Mount Cook bis Wanaka – Gefährliche Spiralen

Ein junger Mann steht auf einer Plattform. Fünfzig Meter über der Erdoberfläche, nur durch ein dünnes Seil gesichert. Weit unten fließt ein türkis glänzender Fluss vorbei. Daneben ist Aussichtsplattform zu erahnen. Voller Menschen, die staunend nach oben starren. Der junge Mann zögert lange, ehe er schließlich springt. Es folgen fünfzig Meter freier Fall. Dann verrichtet das an den Füßen befestigte Seil seine Arbeit, bremst den Mann ab und schleudert ihn wieder nach oben. Wenige Sekunden später ist alles vorbei, und der nächste Springer wird auf die Plattform gebeten.

Bungy-Sprünge gehören zu den beliebtesten Aktivitäten, die Neuseeland zu bieten hat. Die beschriebene Szene stammt aus Taupo, dem Extremsport-Zentrum der Nordinsel, das ich einige Wochen später besuchen soll. Doch der Reihe nach: Nach meinem Abstecher nach Christchurch reise ich erstmals „off the path“, also abseits der Touristenpfade, wo die Infrastruktur noch deutlich bescheidender daherkommt. Es geht ins Herz der Südinsel – eine Landschaft, die von beeindruckenden Gebirgen, weiten Hochebenen und wilden Flüssen dominiert wird. Nach einem Zwischenhalt in Tekapo, das für seinen gleichnamigen See und die fantastischen Möglichkeiten zur Sternebeobachtung bekannt ist, reise ich in den Mount Cook Nationalpark.

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Der Lake Tekapo ist nicht nur ein tolles Fotomotiv, sondern auch Bestandteil des Films „Beautiful New Zealand“

Rund um den höchsten Berg des Landes erstreckt sich hier eine schneebedeckte Gebirgslandschaft, die das ganze Jahr über nur erfahrenen Bergsteigern oder Eiskletterern zugänglich ist. Aus einem breiten Tal, in dem das provisorische Mount Cook Village liegt, bietet sich allerdings eine derart spektakuläre Sicht auf die umliegenden Berge, dass immer mehr Touristen einen Abstecher in die Gegend unternehmen. Da der Nationalpark mittlerweile einen netten Campingplatz (White Horse Hill Camping, drei Kilometer außerhalb des Village) und mehrere beschilderte Tageswanderungen im Tal bietet, lege ich hier einen längeren Zwischenstopp ein.

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Blick ins Tal des Mount Cook Nationalparks
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Der White Horse Hill Campingplatz

Die mit Abstand schönste und bekannteste Wanderung im Nationalpark ist der „Hooker Valley Track“ (Fotogalerie):

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Auf diesem steilen Weg ist die „Muellers Hut“ erreichbar, die angeblich den besten Blick auf den Mount Cook bietet. Ich musste die Wanderung aufgrund des Wetters leider abbrechen. Die restlichen beschilderten Touren des Nationalparks nehmen höchstens eine Stunde in Anspruch, bieten aber allesamt lohnende Aussichten.

Da die Zeit drängt, geht es schneller als gewünscht weiter nach Queenstown. Die „Adrenalin-Hauptstadt“ der Welt liegt im Herz der Südinsel und lockt Touristen aus aller Welt an. Wie im weiteren Verlauf des Artikels noch näher beleuchtet werden wird, ist das Angebot an Extremsportarten kaum zu übertreffen. Darüber hinaus ist die Stadt selbst eine der schönsten in ganz Neuseeland: Queenstown schmiegt sich an einen engen Fjord, über dem am Abend spektakuläre Sonnenuntergänge beobachtet werden können, und wird von beeindruckenden Bergketten flankiert. Zahlreichen Szenen der „Herr der Ringe“-Filme wurden hier gedreht. Mit dem „Ben Lomond Track“ ist zudem eine Wanderung zu unternehmen, die zu meinem Top 5 im ganzen Land zählt. Am Abend verwandelt sich Queenstown dann in die Partyhauptstadt Neuseelands – zahlreiche Bars und Clubs werden zum Treffpunkt internationaler Backpacker, die ihren adrenalingeladenen Tag Revue passieren lassen. Viele Restaurants haben bis tief in die Nacht geöffnet.

