Der Rückflug – Fazit

Im Mai 2018 geht meine Weltreise zu Ende. Von San Francisco aus geht es im Nachtbus zurück nach Los Angeles, wo ich am Tag darauf ins Flugzeug nach Frankfurt steige. Nach zweiunddreißig Beiträgen in den letzten zwei Jahren endet mit diesem letzten also auch mein Blogprojekt GLOBALIZED. Genau, wie der lange Rückflug nach Deutschland zu einer ausführlichen Reflektion der vergangenen sechs Monate wurde, soll dieser Beitrag die Vorgänge und Lebensrealitäten in all den verschiedenen Ländern dieser Welt zusammenführen. Welche Geschichte erzählen sie? Wohin führt uns die Entwicklung, die dieser Blog ausführlich nachgezeichnet hat? Wo stehen wir im Jahr 2020?

Solche Fragen zu beantworten, ist äußerst schwierig. Eine der wichtigsten Eigenschaften der modernen Welt ist, dass sie komplexer strukturiert ist als jemals zuvor. GLOBALIZED erzählt in seinen 32 Beiträgen die Geschichte, wie die Menschheit in einer jahrhundertelangen Entwicklung zum Einen zu einer einzigen globalen Gesellschaft zusammengewachsen ist und zum Anderen immer mehr Gestaltungsmacht über den Planeten Erde gewonnen hat. Das Endergebnis, das ich anhand verschiedener Stationen meiner Reise analysiert habe, können wir im Jahr 2020 tagtäglich beobachten. Einem Jahr, in dem sich die Folgen und Gefahren dieser Entwicklung deutlicher denn je zeigen.

Aus der Sicht eines damals 19-jährigen Jungen in Deutschland lässt sich die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte schnell als ein großer Erfolg interpretieren. Als ich nach dem Abitur loszog und ein halbes Jahr lang durch neun Länder und dutzende Landschaften und Kulturen reiste, profitierte ich von einer historisch einmaligen Situation. Die Möglichkeit, im Anschluss aus zehntausenden Studiengängen allein in Europa wählen zu können, war in der Menschheitsgeschichte ebenfalls lange Zeit undenkbar und ist es heute an einigen Orten der Erde noch immer. Auch aus globalem Blick lesen sich bestimmte Fakten der Zivilisationsentwicklung nicht unbedingt wie ein blutiger Kriminalroman. Der schwedische Autor Hans Rosling, der zwei Jahre nach der Reise zu meinen Lieblingsautoren zählt, ruft das in seinen Büchern und auf seiner Online-Plattform Gapminder eindrucksvoll ins Gedächtnis, wenn er die zahlreichen Verbesserungen und Erfolgsgeschichten der jüngeren Geschichte visualisiert: Im Jahr 2020 leben (prozentual) weniger Menschen als je zuvor in absoluter Armut, es sterben weniger Menschen durch Gewalt, mehr Menschen genießen Zugang zu Abwasser- und Elektrizitätssystemen, und mehr Kinder als je zuvor können eine Schule besuchen.

Dennoch kann man die Vorgänge auf unserem Planeten auch aus einem anderen Blickwinkel erzählen, und genau das habe ich auf diesem Blog getan. Um die Gefahren aktueller Tendenzen abschätzen zu können, müssen wir einige Entwicklungen verstehen, die unsere Geschichte der vergangenen Jahrhunderte geprägt haben. Wir leben erstens in einem Zeitalter mit rapidem Bevölkerungswachstum, wie ich am Beispiel Singapurs näher untersucht habe. Von knapp einer Milliarde im Jahr 1700 ist die Weltbevölkerung auf etwa 7,8 Milliarden Menschen im Jahr 2020 gestiegen und wird in Zukunft noch weiter in die Höhe wachsen. Da dieses Wachstum von zahlreichen Durchbrüchen in Naturwissenschaften, Technik, Medizin und Landwirtschaft begleitet und bedingt wurde, ist die Wirkmacht unserer Spezies (ein Begriff, mit dem der Amerikaner Bill McKibben unsere potenzielle Gestaltungskraft auf diesem Planeten beschreibt) exponentiell angewachsen. Wir nutzen und bewegen mehr Ressourcen als je zuvor, gestalten Ökosysteme nach unseren Bedürfnissen und Vorstellungen um und verändern immer stärke natürliche Gleichgewichte und Stoffkreisläufe. Am Beispiel Taupos schrieb ich ein paar Gedanken auf, wie die Menschheit die Natur mehr und mehr in eine Touristenattraktion verwandelt hat.

