Los Angeles – Der Durchbruch globaler Medien

Der Kulturschock könnte kaum größer sein: Von den isolierten, von Regenwald überzogenen und weitgehend der Natur überlassenen Cook-Inseln fliege ich Ende April nach Los Angeles. Die 4-Millionen-Metropole im Süden Kaliforniens zählt zu den beliebtesten Reisezielen der Welt. Der Großstadtdschungel ist nach einem halben Jahr in Neuseeland eine echte Herausforderung, hat aber auch enorm viel zu bieten: Der Santa Monica Pier, Disneyland, Beverly Hills oder die RMS Queen Mary genießen als Touristenattraktionen weltweit einen klangvollen Namen. Unternehmen wir also, bevor das Thema dieses Beitrags näher in den Fokus rückt, einen kleinen Rundgang durch die Stadt:

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Der Santa Monica Pier im namensgebenden Vorort ist am Abend Treffpunkt aller Altersklassen
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In der ungewöhnlich kleinen Innenstadt thronen mehrere futuristische Gebäude, wie die „Walt Disney Concert Hall“ …
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oder das Museum für Moderne Kunst, besser bekannt als „The Broad“.

Außerhalb der Stadt liegt das „Getty Center“, eines der bedeutendsten Kunstmuseen weltweit:

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Vom Dach der Sternwarte „Griffith Observatory“ …
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… bietet sich wiederum ein magischer Ausblick über die Stadt. Nur wenige Metropolregionen auf unserer Erde erreichen diese Größe

Im Norden der Stadt liegt der Vergnügungspark Six Flags Magic Mountain, ein wahrer Pilgerort für Achterbahn-Fans:

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Los Angeles ist eine spannende Stadt, da sie aus ganz vielen, vollkommen unterschiedlichen Stadtvierteln aufgebaut ist. Das Zentrum ist relativ klein und deutlich ruhiger als die berühmten Vororte Santa Monica oder Beverly Hills, wo sich die Touristen drängen und das amerikanische Leben tobt. Die Atmosphäre auf den Straßen ist durchaus nett: Überall sieht man Künstler und Musiker, Skateboard-Anlagen und Streetball-Plätze sowie innovative Bars und Cafes. Die Dichte an Restaurants und Souvenirläden ist höher als in jeder anderen Stadt, die ich bisher besuchen durfte. Seinen Höhepunkt erreicht der Rummel in einem Stadtteil im Nordosten des Zentrums, den ich der einleitenden Aufzählung bewusst ausgelassen habe: Hollywood.

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Dreh- und Angelpunkt von Hollywood: Der „Walk of Fame“

Hollywood ist ein Mythos. Es dürfte wenige Orte geben, die weltweit eine solche Popularität genießen. Als Markenzeichen der modernen Filmkultur zieht der Stadtteil jährlich Millionen Touristen an, die in erster Linie den „Walk of Fame“, auf dem derzeit über 2600 Prominente in Formen von in den Gehweg eingravierten Sternen verewigt wurden, das Premierenkino „The Chinese Theatre“ und den berühmten Hollywood-Schriftzug fotografieren wollen. Für rund 80 Euro kann man die Universal Studios Hollywood besuchen, eines der bekanntesten Filmstudios von Los Angeles. Im angrenzenden Themenpark sind Szenerien aus weltbekannten Kinofilmen nachgebaut, unter Anderem Harry Potter, „Die Simpons“, Transformers oder „Jurassic Parc“. Zudem wird eine „Studio Tour“ angeboten, die hinter die Kulissen verschiedener Drehorte führt. Hier werden spannende Einblicke in Alltag, Methoden und Tricks der Filmindustrie geboten.

