Aitutaki – Der steigende Meeresspiegel

Als ich vor zwei Jahren mit der Planung meiner Weltreise begann, hatte ich viele Traumziele. Neuseeland stand von Anfang an weit oben auf der Liste, doch im Endeffekt war es die Südseeinsel Aitutaki, die zum heimlichen Fixpunkt meiner Planungen wurde. Menschenleere Sandstrände, türkisblaues Wasser und artenreiche Korallenriffe – hier schien alles gegeben, was das von vielen gesuchte „Paradies auf Erden“ so an Anforderungen stellt. Als sich am Ende tatsächlich die Möglichkeit bot, der Insel einen Besuch abzustatten, zögerte ich keinen Moment. Schon ein halbes Jahr im Voraus buchte ich meine Flüge und Unterkünfte, um ja kein Risiko offen zu lassen.

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Die Küste der Insel ist ein einziger Traumstrand

Aitutaki gehört genau wie Rarotonga zum Archipel der Cook-Inseln. Nachdem ich bereits zehn Tage auf der Hauptinsel verbracht hatte, war es Ende April soweit: Früh am Morgen starte ich in einer 20-Passagier-Maschine der inseleigenen Fluglinie „Air Rarotonga“ in Richtung meines Traumziels, wo ich tatsächlich einen bezahlbaren Bungalow am Strand gefunden hatte (hier ist die Unterkunft auf TripAdvisor zu finden). Fünfundvierzig Minuten später stand dann der erste Höhepunkt an: Der atemberaubender Luftblick beim Landeanflug auf die Insel. Und schon hier zeigte sich, dass Aitutaki keine normale Insel ist.

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Aitutaki aus der Luft betrachtet. Die türkisfarbene Lagune misst etwa zehn mal fünfzehn Kilometer
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Das winzige Flughafengebäude der Insel
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Einer der teureren Bungalows der „Vaikoa Units“, meiner Unterkunft. Direkt dahinter …
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… liegt dieser traumhafte Strandabschnitt. Zehn Meter vor der Küste beginnen die ersten Korallenriffe.

Aitutaki ist von einer Lagune umgeben, deren Wasser den den so berühmten und unverwechselbaren, türkisen Farbton besitzt. Der Definition nach ist eine Lagune ein Gewässer, das durch Sandablagerungen oder Korallenriffe vom Meer abgetrennt ist. „Ein kleines, isoliertes Meer innerhalb des riesigen Ozeans“, beachte es ein einheimischer Inselbewohner meiner Meinung nach ziemlich passend auf den Punkt. Innerhalb der Lagune Aitutakis schwankt die Wassertiefe zwischen null und vier Metern. An bestimmten Stellen ragen winzige Inseln, sogenannte „Moti“, aus dem Wasser hinaus – die paradiesischen Eilande, auf denen sowohl Robinson Crusoe gespielt als auch seine ganz private Hochzeit gefeiert werden kann. Aitutakis Lagune beherbergt fünfzehn solcher Moti, die in Form von geführten Lagunentouren angesteuert werden. Ein einzigartiges Erlebnis, an das ich mit Sicherheit noch lange erinnern werde!

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Auch Rarotonga, die größte der Cook-Inseln, ist von einer Lagune umgeben
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Mit rund 20 anderen Touristen ging es bei der „Lagoon Cruise“ quer durch die Lagune …
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Auf Honeymoon Island, einer der 15 Moti, erwartete uns ein leckeres Barbecue
sdr
Die Salate wurden stilvoll in geöffneten Muscheln serviert
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Höhepunkt der Tour war der Stopp auf der berühmten „One Foot Island“ – Für viele Reisende „der schönste Ort auf Erden“