Die zweite wichtige Entwicklung, die GLOBALIZED an mehreren Stellen nachgezeichnet hat, ist die Globalisierung zahlreicher Prozesse, mit denen wir unser Zusammenleben organisieren. Bis ins Jahr 2020 sind wir zu einer globalen Gemeinschaft zusammengewachsen, die von immer einheitlicheren Kultur- und Verhaltensmustern geprägt wird. Die Stadt Georgetown in Malaysia dient als Gegenbeispiel: Hier leben dutzende Nationalitäten, Kulturen und Religionen auf engstem Raum zusammen. Auch ein solcher Ort wäre ein Jahrtausend zuvor undenkbar gewesen, sind die vielen Menschen doch erst durch neuartige Transportmittel auf die Insel Penang gelangt. Die Beispiele Los Angeles und Putrajaya (eine missglückte Planstadt in Malaysia) zeigen, wie unsere Lebensrealität im Jahr 2020 von globalen Medien und globalen Architekturmustern geprägt wird. Das sind zwei Beispiele dafür, wie schnell Vielfalt auf der Erde verschwindet.

Während diesen Entwicklungen wurden viele Erfolgsgeschichten geschrieben, wie die Beispiele Roslings zeigen. Die gesteigerte Wirkmacht der Menschheit und Globalisierung zahlreicher Prozesse zieht aber auch eine Vielzahl von Problemen nach sich, die mit Blick in die Zukunft von großer Bedeutung sind. Diese Probleme standen im Zentrum meines Blogprojekts und lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen: Probleme, unter denen Menschen an verschiedenen Orten der Welt im Hier und Jetzt leiden, und Probleme, die den Fortbestand vieler Lebensformen auf diesem Planeten bedrohen.

Das Ergebnis der Globalisierung ist ein ziemlich asymmetrisches. Wie ich versucht habe, am Beispiel Las Vegas zu zeigen, existieren sogenannte „Scheinwelten“ auf unserer Erde, die nur auf Kosten anderer Menschen im Hier und Jetzt (und natürlich auch in Zukunft) bestehen können. Die Globalisierung hat Gewinner hervorgebracht – zu denen ich gehöre, der im Jahr 2018 eine sechsmonatige Weltreise unternehmen und im Anschluss aus tausenden Studiengängen wählen kann -, aber auch Verlierer. Diese Verlierer traf ich unter Anderem in Südostasien, wo das Problem des Massentourismus besonders groß ist. Die Möglichkeit, sich immer schneller, günstiger und komfortabler auf der Erde bewegen zu können, hat zur Bildung mehrerer „Hotspots“ geführt, die von Touristen aus aller Welt regelrecht belagert werden. Einer davon ist Krabi in Thailand, wo Müllberge, Umweltzerstörung und abhängige Einheimische die Kehrseite der neuen Einkommensquelle sind. Kein Massentourismus, aber ebenfalls gruselige Szenen spielen sich im Tamen Negara Nationalpark in Malaysia ab, dem ältesten Regenwald der Welt: Was ich in meinem Blogbeitrag als „Menschenzoo“ bezeichnete, ist das Dorf eines indigenen Volkes direkt am Fluss, das tagtäglich von Touristenbooten und geführten Dschungel-Trekkings besucht und belagert wird. Mehrfach am Tag müssen die Einheimischen eine „kulturelle Show“ aufführen, die Touristen können in die Behausungen der Bewohner blicken, und am Ende des Dorfes steht seit einigen Jahren sogar eine Dixie-Toilette.

Noch gefährlicher sind die Auswirkungen für das Ökosystem Erde, die als Folge von Globalisierung und gesteigerter Wirkmacht immer deutlicher werden. Allgegenwärtig ist die Diskussion um die von uns verstärkten Klimaveränderungen. Drei Folgen davon – das Abschmelzen von Eisflächen am Beispiel des Franz-Josef-Gletschers in Neuseeland, den steigenden Meeresspiegel am Beispiel der Südseeinsel Aitutaki und die Veränderung der Biologie des Ozeans am Beispiel der thailändischen Insel Koh Tao – habe ich im Laufe meiner Reise näher vorgestellt. Ein Umweltproblem, das wir bereits in den Griff bekommen haben, ist das im 20. Jahrhundert verursachte Ozonloch, dessen Auswirkungen in Neuseeland und Australien besonders stark zu spüren sind und im Blogeintrag zum Traumstrand Mount Maunganui beleuchtet wurde. Auf der Insel Koh Phi Phi in Thailand und an vielen anderen Stränden und Schnorchelspots wurde mir eindrücklich bewusst, welches Ausmaß die von mir als Plastik-Katastrophe bezeichnete Umweltzerstörung hat. Sie ist ein Beispiel dafür, dass es uns bislang nicht gelungen ist, die Nutzung von Ressourcen als geschlossene Kreisläufe zu organisieren. Auch die Artenvielfalt der Erde leidet unter dem Alltag unserer eigenen Spezies: Im Jahr nach meiner Rückkehr veröffentlichte die International Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) ihren berühmten Bericht, der die Erde mitten im „sechsten Massenaussterben“ verortet und mindestens eine Million Arten als gefährdet sieht. Ein besonders perfides Kapitel dieser Geschichte spielt sich an der Grenze zwischen Thailand und Laos ab, wo ich einen Grenzmarkt auf der Insel Mae Sai besuchte. Hier wird mit Wildtieren gehandelt, oftmals akut gefährdeten Arten, die schwindelerregende Preise erzielen und auch vielen Touristen als Souvenir dienen.

