Greymouth – Das Leben im Hostel

Zweihundert Kilometer nördlich des Franz-Josef-Gletschers (hier geht es zum entsprechenden Bericht) liegt Greymouth. Die industriell geprägte Stadt ist für Touristen nur als Verkehrsknotenpunkt von Belang, aufgrund ihrer Funktion als Startbahnhof der weltberühmten TranzAlpine-Eisenbahn allerdings durchgehend gut besucht. Ich bleibe nur eine Nacht in Greymouth, will dieser Station meiner Reise aber dennoch einen eigenen Bericht widmen. Der Grund dafür: Unter den mindestens fünfzig verschiedenen Hostels, in denen ich bisher übernachtet habe, finde ich hier ein ganz Besonderes. Das „Global Village“ ist auf Bewertungsportalen wie TripAdvisor oder Hostelworld zu einem echten Geheimtipp geworden und vereint all das, was das Leben im Hostel so besonders macht. Grund genug, sich das innovative Hotelkonzept einmal genauer anzusehen!

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Die TranzAlpine-Railway führt durch das neuseeländische Hochgebirge bis nach Christchurch

 

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Greymouth an sich ist unspektakulär. Lohnend ist allerdings die Umgebung: Dieser Strand liegt einige Kilometer nördlich des Zentrums und ist per Fahrrad erreichbar

Hostels gibt es seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Als Antwort auf den sich wandelnden Reisesektor (in diesem Artikel sind Einzelheiten nachzulesen) etablierte sich ein neuartiges Konzept, dass den zahlreichen Reisenden aus aller Welt eine möglichst kostengünstige Übernachtungsmöglichkeit bieten und dennoch von angemessener Qualität sein soll. Heute steigen nahezu alle Rucksackreisenden in Hostels ab und sparen auf diesem Weg reichlich Geld für andere Aktivitäten. Insbesondere in touristischen Zentren wie Südostasien, Neuseeland oder europäischen Großstädten stehen heute dutzende Hostels zur Auswahl, deren Konkurrenzkampf die Qualität weiter nach drückt. Die Internetplattform Hostelworld gibt an, ganze 36.000 Budget-Unterkünfte registriert zu haben.

Wer nicht selber auf Reisen geht, kann sich unter dem Leben im Hostel meist nur schlecht vorstellen. Weit verbreitet ist ein Bild, das auf engen und dreckigen Schlafsäle, Diebstahl, störenden Partys und verschiedenen Horrorfilmen basiert. Dennoch – und für mich war das Ganze mehr eine Erfahrung als Belastung – leben viele Backpacker monatelang in Hostels und reisen von Schlafsaal zu Schlafsaal. Kann es wirklich sein, dass genau das zu einer gelungenen Reise beiträgt? Wo doch eigentlich das 4-Sterne-Hotel mit All-Inclusive, Showprogramm und Poollandschaft für einen Traumurlaub steht?

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Auch von außen sind die Herbergen oftmals wenig einladend – hier das „Mingle Hostel“ in Kuala Lumpur (Malaysia)
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Auch das „Downtown Backpackers“ in Wellington kann optisch wenig glänzen

Hostels basieren in erster Linie auf einem einzigen Ziel: Zu sparen. Beim Bau werden möglichst viele Übernachtungsplätze auf engstem Raum untergebracht (ein gutes Beispiel hierfür sind die berühmten Kapselhotels in Japan), Personal- und Instandhaltungskosten soll möglichst gering sein, und auch der Kunde soll schließlich einen niedrigen Preis zahlen. Folglich wird der Großteil der Reisenden in Schlafsälen untergebracht, die für vier bis zehn Personen Platz bieten. Die Räume sind in der Regel eng und bieten bis auf Stockbetten, Schließfächer und ein Waschbecken rein gar nichts. Bad und Küche wird entweder mit den Zimmergenossen oder gar mit dem ganzen Hostel geteilt. Das führt zu großem Andrang. Es ist keine Seltenheit, dass man einige Zeit auf eine Kochplatte oder eine Dusche warten muss.