Die Universal Studios Hollywood:

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Zudem einige Einblicke in die „Studio Tour“:

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Wie wurde Hollywood zu dem Ort, der es heute ist? Die Geschichte der Filmhochburg beginnt Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. 1908 wurde in New York die „Motion Picture Patent Company“ gegründet, die fast alle bedeutenden Unternehmen der damaligen Filmindustrie zusammenschloss und dadurch den gesamten Filmmarkt der USA kontrollieren wollte. Um dem zu entgehen, ließen sich einige unabhängige Produzenten in einem Vorort von Los Angeles nieder – heute wird der Ort Hollywood genannt – und begannen, dort ihre Filme zu drehen.  Als die „Motion Picture Patent Company“ 1915 für illegal erklärt wurde, gewann die Entwicklung des kleinen Vorortes weiter an Fahrt. Die idealen Bedingungen – Hollywood bot angenehme Temperaturen, ausreichend Arbeitskräfte und günstiges Bauland – zogen immer mehr Produzenten an, und bald ließen sich die großen Filmstudios nieder: „Famous Players Lasky“ (später „Paramount“), „Loew’s“ („Metro-Goldwyn-Mayer“), „Warner Brothers“, „RKO“ oder „Fox“ (später „20th Century Fox“) sind nur die bekanntesten.

Spätestens jetzt hatte die weltweite Ausbreitung des Films, der durch die Eröffnung immer größerer Kinos und der Erfindung des Fernsehers weiter an Tempo gewann, in Hollywood ihr Steuerzentrum gefunden. In den 1970er-Jahren übernahmen junge Regisseure wie Francis Ford Coppola oder Steven Spielberg die Kontrolle und drehten immer aufregendere Abenteuerfilme. Zwanzig Jahre später wurden die lokalen Studios von großen, global agierenden Medienkonzernen übernommen. Die Berühmtheit Hollywoods stieg währenddessen immer weiter an: Heute leben mehr als 300.000 Schauspieler in Los Angeles. Nur fünf Prozent von ihnen haben einen festen Job in der Filmindustrie, der Rest bessert sein Gehalt als Kellner, Künstler oder Fotograf auf.

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Beverly Hills, ein weiterer Vorort von Los Angeles. Hier leben, in luxuriöser Umgebung, die besonders erfolgreichen Hollywood-Schauspieler

Parallel zur Entwicklung Hollywoods eroberte der Film die ganze Welt: Ein Leben ohne Kinobesuche, Fernsehen oder Online-Streamingdienste ist heute kaum noch vorstellbar. Allgemein ist die Entwicklung, die in diesem Blog beschrieben wird, eng mit dem Aufstieg digitaler Medien verknüpft: Die Entstehung einer globalen, von westlichen Dogmen dominierten Gemeinschaft basiert neben Innovationen in Handel und Transport in erster Linie auf diesem als Digitalisierung bezeichneten Quantensprung. Der Film ist dafür ein gutes Beispiel: In den Universal Studios Hollywood werden die Nachbauten aus Harry Potter, Transformers und Jurassic Park von Touristen aus aller Welt fotografiert.. Netflix und Amazon Prime haben Kunden in Venezuela, Südafrika, Russland, Mazedonien und Neuseeland. Und Kinos in Skandinavien, Singapur oder Kanada zeigen im Großen und Ganzen das identische Repertoire an Filmen.

Allgemein ist die von der Menschheitsgeschichte eingeschlagene Richtung – obwohl sich in diesen Jahren einige Gegenbeispiele finden – eindeutig: Wir wachsen immer mehr zu einer großen, verwestlichen Gesellschaft zusammen. Das ist eine dramatische Wendung in der Geschichte unserer Spezies: Der Mensch ist evolutionär nicht darauf ausgelegt, in größeren Gruppen zu kooperieren. Über Jahrtausende lebten wir weitgehend isoliert voneinander – die Folge war die Entstehung tausender Kulturen, Sprachen, Religionen und Wertesysteme. Ein Deutscher im siebzehnten Jahrhundert hatte beispielsweise nicht den Hauch einer Ahnung, was zeitgleich in Asien, Neuseeland oder Südamerika vor sich ging. Wirtschafts-, Gesellschafts- und Handelssysteme entwickelten sich unabhängig voneinander. Heute ist ein Großteil der Menschheit Teil eines globalen Netzes, dessen Komplexität derart hoch ist, dass niemand auch nur ansatzweise in der Lage ist, es in seiner Gesamtheit zu überblicken.

