, so Meinhardt, „mangelt es an Aufklärung.“

Eine Recyclingquote von 100 Prozent, die ein nachhaltiges System der Zukunft voraussetzt, ist durchaus möglich. Zwei Dinge müssen dazu geschehen: Zum einen dürfen Hersteller ausschließlich Verpackungstypen auf den Markt bringen, die auf die verfügbaren Sortier- und Recyclinganlagen zugeschnitten sind. Zum anderen müssen die Konsumenten ihren Müll so entsorgen, dass er im Folgeprozess entsprechend verarbeitet werden kann. Es ist kein Geheimnis, dass gegenteiliges Handeln weitreichende Probleme verursacht: Populärstes Beispiel sind die riesigen Mülldeponien in Afrika, Asien und Südamerika sowie die Tonnen an Plastikmüll, die in den Ozeanen schwimmen. Schuld daran sind nicht die Zahnräder der Müllwirtschaft – Schuld sind Hersteller und Konsumenten, die den Firmen unverwertbares Material in ihre Sortieranlagen schicken.

Teil 2 (Thema Fleischkonsum und Landwirtschaft) folgt Mitte November!

Allgemeine Informationen zur Serie HOFHEIM INSIDE findest du hier

Vor-Ort-Berichte, die sich auch mit der weltweiten Müllproblematik auseinandersetzen, sind im Blog nachzulesen.

Weitere Eindrücke des Wallauer Betriebshofes:

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.