Franz-Josef-Gletscher – Kollektives Abschmelzen

Als eine der letzten Stationen auf der Südinsel steuere ich Ende März Franz Josef an. Die Kleinstadt an der Westküste wächst seit Jahren immer weiter in die Breite und verfügt heute über die üblichen Merkmale eines touristisch geprägten Zentrums: Zahlreiche Hotels, Hostels und Campingplätze, schicke Restaurants und Bars, überteuerte Touristenattraktionen (unter Anderem die „Glacier Hot Pools“, eines der schönsten Thermalbäder im Land) und kaum feste Einwohner. Im Fall von Franz Josef Town ist es eine einzige Attraktion, die all den Trubel verursacht hat: Der gleichnamige Gletscher, der fünf Kilometer außerhalb der Stadt aus dem Gebirge bricht.

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Der Franz Josef Gletscher an der Westküste der neuseeländischen Südinsel

Gletscher gehören zu den spannendsten Naturphänomenen unserer Erde. Sie entstehen, wenn im Laufe eines Jahres mehr Schnee fällt, als abschmelzen kann. Die dazu nötigen Temperaturen herrschen in den Polargebieten und hochgelegenen Gebirgen (in erster Linie den Alpen, Anden und dem Himalaya). Der hier fallende Schnee taut, wie bei vielen Bergwanderungen festgestellt werden kann, auch im Sommer nicht komplett ab. Die Folge kann eine im Laufe der Jahre immer schwer und dicker werdende Schneeschicht sein. Die Schneeflocken werden zunächst zu körnigem Firn und schließlich zu dichtem Eis gepresst.

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Schnee im Sommer – in Neuseeland schon auf 1000 Metern über dem Meeresspiegel

Der Franz-Josef-Gletscher ist ein Überbleibsel des riesigen Eisschilds, das einst den gesamten Mount Cook Nationpark überzogen hatte. Heute schiebt sich der 10 Kilometer lange Gletscher immer näher in Richtung der Tasmansee, die er über den Waiho-Fluss regelmäßig mit Wasser speist. Als „fließender“ Gletscher (definiert als Eismasse, die sich unter den Einfluss abschüssiger Gelände oder Wasserfälle konstant fortbewegt) ist der Franz-Josef-Gletscher ein gutes Beispiel für den Gestaltungscharakter von Eisschildern: Bewegt sich ein Gletscher, werden in einem tausende Jahre währenden Prozess Landschaften geformt. Sind beispielsweise Steine in einen „fließenden“ Gletscher eingeschlossen, schleifen diese große Mengen an Gestein ab, das die Eismasse auf ihrem Weg passiert. Auf diese Weise entstehen tiefe Täler und Fjorde sowie riesige Geröllfelder, die am Fuß des Gletschers zu bestaunen sind. Der Franz-Josef-Gletscher hat ein nach seiner Form benanntes U-Tal geformt, durch das heute der Waiho-Fluss fließt.

Fotogalerie:

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Auch das Tal des Mount-Cook-Nationalparks wurde von einem Gletscher geformt

Im Fokus von GLOBALIZED stehen Gletscher allerdings weniger aufgrund ihrer Funktion als „Klimaarchiv“ – seit Jahrzehnten werden die Eismassen dieses Planeten immer geringer. Und das ist problematisch! Wir beobachten ein kollektives Abschmelzen, das seine Ursache einmal mehr im Handeln der Menschheit findet. Was auf den ersten Blick nur bedingt bedrohlich klingt (schließlich haben sich im Laufe der Erdgeschichte schon mehrfach Gletscher gebildet und zurückgezogen), bekommt im 21. Jahrhundert eine ganz neue Dimension: Auf der einen Seite läuft der Prozess dieses Mal ungleich schneller ab. Andererseits hat sich auf der Erde mittlerweile eine Spezies ausgebreitet, die durch den Gletscherrückgang stärker betroffen sein wird, als vielen bewusst ist: Die Menschheit.

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Abschmelzende Gletscher – eine tickende Zeitbombe?

Dass Gletscher infolge steigender Temperaturen schmelzen, liegt auf der Hand. Das Ganze lässt sich als dynamischer Prozess verstehen: Im Winter, wenn es kalt ist, fällt neuer Schnee, der den Gletscher anwachsen lässt. Und im Sommer, wenn die Temperaturen deutlich höher liegen, nimmt das Volumen des Eises wieder ab. Ein Paradebeispiel für dieses Phänomen ist die Jökursarlon-Lagune in Island: Zwischen dem offenen Meer und dem größten Gletscher in ganz Europa, dem Vatnajoküll, liegt eine bei Touristen außerordentlich beliebte Lagune. Je wärmer es im Laufe des Jahres wird, desto größer wird der See, da sich der benachbarte Gletscher weiter zurückzieht. Im Winter zieht sich die Lagune wiederum zusammen, da der gefallene Schnee das Gletschervolumen wieder ansteigen lässt.