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Queenstown
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Zu den wenigen „klassischen“ Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört diese schöne Gartenanlage am Seeufer

Der Ben Lomond Track mit Herr-Der-Ringe-Szenerie (Fotogalerie):

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Nach einigen längeren Wanderungen, die ich in der „Great Walk“-Reportage bereits vorgestellt habe, geht es schließlich nach Wanaka. Wieder an einem See gelegen, ist die Stadt Ausgangspunkt zur „Roy´s Peak“-Wanderung, die zum bekanntesten Aussichtspunkt des ganzen Landes führt. Eintausend vierhundert Höhenmeter geht es steil bergauf (und im Anschluss wieder bergab), ehe ein spektakulärer Grat erreicht wird. Hier bietet sich – bei gutem Wetter – ein fantastischer Blick auf die umliegenden Seen und Berge. Leider fing es bei meiner Wanderung jedoch abrupt an, zu schneien! Die Sicht war dementsprechend enttäuschend.

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Der markante „Wanaka Tree“ – ein beliebtes Fotomotiv
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Auf dem Weg zu Roy´s Peak fing es plötzlich an zu schneien!
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Die spektakuläre Sicht ließ sich so nur erahnen

Was sich wie ein roter Faden durch diesen Abschnitt meiner Reise zieht und in diesem Artikel näher beleuchtet werden soll, sind Grenzerfahrungen. Extremsportarten sind eine relativ neue Sparte der Freizeitindustrie, die noch immer stetig wächst und in Neuseeland besonders verbreitet ist. Schauen wir uns beispielhaft die Geschichte des oben beschriebenen Bungy-Sprungs an: In den 1970er-Jahren etablierten sich auf der polynesischen Inselgruppe Vanuatu die sogenannten „Lianenspringer“, die sich von einer Kokospalme stürzten. Wenige Jahre später kam der Neuseeländer AJ Hackett, berühmt für seinen späteren Sprung vom Pariser Eiffelturm, auf die Idee, das Konzept kommerziell zu nutzen. Die erste Sprungplattform entstand auf der Kawarau Bridge bei Queenstown. Heute sind Bungy-Sprünge weltweit verbreitet und die unumstrittene Hauptattraktion Queenstowns. Die nach ihrem Gründer benannte Firma AJ Hackett bietet mittlerweile drei verschiedene Sprünge an; der furchteinflössendsten davon aus über 130 Metern Höhe.

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Der Bungy-Jump von Taupo

Viele andere Sportarten stehen dem in nichts nach. Bei gigantischen Pendeln – den sogenannten „Swings“ – schwingt der Fahrgast durch einen hunderte Meter tiefen Canyon. „Jetboats“ rasen mit 100 km/h über enge Flüsse und lassen den Adrenalinspiegel mit waghalsigen Fahrmanövern in die Höhe schnellen. Und die aus deutschen Klettergärten bekannten Seilrutschen („Ziplines“) sind in der „Adrenalin-Hauptstadt“ über einen Kilometer lang. Rafting, Canyoning und Skydiving werden nicht nur in Queenstown, sondern auch in vielen anderen Regionen Neuseelands angeboten. Und „Downhill-Parks“ – eine Ansammlung beschilderter Mountainbikestrecken – revolutionieren das klassische Fahrradfahren: Hier ist die Strecke mit natürlichen Hindernissen, Gräben, Steilkurven und Flugmanövern gespickt. Ich besuche zwei solcher Parks in Kaiteriteri und Wanaka.

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Canyoning im Abel Tasman Nationalpark
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Der Übersichtsplan des „Downhill-Parks“ in Wanaka. Über 60 markierte Strecken stehen zur Auswahl!
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So sieht ein typischer „Trail“ aus

All diese Angebote, die sich in den letzten Jahrzehnten auf der ganzen Welt etablierten, bringen auf den ersten Blick viele Nachteile mit sich. Die Preise sind exorbitant hoch – in Queenstown zahlt man für einen Bungy-Sprung mindestens 120, für eine einstündige Jetboat-Fahrt 80 und eine halbtägige Canyoning-Expedition ganze 200 Euro. Wenn das Erlebnis (wie beim Bungy-Sprung) dann auch noch nach wenigen Sekunden vorbei ist, kann getrost von einem schlechten Preis-Leistungs-Verhältnis gesprochen werden. Dazu kommt das erhebliche Sicherheitsrisiko: Gerade beim Bergsteigen, Mountainbiken und Klettern kommen in jedem Jahr Tausende Menschen ums Leben.