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Alles ist miteinander vernetzt: Die Globalisierung hat alle Spielregeln auf den Kopf gestellt

Die digitalen Medien – der gängigen Definition nach Geräte zur digitalen Speicherung, Verarbeitung, Aufzeichnung und Verteilung von Daten – sind fester Bestandteil dieses Systems. Bekannte Beispiele sind neben dem Film die digitale Fotografie, soziale Netzwerke, Smartphones, Laptops und natürlich das Internet. Nahezu jeder Europäer kann in seinem Alltag Beispiele finden, wie dieser Durchbruch mit der Entstehung der oben beschriebenen, globalen Gemeinschaft zusammenhängt: So wäre es vor fünfzig Jahren unmöglich gewesen, meine Weltreise mit einem Blog wie diesem zu begleiten -heute können User auf allen Kontinenten die Einträge auf GLOBALIZED lesen. In meiner Kindheit hatte ich zudem das Privileg, an zwei Weltpfadfindertreffen in Island und Japan teilnehmen zu dürfen. Dank WhatsApp, E-Mail und Facebook kann ich bis heute Kontakt zu vielen der Teilnehmern halten.

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Digitale Medien sind globale Medien: Sie ermöglichen es uns, Kontakt mit Menschen aus aller Welt zu halten. Gleichzeitig wird die Reichweite unserer Nachrichten globalisiert.

Der Durchbruch globaler Medien hat die Kulturen dieser Welt grundlegend verändert. Ein Großteil unserer Weltbilder, Werte und Normen basieren heute auf dem, was in Hollywood-Blockbustern zu sehen ist, was in einer nicht repräsentativen Anzahl an Tageszeitungen geschrieben wird oder aber in den Facebook-Profilen guter Freunde zu sehen ist. Wahrscheinlich war es nie zuvor schwerer, zwischen wahren und falschen Informationen („Fake News“) zu unterscheiden. Das Internet entwickelt sich zu einem Labyrinth aus Daten, dessen Größe unsere Vorstellungskraft längst übersteigt. 90 Prozent der derzeit existierenden Daten wurden in den letzten zwei Jahren erzeugt, und dieses Wachstum wird sich fortsetzen. Da die Digitalisierung somit näherungsweise exponentiell abläuft, ist die Entwicklung der nächsten Jahre nur schwer vorstellbar.

Weiterhin verschob der Aufstieg von Facebook, Twitter und digitalen Tageszeitungen die Reichweite unseres Weltbildes. Heute können wir uns jederzeit darüber informieren, was in Nordkorea, Mexiko oder Syrien vor sich geht.

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Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Die Digitalisierung könnte bereits in den kommenden Jahren ein Tempo erreichen, das die Vorstellungskraft vieler bei weitem übersteigt.

Was heißt all das für unser GLOBALIZED-Projekt? Wie können wir diese Entwicklung dazu nutzen, den Lauf der Geschichte im bestmöglichen Maße zu beeinflussen? Auf dieselbe Art und Weise, wie der Durchbruch digitaler Medien die als Globalisierung bezeichnete Entwicklung entscheidend mitgestaltet hat, wird auch der weitere Verlauf der Digitalisierung den Lauf der Geschichte massiv beeinflussen. Fragen, die über den Einsatz digitaler Medien als Informationstechnologie herausgehen, werden in den kommenden Jahrzehnten beantwortet werden müssen: Wie smart sollen unsere Städte, Verkehrsmittel und Fabriken werden? Wie kann mit mangelnder Anonymität und Fake News im Netz umgegangen werden? Wann und in welchem Ausmaß kommt Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz? Und was passiert, wenn ausgewählte Personen in die Lage versetzt werden, menschliche Gefühle, Emotionen und Entscheidungsprozesse zu „hacken“ und Individuen (ob frei oder nicht) in Maschinen zu verwandeln? Die Diskussion dieser Fragen geht über den Umfang dieses Blogs hinaus – der zukünftige Einsatz digitaler Medien ist aber auch im Kontext der Umwelt- und Nachhaltigkeitsprobleme von großer Bedeutung. Erinnern wir uns an einige dieser Herausforderungen, die in diesem Jahrhundert zwingend gelöst werden müssen:

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Wir haben einen dramatischen Klimawandel ausgelöst, der die Funktionsweise von Ökosystemen massiv bedroht, Massenflüchtlingswellen auslösen könnte und durch das Überschreiten sogenannter „Tipping Points“ noch dramatischer werden wird
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Dennoch halten wir in weiten Teilen Europas und Nordamerikas an einem Lebensstil fest, der weder universalisierbar noch zukunftsfähig ist
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Dabei leben wir nicht nur auf Kosten kommender Generationen und ganzer Ökosysteme, sondern auch als Verursacher unfassbaren Leids in der Gegenwart
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In Afrika und Asien steht uns zudem weiteres Bevölkerungswachstum in dramatischem Ausmaß bevor. Mit den derzeitigen Dogmen unserer Gesellschaften werden wir mit diesem nicht umgehen können
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Parallel verwandeln wir unseren Planeten in eine Müllkippe. Das auf diesem Blog behandelte Beispiel: 90 Prozent des Plastiks, das die Menschheit bislang produziert hat, wurde nicht recycelt.