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Die Jökursarlon-Lagune ist insbesondere aufgrund ihrer Lage zwischen Gletscher und Ozean einzigartig

Leider ist dieses dynamische System gründlich aus dem Gleichgewicht geraten. Seit mittlerweile rund 170 Jahren lässt sich auf dem gesamten Planten ein starkes Abschmelzen der Eismassen beobachten. Der Zeitraum ist kein Zufall, gewannen Industrialisierung und Globalisierung damals doch entscheidend an Fahrt. Nachdem der Rückgang viele Jahrzehnte lang immer wieder stagnierte, schmilzt das Gletschereis seit mittlerweile 30 Jahren ohne Pause. In den vergangenen Jahren hat sich der Prozess zudem noch einmal beschleunigt. Die Jökursarlon-Lagune in Island wird immer größer, während der Vatnajöküll immer weiter schmilzt. Der Franz-Josef-Gletscher zieht sich genau wie viele seine Nachbarn immer weiter zurück. Global, gibt der World Glacier Monitoring Service an, haben die Gletscher seit 1980 im Durchschnitt jährlich 30 Zentimeter an Eisdicke verloren. Die Tendenz: Zunehmend.

Auf diesen Fotovergleichen wird deutlich, wie stark sich das Aussehen von Gletscherregionen in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat

Dass die globale Durchschnittstemperatur im Zuge des menschengemachten Klimawandels immer weiter ansteigt, wurde auf dieser Website (unter Anderem am Beispiel des Fernverkehrs) bereits beleuchtet. Der stark erhöhte Kohlenstoffdioxid-Ausstoß, welcher durch das Ansteigen von Weltbevölkerung und Konsumanspruch weiter befeuert wird, hat den Treibhauseffekt derart verstärkt, dass die CO²-Konzentration in unserer Atmosphäre heute höher als je zuvor in der Menschheitsgeschichte ist. Die Folge für die auf allen Kontinenten anzutreffenden Gletscher liegt auf der Hand. Forscher der University of Portsmouth diskutieren derzeit eine weitere These, die das Abholzen an Berghängen als weitere Ursache des Gletscherschwunds in den Raum stellt. Aufgrund einer geringeren Luftfeuchtigkeit – verursacht durch das fehlende „Ausschwitzen“ von Bäumen – und ausbleibender Wolkenbildung falle immer weniger Schnee, der die Gletscher anwachsen lassen könnte.

Die Folgen, die das rapide Abschmelzen von Eiswasser nach sich zieht, sind  weitreichend und betreffen auch die Menschheit in außerordentlichem Maße. Zum einen ist da der Verlust des Vorhandenen: Gletscher speichern Süßwasser, das auf unserer Erde extrem selten (in Zahlen ausgedrückt, etwa zwei bis drei Prozent der globalen Wassermenge!) und dennoch lebensnotwendig ist. Wie benötigen es in erster Linie als Trinkwasser, aber auch zum Duschen, Waschen oder Spülen. La Paz, die auf fast 4000 Metern Höhe gelegene Hauptstadt Boliviens, ist beispielsweise komplett von den nahe gelegenen Gletschern abhängig – sie sind die einzige Wasserquelle weit und breit. Zu befürchten steht weiterhin, dass viele große Wasserläufe der Erde austrocknen könnten: In Asien werden zahlreiche große Flüsse von Gletschern im Himalaya gespeist. Zudem sind einzigartige Ökosysteme bedroht: In den Polarregionen sitzen Tiere wie der Eisbär oder Pinguin auf einer tickenden Zeitbombe.

Die Wasserprobleme von La Paz werden anhand dieser Tagebucheinträge deutlich

Genauso gefährlich gestaltet sich der Fakt, dass im Zuge der Gletscherschmelze Unmengen Liter an Wasser frei werden. Der Weg dieses Wassers kann auf zwei Art und Weisen ablaufen – und beide sind wenig angenehm. Sammelt sich Schmelzwasser in einer Mulde, entsteht ein Gletschersee. Eine Verbindung zum offenen Meer ist nicht vorhanden. Steigt der Wasserspiegel dieses Sees durch Schmelz- und Regenwasser weiter an, droht die Katastrophe: Eine Flutwelle, sobald das Wasser einen Kamm überwinden und ins Tal schießen kann. Zahlreiche Städte auf der ganzen Welt liegen unterhalb von Schmelzwasserseen. Schon heute muss regelmäßig Wasser abgepumpt werden, um die Menschen vor der drohenden Gefahr zu schützen.