All diese Umweltprobleme haben das Potenzial, das Leben auf der Erde als Ganzes zu bedrohen. Ohne das Montreal-Protokoll und geeignete Ersatzchemikalien hätte das Ozonloch das Potenzial geborgen, immensen Schaden anzurichten. Gleiches gilt für die Probleme Klimaveränderung, Umweltverschmutzung und Artensterben, die in den kommenden Jahrzehnten ganz verschiedene Entwicklungen nehmen könnten.

Seit mein Rückflug aus Los Angeles in Frankfurt gelandet ist, sind fast zwei Jahre vergangen. In dieser Zeit ist viel passiert, und einiges davon sorgt zumindest ein wenig für Optimismus. Heute bestimmen Begriffe die öffentliche Debatte, die ich vor zwei Jahren noch gar nicht kennen konnte – Green New Deal, Fridays For Future, Extinction Rebellion und German Zero sind nur einige Beispiele. Die potenzielle Gefahr vieler Umweltprobleme wird in Teilen der Gesellschaft mehr diskutiert, als das vor zwei Jahren der Fall war. Das ist erst einmal keine gänzlich neue Situation: Seit 1960 hat die Nachhaltigkeitsbewegung viele Höhen und Tiefen erlebt und immer wieder an Momentum gewonnen.

Eine wichtige Veränderung der vergangenen zwei Jahre ist jedoch, dass die Suche nach alternativen Gesellschaftsmodellen und konkreten Lösungen der beschriebenen Probleme deutlich an Fahrt gewonnen hat. Die Antwort auf die auf GLOBALIZED behandelten Herausforderungen können nur einschneidende Transformationen in der Menschheitsgeschichte sein: Nachdem wir in den vergangenen Jahrhunderten einen beispiellosen Machtzuwachs erlebten und zu einer einzigen globalen Gesellschaft zusammenwuchsen, stellt sich im 21. Jahrhundert die Herausforderung, unsere gesamte Gesellschaft so umzubauen, dass sie langfristig erhalten bleiben kann. Dieser Umbau hat schon begonnen, und an vielen Stationen meiner Reise begegnete ich ersten Spuren davon: Singapur verfolgt seit einigen Jahrzehnten einen ehrgeizigen Masterplan, der es in eine „Stadt der Zukunft“ verwandelt soll. Verschiedene Ansätze, wie das funktionieren kann, konnte ich bei meinem Aufenthalt 2017 schon entdecken. Der Vergnügungspark „The Waterworks“ in Neuseeland, in dem ich einen Monat als WWOOFer arbeitete, beschäftigt sich mit der Energiewende, durch die wir in den nächsten Jahrzehnten neue Energiequellen erschließen müssen. Und die thailändische Stadt Chiang Mai zeigt, wie ein eigenes Versorgungssystem die Touristen und Einwohner ernähren und gleichzeitig die Umwelt schützen kann. Drei Geschichten, die an ganz anderen Orten dieser Welt stattfinden, geben uns ein erstes Gefühl dafür, was in Zukunft passieren wird.

Wir können die Herausforderungen lösen, die im Laufe meines Blogs auch für mich immer deutlicher wurden. Mein letzter Beitrag, der sich mit der Stadt San Francisco beschäftige, zeigt, wie viel Genie im Handeln der Menschheit erkennbar ist. Genie und Wahnsinn liegen gefährlich nah beieinander – aber beides ist vorhanden. Das Beispiel Christchurch zeigt, wie in einer optimistischen, kreativen und gemeinschaftlichen Umgebung etwas ganz Wunderbares entstehen kann. 2011 wurde die neuseeländische Studentenstadt durch ein heftiges Erdbeben großflächig zerstört. In den Jahren danach gelang es der Bevölkerung, eine neue Stadt aufzubauen, die heute zu den lebenswertesten im Land und meinen Höhepunkten der Reise zählt.

Es gibt keine Alternative dazu, die auf GLOBALIZED beschriebenen Veränderungen anzugehen. Es gibt aber sehr viele Möglichkeiten, wie diese Transformation ablaufen wird, und jeder einzelne Mensch wird darin eine Rolle spielen. Es wird viele weitere Ideen brauchen, wie sie heute schon in Singapur, Chiang Mai und im Freizeitpark „The Waterworks“ gelebt werden. Aber wir können das schaffen, weil wir als Menschheit in der Lage sind, Wunderbares zu tun. Das wusste ich, als ich in Frankfurt aus dem Flugzeug stieg, und weiß ich auch heute noch, zwei Jahre später. Ohne jeden Zweifel haben wir eine unglaublich schwierige Aufgabe vor uns. Viele Schäden, die unsere Geschichte nach sich zieht, werden in Zukunft noch deutlicher oder überhaupt erst sichtbar werden. Und doch besteht die Chance, dass ein junger Blogschreiber in einhundert Jahren andere Texte schreiben wird als ich, wenn er um die Welt reist und die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte analysiert. Texte, die eher nach Hans Rosling und weniger nach meinen klingen.

Danke an alle meine Leserinnen und Leser!

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