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Der Schlafsaal einer neuseeländischen DOC-Hütte (hier auf dem Tongariro Circuit)

Die oben genannten Horrorvorstellungen sind dabei vollkommen unangebracht. Das Hostel wird jeden Tag gereinigt, Bettwäsche und Sanitäranlagen weisen in der Regel keinen Unterschied zu klassischen Hotels auf. Das Personal ist ausgesprochen freundlich, da die Mitarbeiter oftmals selbst eine Backpacker-Vergangenheit haben. Zutreffen ist es, dass die in der Regel gut ausgestatteten Küchen manchmal wirklich furchtbar aussehen. Das ist aber einzig und allein auf Gäste zurückzuführen, die sich scheinbar nicht verpflichtet fühlen, ihr Geschirr zu spülen. Töpfe, Teller und Besteck werden von den Hostels zur Verfügung gestellt, müssen aber als Allgemeingut behandelt werden.

Weiterer Bestandteil eines jedes Hostels sind Gemeinschaftsflächen. Das können klassische Räume voller Tische, Sofas und Sitzkissen, aber auch Dachterrassen, Strandabschnitte, Bars oder Gartenanlagen sein. Hier zeigt sich: Im Hostel wird Gemeinschaft groß geschrieben. Du lebst nicht nur mir Reisenden aus aller Welt unter einem Dach, sondern kannst auch ausgesprochen schnell in Kontakt geraten. Das fängt im Schlafsaal oder beim Kochen an – und endet bei gemeinsamen Aktivitäten, die vom Hostel organisiert werden. Pubcrawls (eine Tour durch verschiedene Bars und Tanzclubs), Billard- und Tischkickerturnieren, Film- und Grillabenden oder Stadtrundgängen können sich alle Gäste vollkommen kostenlos anschließen. So wird der Kontakt zwischen den Reisenden weiter gestärkt – und das Hostel hebt sich von der Konkurrenz ab, was in der heutigen Zeit immer wichtiger wird. Denn auch hier ist ein Wettbewerbscharakter deutlich spürbar.

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Eine der besten Hostel-Ketten in Neuseeland: Die HakaLodges (hier in Taupo)

In touristisch hochfrequentierten Regionen (Ozeanien, Südostasien, Europa, den USA sowie ausgewählte Länder Südamerikas) ist die Hosteldichte derart hoch, dass der Kampf ums Überleben immer größer wird. Ketten (in Europa sind es A&O oder Wombats, in Neuseeland die HakaLodges mit eigenem Busunternehmen) verstärken den Wettbewerb enorm. In Nelson (der Ausgangspunkt zum Abel-Tasman- und Heaphy Track) steige ich in einem Hostel ab, das ausgewählte Besucher dafür bezahlt, lobende TripAdvisor-Bewertungen zu schreiben. Das sagt einiges aus! Auf der anderen Seite lässt der Hostel-Boom den Komfort immer weiter steigen: Es entstehen stylische Neubauten; Schlafsaalbetten werden mit Vorhängen, eigenen Steckdosen und Leselampen ausgestattet (das ist kein Standard!); es etablieren sich Privatzimmer und Deluxe-Schlafsäle, und immer mehr Hostels bieten Aushängeschilde wie Swimmingpools, kostenlose Leihfahrräder oder Kletterwände an. Ein Paradies für Reisende!

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Immer mehr Hostels besitzen eigene Gastronomieeinrichtungen. Hier das schicke Panoramarestaurant der „Mt Cook Lodge“ im Mount-Cook-Nationalpark
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Das „Paradiso Hostel“  in Nelson bietet dieses Schwimmbecken mit Whirlpool (rechts)
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… das „HAN Rainforest“ m Tamen Negara Nationalpark (Malaysia) diesen Dschungelgarten mit Hängebrücke …
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… während das Mingle Hostel (Kuala Lumpur) mit dieser Aussicht …
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… und einem Infinity-Pool im 37.Stock punkten kann