Mehr als fraglich, und damit nähern wir uns dem Kernthema des heutigen Eintrags, ist die Zukunft dieses Paradieses. Wird über die Folgen des allgegenwärtigen Klimawandels diskutiert, ist das Schicksal winziger Pazifikinseln eines der beliebtesten Beispiele. Gemeint sind genau solche Archipel wie die Cook-Inseln, aus denen Aitutaki mit seiner besonders flachen Topographie noch einmal heraussticht. In Gefahr ist zuallererst die Lagune, die nämlich nicht nur als Postkartenmotiv fungiert, sondern auch eine existenzielle Funktion einnimmt. Dadurch, dass die Wellen der rauen Südsee schon am Rand des Riffs brechen, ist die Küste vor Sturmfluten geschützt (und das Wasser ideal zum Tauchen und Schnorcheln geeignet). Durch die steigenden Wassertemperaturen sind nun allerdings jene Korallenriffe, die den Rand der Lagune bilden, massiv bedroht. Verschwinden diese, ist die Küste Aitutakis der Südsee hilflos ausgeliefert. Dasselbe gilt für die Hauptinsel Rarotonga.

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Ideale Bedingungen zum Schnorcheln – und keine Brandung an der Küste. Wie lange ist das noch der Fall?

Als noch gefährlicher wird die derzeitige Entwicklung des Meeresspiegels eingestuft. Seit Jahrzehnten steigt dieser in immer höherem Tempo an und nähert sich mittlerweile gefährlichen Grenzwerten. Zwei Effekte befeuern sich dabei gegenseitig: Zum einen sorgen die (in erster Linie durch Treibhausgasemissionen verursachten) Temperaturerhöhungen dafür, dass sich das Wasser der Ozeane ausdehnt. H²O besitzt eine ungewöhnliche Eigenschaft, die als „Anomalie des Wassers“ bezeichnet wird: Es hat bei 4 °C sein kleinstes Volumen. Geht man von 4 °C aus, verringert sich sowohl bei Temperaturerhöhung als auch bei Temperaturerniedrigung die Dichte. Steigt die Wassertemperatur, erhöht sich also auch das Volumen. Genau das ist derzeit der Fall: Seit 1955 ist die durchschnittliche Oberflächentemperatur der Ozeane nämlich um 0,6 °C gestiegen.

Weitaus bekannter ist die Tatsache, dass sich das Wasservolumen durch das Abschmelzen von Gletschern und anderen Eismassen erhöht. Auch hier sind die Entwicklungen alamierend, wie im meinem Eintrag zum Franz-Josef-Gletscher näher beleuchtet wird. Kombiniert sorgen die beiden Faktoren nun für ein Ansteigen des Meeresspiegels. Zwischen 1901 und 2010 betrug der Anstieg 1,7 Millimeter pro Jahr, im Zeitraum 1993 bis 2010 waren es schon 3,2. Insgesamt stieg der globale Meeresspiegel im vergangenen Jahrhundert um 17 Zentimeter. Das ist Fakt. Bis 2100 könnte der Anstieg deutlich dramatischer ausfallen: Aktuelle Schätzungen bewegen sich zwischen 60 und 120 Zentimetern. Wie gefährlich exponentielles Wachstum ist, zeigte sich bereits am Beispiel der Bevölkerungsentwicklung und Treibhausgasemissionen.

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Wie problemtisch der Anstieg des Meeresspiegels tatsächlich sein wird, zeigt sich beim Blick auf dieses Bild. Die Moti Aitutakis liegen schon heute nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche

Die Folge liegt auf der Hand: Viele Pazifikinseln sind in ihrer Existenz bedroht. Auch auf Rarotonga oder Atiu (ein weiterer Vertreter der Cook-Inseln) konzentriert sich die Infrastruktur auf die Gebiete direkt an der Küste, obwohl Berge und höhergelegene Ebenen vorhanden sind. Wo sollen all diese Menschen leben, wenn das Wasser auf die erwartete Höhe angestiegen ist? Ist es möglich, die gesamte Infrastruktur ins Innere der Insel zu verlegen? Auf Aitutaki ist es das mit Sicherheit nicht. Ein großer Teil der Insel ragt – genau wir all die Moti in der Lagune – nur wenige Zentimeter aus dem Wasser hinaus.