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Ein Schmelzwassersee im Mount-Cook-Nationalpark
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Die Aussichtsplattform könnte in wenigen Jahren wahrscheinlich unter Wasser liegen …

Noch bedrohlicher ist der zweite Weg, den das geschmolzene Eis nehmen kann. Über Flüsse (die in den meisten Fällen den von den Gletschern geschaffenen Tälern folgen) gelangen gigantische Mengen Süßwasser in unsere Ozeane. So ist es auch beim Franz-Josef-Gletschers, der in einigen Jahrzehnten größtenteils in die Tasmansee geflossen sein wird. Das hat weitreichende Folgen.

Die naheliegenste ist der Anstieg des Meeresspiegels. Dass das Abschmelzen eines vergleichsweise kleinen Gletschers keine nennenswerte Auswirkungen auf eine System von der Größe der Weltmeere hat, ist dabei ein gefährlicher Trugschluss. Experten gehen davon aus, dass der Meeresspiegel im etwa 40 Zentimeter ansteigen wird, sollten alle Gletscher der Erde abschmelzen. Geschieht dasselbe mit den polaren Eisschilden – was glücklicherweise nicht realistisch ist -, sind es sogar über 60 Meter! Dass schon ein Anstieg um wenige Zentimeter Millionen Menschen existenziell bedroht, wird im weiteren Verlauf des Projekts noch näher unter die Lupe genommen werden. (Link folgt: Aitutaki – Ein Paradies in Gefahr?)

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Das Wasser dieses Schmelzwassersees fließt bereits in Richtung Ozean (siehe den Fluss unten rechts)

Zuletzt muss ein weiteres Mal an die Meeresströmungen erinnert werden: Wie im Koh-Tao-Artikel genauer beleuchtet, senkt Gletscherwasser den Salzgehalt der Ozeane, was unwiderruflich im Erlahmen wichtiger Klimabausteine mündet – beispielsweise dem Golfstrom, dem wir das milde Klima in ganz Europa verdanken. Die Folgen der kollektiven Gletscherschmelze sind also durchweg besorgniserregend: Das Prozess zerstört nicht nur einen wichtigen Baustein unseres Planeten, sondern schafft und verstärkt auch noch andere Probleme. Und all das nur, weil eine einzige Lebensform der Erde scheinbar ein wenig die Kontrolle verloren hat!

Der Blick in die Zukunft gestaltet sich wenig optimistisch. Stoppen lässt sich der Gletscherschwund nicht mehr – da würde auch eine (sowieso unrealistische) Stabilisierung der Temperaturen nichts mehr ausrichten können. Denn: Gletscher reagieren verzögert auf Klimaveränderungen. Noch in vielen Jahren wird man die Folgen unseres heutigen Lebensstils spüren. Werden die Kohlendioxid-Emissionen in den nächsten Jahren jedoch entscheidend verringert, kann der Schwund abgebremst werden. Gelingt dies nicht, droht der Kollaps: 95 Prozent des Eisvolumens würde aktuellen Berechnungen zufolge im Jahr 2100 verschwunden sein. Alle der oben genannten Folgen würden einsetzen.

sdr
Die Menschheit lebt in diesen Jahren auf eine bislang vollkommen unbekannte Art und Weise. Welche Folgen wird das haben?

Das globale Gletscherschmelzen ist ein ganz hervorragendes Beispiel für die enge Verflechtung, die zwischen verschiedenen auf GLOBALIZED behandelten Themen vorliegt. Durch absolut vermeidbare Handlungen – seien es Flüge, ein hoher Energieverbrauch oder übertriebener Kleidungskonsum – werden Probleme verursacht, die wiederum neue Probleme auslösen. Im heutigen Fall ist es der Treibhauseffekt, der (unter Anderem) Klimaverschiebungen, Wüstenbildung und das Abschmelzen der Gletscher nach sich zieht, was wiederum im Ansteigen des Meeresspiegels, gefährlichen Schmelzwasserseen oder bedrohten Lebensräumen mündet. Paradox, und gleichzeitig unsere große Chance, ist der Fakt, dass diese komplexen Verflechtungen in einer gemeinsamen Wurzel münden, die jeden Einzelnen Menschen mit einschließt! Diese Wurzel entscheidet, ob und wie weit die Entwicklungen über ihr ausarten. Und in diesen Jahrzehnten hält sie das Schicksal von Tausenden Lebewesen und Folgegenerationen in der Hand.

 

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