Auch durch den verstärkten Wettbewerb sind die Übernachtungspreise angenehm niedrig geblieben. In Asien zahlt man rund 10, in Europa, Neuseeland oder den USA etwa 20 Euro für ein Schlafsaalbett. Die Benutzung aller Einrichtungen inklusive WLAN ist darin eingeschlossen. Viele Reisende übernachten im Hostel gar umsonst: Für einen Platz im Schlafsaal arbeiten sie einige Stunden am Tag an der Rezeption, als Reinigungskraft, oder gar als Barkeeper im Restaurant. Das Leben im Hostel lässt einen also fleißig Geld sparen, und bietet gleichzeitig eine tolle Möglichkeit, Menschen aus aller Welt kennenzulernen. Die derzeitige Tourismussituation – Reisende aus aller Welt, die wiederum alle Kontinente dieser Erde bereisen – ist in der Menschheitsgeschichte einzigartig. Und im Hostel bist du am perfekten Ort, diese mitzuerleben!

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Service wird großgeschrieben: Viele Hostels bieten Rabattcoupons für Touristenattraktionen, eine Auswahl an Stadtplänen und Broschüren sowie geführte Ausflüge an

Kommen wir noch einmal auf die teilweise verbreiteten Horrorvorstellungen über das Hostelleben zu sprechen. Sicherlich ist der Hostel-Boom in vielen Regionen (unter Anderem den Cook-Inseln, die ich im Anschluss an Neuseeland besuche) noch nicht derart ausgeprägt und die Standards deutlich niedriger. In Zeiten von Hostelworld und Co. sind dir dennoch ein sauberes Bett, ein annehmbares Bad und viele nette Mitreisende garantiert! Dass Hostels hin und wieder zum Schauplatz reißender Partys werden, ist sicherlich richtig – allerdings finden diese ausschließlich in abgeschlossenen Bars statt. Im Schlafsaal ist es ab 23 Uhr so still, dass du problemlos schlafen kannst. Diebstahl oder rücksichtslose Zimmerkameraden sind mir auf meiner Reise ausdrücklich nicht begegnet – Backpacker wissen, was sie selber in einem Hostel erwarten, und verhalten sich auch entsprechend. Ich habe keinen einzigen Menschen getroffen, der andere Erfahrungen gemacht hat.

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Hostels steigern nicht nur ihre Qualität – vermehrt wachsen auch Neubauten in die Höhe. Hier das „All Stars Inn On Bealey“ in Christchurch

Greymouth, „Global Village“ … War da nicht etwas? Richtig, das angesprochene Hostel an der Westküste. Werfen wir abschließend noch einen Blick auf das für mich beste Hostel meiner sechsmonatigen Reise. Der Name sagt schon vieles aus – an Orten wie diesem spürt man eindrücklich, wie sich Menschen und Kulturen aus aller Welt ergänzen können, wie Zusammenarbeit das Gesamtbild bereichert. Das im afrikanischen Stil gestaltete Haus wird von unheimlich netten Menschen geführt, bietet liebevoll eingerichtete Zimmer und ein breites Angebot von Leihfahrrädern bis zu einem Garten mit Whirlpool. Besonders toll: Das „Global Recipe Book“, in dem Reisende aus aller Welt Rezepte aus ihrer Heimat niederschreiben können. Zudem gibt es eine Bücherei, die als hosteleigener „Bücherschrank“ fungiert. Eine klare Empfehlung für jeden Neuseeland-Reisenden! (hier findest du das Hostel auf TripAdvisor)

Das „Global Village“ (Fotogalerie):

 

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Abschließend sei dir noch einmal die Seite Hostelworld ans Herz gelegt. Hier kannst du nicht nur Unterkünfte auf der ganzen Welt buchen, sondern auch inspirierende Artikel über die verrücktesten Hostels und Reiseziele lesen. Es ist kaum zu glauben, was es im 21. Jahrhundert alles zu entdecken gibt … Und ab dem nächsten Beitrag kümmern wir uns wieder darum, das auf die richtige Art und Weise zu tun.

 

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