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Das Inland Rarotonga ist – wie hier deutlich zu erkennen – ebenfalls nicht für menschliche Infrastruktur geeignet

Ein anderes Problem wird bislang deutlich weniger diskutiert: Die Trinkwasserversorgung. Diese stammt aus vom Regen gespeisten Wasservorkommen, die im Untergrund sogenannte „Süßwasserlinsen“ bilden und wegen ihrer geringeren Dichte auf dem salzigen Grundwasser der Atolle schwimmen. Wird nun jedoch bei einer Überflutung Salzwasser von oben in diese Süßwasservorkommen gespült, vermischt sich das Wasser – und das Trinkwasser versalzt. Dass dies ein durchaus realistisches Szenario ist, zeigte eine Untersuchung, die zwischen 2013 und 2015 auf den Marshall-Inseln durchgeführt wurde. Viele Atolle werden, so das Ergebnis, wegen Trinkwassermangel schon Mitte dieses Jahrhunderts unbewohnbar sein. Für den Fall eines ungebremstem Klimawandel präzisieren die Forscher diesen Zeitpunkt auf das Jahrzehnt 2030-2040.

Die Inselbewohner wissen um ihre Situation. Bei verschiedenen Klimakonferenz protestierten sie sowohl vor Ort als auch in ihrer Heimat gegen die Vorgänge in den westlichen Industriestaaten. Auf der Insel Niue hat sich derweil eine Strömung gebildet, die für eine geschlossene Übersiedlung nach Neuseeland eintritt. Tatsächlich hat sich die dortige Regierung schon mit Masterplänen beschäftigt, die mögliche Neubauviertel für geflüchtete Maori skizzieren. Ähnliche Herausforderungen werden sich auf der ganzen Erde stellen: Auch in Europa sind zahlreiche Gebiete bedroht, gerade in Norddeutschland und den Niederlanden. Schon heute werden gewaltige Anstrengungen darauf verwendet, küstennahe Großstädte vor drohenden Hochwassern zu schützen.

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In Neubauvierteln am Wasser – hier das Wynyard Quarter in Auckland – spielt der Hochwasserschutz eine immer größere Rolle

Gerade für die Bewohner Aitutakis lässt sich die Gefahr kaum noch abwenden. Die Ökosysteme der Erde sind so komplex miteinander verkoppelt, dass die Wassertemperatur beispielsweise verzögert auf den Anstieg der Lufttemperatur reagiert. Wir werden uns also zweifellos mit einem steigenden Meeresspiegel auseinander setzen müssen. Die Frage ist nur noch, in welchem Ausmaß dieser auftreten wird. Das Paradoxe in diesem Zusammenhang ist gleichzeitig das große Problem der Bewohner Aitutakis (und dem Großteil aller anderen bedrohten Gebiete): Sie selbst werden diese Entscheidung nicht treffen. Die Verursacher des komplizierten Mechanismus, der unter Anderem im steigenden Meeresspiegel gipfelt, sind in erster Linie westlicher Abstammung.

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Die Wohnhäuser auf Aitutaki liegen allesamt nur wenige Zentimeter über der derzeitigen Wasseroberfläche. Das Innere der Insel ist komplett flach.

Nicht zu unterschätzen ist bei alldem übringens die Diskussion um Klimaflüchtlinge. Die Bewohner der Pazifikinseln sind nur ein Beispiel für Personen, die infolge der auf GLOBALIZED behandelten Vorgänge ihre Heimat verlieren könnten. Die beschriebenen Vorgänge auf Niue sind hier nur der Anfang. Andere Gebiete dieser Erde sind von Trinkwasser- und Lebensmittelknappheit, Luftverschmutzung oder Wüstenbildung bedroht. In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Hochrechnungen angestellt, welche Flüchtlingszahlen in einigen Jahrzehnten das Weltgeschehen bestimmen könnten. Die derzeitige Diskussion mutet dagegen nahezu als Witz an. Wieder einmal zeigt sich: Sollten wir das bestehende System komplett aus dem Gleichgewicht bringen, sind die Folgen vielfältig. Und schlussendlich wird es auch uns selbst treffen.

 

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