GLOBALIZED wird in den kommenden und abschließenden Blogeinträgen zu dem Fazit kommen, dass der Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft – der „globalisierten Welt 2.0.“ – eine ganz bestimmte Schlüsselaufgabe beinhaltet: Die Ausbreitung eines auf Nachhaltigkeit beruhenden Dogmas. Insbesondere den jüngeren Generationen muss das notwendige Wissen vermittelt werden, um Ursachen und mögliche Folgen aktueller Problematiken einschätzen und am Bau der Zukunft mitwirken zu können. All die derzeit laufenden Versuche, nicht zukunftsfähige Infrastruktur unserer Spezies nachhaltig zu transformieren, sind zwar alternativlos, werden aber nur von Erfolg gekrönt sein, wenn die Menschheit hinter dieser Entwicklung steht. Dass Ansätze wie der Ausbau Erneuerbare Energien oder die Überwachung von Fischfangquoten auf grundlegende Kritik stoßen, liegt daran, dass das oben beschriebene Dogma noch nicht wirksam ist.

Hier kommen die digitalen Medien ins Spiel: Geht es darum, Hintergrundwissen zur notwendigen Transformation des 21. Jahrhunderts zu vermitteln, sind Fotos und Videos, Animationen, soziale Netzwerke oder wissensbasierte Computerspiele ein enorm wertvolles Werkzeug. Wollen wir eine Strategie entwerfen, breite Teile der Gesellschaft für ein langfristig funktionierendes System zu begeistern, ist ihr Einsatz beinahe alternativlos. Das wurde in der Vergangenheit bereits deutlich: Am 20. Juli 1969 landete der Amerikaner Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond. Die dort aufgenommene, als „Earthrise“ bekannte Aufnahme unseres Planeten gilt bis heute als entscheidender Schritt auf der Entstehung der Umweltbewegung. 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen berühmten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, der insbesondere aufgrund seines beeindruckenden „Weltmodells“, das mithilfe einer Computeranimation die mögliche Lösung verschiedener Umweltprobleme modellierte, seine enorme Wirkung erzeugte. Und auch allgemein sind Videos von schmelzenden Polkappen, überschwemmten Inseln oder in Plastikmüll verfangenen Meeresschildkröten deutlich wirksamer als wissenschaftliche Berichte oder Frontalunterricht. Denken wir über die Gestaltung einer besseren Welt von morgen nach, scheinen wir mit dem geschickten Einsatz digitaler Medien also eine wirksame Strategie gefunden zu haben!

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„Earthrise“ zeigte die Verletzlichkeit unseres Planeten. Der in dem Zusammenhang entstandene Begriff  „Raumschiff Erde“ ist bis heutige eine wichtige Bezeichnung der Umweltschutzbewegung
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Das Weltmodell im Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ zeigt, wie problematische Entwicklungen in den Griff bekommen werden können. Die vom „Club of Rome“ aufgestellten Ziele wurden leider bei weitem verfehlt – und die Folgen zeigen sich immer stärker

Der Durchbruch globaler Medien, beispielhaft die Entwicklung des Films mit Hollywood als Schlüsselzentrum, ist mitverantwortlich dafür, dass unsere Welt heute so aussieht, wie wir es tagtäglich erleben. Und auch in Zukunft wird der Verlauf der Digitalisierung den Lauf unserer Welt beeinflussen – im positiven oder im negativen Sinn. Mit Blick auf die in diesem Blog behandelten Umwelt- und Nachhaltigkeitsprobleme können digitale Medien zur Aufklärung und Weiterbildung eingesetzt werden. Das betrifft Schulen und Universitäten, Blogger und Nutzer sozialer Netzwerke, Zeitungen und Online-Portale oder auch Museen – ganz egal. Fangen wir einfach damit an!

 

 

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