San Francisco – Genie und Wahnsinn

Im Mai 2018 endet meine Weltreise. Als letztes Ziel besuche ich San Francisco, das ich aufgrund ausgefallener Busse erst deutlich später als geplant erreiche und mir daher nur ein Tag zum Erkunden der Stadt bleibt. Das reicht aus, um den wichtigsten Sehenswürdigkeiten einen Besuch abzustatten: Die größte Stadt der dicht besiedelten „Bay Area“ im Norden Kaliforniens ist besonders für seine historische Straßenbahn, die Gefängnisinsel Alcatraz und die berühmte Golden Gate Bridge bekannt. Das Stadtzentrum liegt auf einer eng bebauten Halbinsel, sodass ein Großteil der Attraktionen hervorragend zu Fuß erkunden werden kann. Ergänzend werden Bootstouren angeboten, die noch einmal eine neue Perspektive auf Stadt und Golden Gate Bridge eröffnen. Starten wir mit einem virtuellen Rundgang durch die Innenstadt …

Der Golden Gate Park ist über vier Kilometer lang und damit der größte Stadtpark, den ich je gesehen habe. Er reicht bis an den Strand heran und schlägt eine Frischluftschneise bis ins Zentrum:

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Vom Südende des Golden Gate Parks führt ein traumhafter Küstenpfad (mehr dazu bald im „Reiseführer“) bis zur Golden Gate Bridge. Hier bieten sich nicht nur sensationelle Ausblicke auf die Brücke, sondern auch Strände, einsame Buchten sowie die Ruinen alter Gebäude:

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Am Ende der etwa vier Kilometer langen Wanderung kommt sie schließlich ins Blickfeld: Die berühmte Golden Gate Bridge. Die orangefarbene Brücke wurde 1937 eröffnet, ist 2,7 Kilometer lang und wird täglich von über 120.000 Autos befahren. Die 270 Meter hohen Pfeiler sind schon aus vielen Kilometer Entfernung ein echter Blickfang:

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Die Golden Gate Bridge, vom oben beschriebenen Küstenpfad aus gesehen

Genau wie mein Aufenthalt in San Francisco in erster Linie dazu diente, die hinter mir liegende Reise noch einmal zu reflektieren, soll auch dieser Bericht einige bereis erschienene Einträge in einen größeren Kontext rücken. Ob in Südostasien, in Neuseeland, auf den Cook-Inseln oder in Kalifornien, überall sah ich Gebäude, Straßenkonstruktionen, Fahrzeuge und andere Gegenstände – kurz: Menschengemachtes -, die mich unheimlich beeindruckten. Die Golden Gate Bridge bei San Francisco reiht sich in diese Liste, auf der auch die Marina Bay in Singapur, Tempelanlagen in Thailand, Angkor Wat in Kambodscha, die TransAlpine-Eisenbahn in Neuseeland oder Hotelanlagen in Las Vegas stehen, hervorragend ein. Die fast drei Kilometer lange Brücke ist ein Beispiel dafür, was die Menschheit durch einen Mix aus wissenschaftlichen Kenntnissen, handwerklichen Fähigkeiten und globalen Materialkreisläufen zu leisten imstande ist. Dass es die Golden Gate Bridge heute ermöglicht, innerhalb weniger Minuten die Golden Bay zu überwinden, basiert auf Ressourcen, die aus aller Welt nach San Francisco geschafft worden sind, auf chemischem und physikalischem Wissen, das im Laufe von Jahrhunderten gewonnen wurde, und auf hunderten Arbeitsstunden, die von Spezialisten verschiedenster Felder ausgeführt worden sind.

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Das Hotel „Bellagio“ in Las Vegas – ein Wunderwerk der Menschheit?
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Ta Brohm, einer der Tempel von Angkor

Durch diese (nach derzeitigem Wissensstand) unter allen Lebensformen einmalige Spezialisierung und Kooperation ist es der Menschheit im Jahr 2019 möglich, die oben genannten Bauwerke zu errichten, die Vorgänge auf unserem Planeten in jeglicher Hinsicht zu dominieren und einem 18-jährigen Jungen wie mir ohne größere Schwierigkeiten eine Weltreise zu ermöglichen. In vielem, was unsere Spezies auf der Erde bewegt, ist Genialität zu erkennen. Und doch müssen sich, wenn wir am Ende eines Projekts wie GLOBALIZED zu einem Fazit kommen wollen, einige unangenehme Fragen gestellt werden: Ist es der Menschheit durch alle ihre Fortschritte und Durchbrüche gelungen, unseren Planeten zu einem besseren Ort zu machen? Mit Blick auf unsere Mitlebewesen ist das sicherlich nicht der Fall, wie viele der zuvor erschienenen Blogeinträge deutlich gemacht haben. Geht es zumindest unserer eigenen Zivilisation besser als unseren Vorgängergenerationen?

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Völlig unumstritten: Allgemein hat die Entwicklung der Menschheit die Lebensbedingungen auf unserem Planeten verschlechtert.

Auch hier sind Zweifel angebracht. Sicherlich haben Durchbrüche in Medizin, Mobilität, Landwirtschaft oder Bauwesen das Leben der Menschen besser gemacht. Die Lebenserwartung liegt im Jahr 2019 höher als je zuvor, die Kindersterblichkeit und Hungerndenquote so niedrig wir noch nie. Einem Individuum ist es möglich, um die Welt zu reisen, mit Menschen aus aller Welt in Echtzeit zu kommunizieren und Waren aus zahlreichen Ländern zu kaufen. Aber unsere Zivilisation durch all das wirklich glücklicher geworden? (Was das Ziel sein müsste, wenn von „Fortschritt“ die Rede ist)Nein, behaupten viele Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Zu allen relevanten Aspekten des modernen Lebensstils – Digitalisierung, gestiegener Konsum – existiert ausreichend Wissenschaft (viel davon auf psychologischer Ebene), die genau diese Aussage untersucht. Viele Menschen werden durch das, was wir aus unseren gewonnenen Gestaltungsmöglichkeiten machen, nicht mehr glücklicher. Während wir die Lebensgrundlagen der Erde also in einem immer schlechteren Zustand bringen, sorgen viele der dahinterliegenden „Fortschritte“ nicht einmal dafür, dass sich das Leben der breiten Masse bessert.

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Wunderwelt Las Vegas: Ginge es der Menschheit ohne einen solchen Ort besser oder schlechter?

Ist das Handeln der Menschheit also Genie oder Wahnsinn? Reist man ein halbes Jahr um die Welt, trifft man auf Spuren von beidem. Betrachten wir das große Ganze, gleicht das von uns geschaffene Zwischenergebnis allerdings eher einem Armutszeugnis. Wir schaffen es nicht, unsere ohne jeden Zweifel vorhandene Genialität so einzusetzen, dass sich das Leben der Menschen weltweit möglichst stark bessert. Und gleichzeitig haben wir keinerlei Kontrolle darüber, wie unser Lebensmodell in die Ökologie des Planeten eingreift und in den vergangenen Jahrzehnten eine ernsthafte ökologische Krise verursacht, die das Leben von Millionen anderer Lebewesen verschlechtert. Der Menschheit ist es bislang nicht gelungen, die Genialität, die beim Blick auf die Golden Gate Bridge und viele andere Bauwerke sichtbar wird, auf das Gesamtsystem Zivilisation auszuweiten – genau das wird allerdings nötig sein, um die auf GLOBALIZED angeregte Zukunft zu schaffen.

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