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Angebote in Queenstown

Ziehen wir ein weiteres Beispiel hinzu, ehe wir auf die Bedeutung all dessen zu sprechen kommen: Auch das Bergsteigen im Mount Cook Nationalpark passt in die Reihe der Grenzerfahrungen. Hier trainierte beispielsweise der weltberühmte Bergsteiger Sir Edmond Hillary für seine Erstbesteigung des Mount Everest. Begeben sich Wanderer in derart hohe Gegenden des Gebirges, sind die Risiken enorm. Vierzig Prozent des neuseeländischen Nationalparks sind vergletschert, dazu kommen die Gefahren durch Lawinen und Wetterumschwünge. Bei der versuchten Besteigung des Mount Cook wurden bis heute 237 Todesfälle gezählt. Und trotzdem versuchen es waghalsige Extremsportler immer wieder aufs Neue! Weitere, global anzutreffende Angebote, vervollständigen das Bild: Vergnügungsparks, Horrorattraktionen, Marathon- und Hindernisläufe, Überlebenstraining. Überall steht die Herausforderung im Zentrum des Interesses.

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Die Statue Sir Edmond Hillarys überblickt den Mount Cook Nationalparks. Im Dorf befindet sich zudem ein dem Bergsteiger gewidmetes Museum

Beispiel 2: In Los Angeles besuchte ich den Vergnügungspark „Six Flags Magic Mountain“. Dieser bietet alleine 19 Achterbahnen, eine spektakulärer als die andere! (Fotogalerie)

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Beispiel 3: Hoch über Las Vegas, auf der Aussichtsplattform des Hotels „Stratosphere“, befindet sich in 350 Metern Höhe ein kleiner Vergnügungspark

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Diese Achterbahn vermittelt dem Fahrgast das Gefühl, in den Abgrund zu rasen, …
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… während man in diesem Rundfahrgeschäft …
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… plötzlich 350 Meter über dem Boden schwebt

Beispiel 4: Der „Strongmanrun“, ein bekannter Hindernislauf in Deutschland. Hier zahlen die Teilnehmer über 80 Euro, um die 12 Kilometer lange Strecke bezwingen zu „dürfen“:

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Warum sind all diese Angebote trotz all der Nachteile derart beliebt? Die Antwort liegt auf der Hand: Es geht dem Menschen um die Herausforderung. Es geht um das Gefühl, die Herausforderung angenommen und gemeistert zu haben. Es geht um ein Gefühl. Wir wollen uns selbst (und im Zeitalter sozialer Netzwerke sicherlich auch anderen) etwas beweisen. Wir wollen besser sein, als wir es zum Zeitpunkt dieser Überlegung sind.

Interessant ist, dass es zumeist nicht bei einer einzigen Herausforderung bleibt. Hat der junge Mann aus unserem Anfangsbeispiel seinen Bungy-Sprung aus 50 Metern hinter sich, wird schon bald ein weiterer Folgen – dieses Mal vielleicht aus hundert Metern. Und hat er schließlich auch die höchsten Sprungplattformen bezwungen, bleibt nur noch ein Fallschirmsprung als nächster Schritt. Andere Extremsportler verfolgen dasselbe Prinzip: Hat ein Bergsteiger einen hohen Gipfel bestiegen, wird er sich umgehend ein neues Ziel setzen, einen noch höheren Berg, eine noch größere Herausforderung. Und hat der Mountainbikefahrer einen roten (mittelschweren) Downhill-Parcours bezwungen, wird er direkt im Anschluss eine schwarze (noch schwerere) Strecke in Angriff nehmen. Natürlich sind all das nur Beispiele – doch es handelt sich um ein Verhaltensmuster, das auffallend oft auftritt. Und das nicht nur auf dem Gebiet der Extremsportarten.

Das ständige Streben nach mehr zeigt sich gerade im Zuge der Globalisierung mit voller Wucht. Ob Geld, Ansehen, Sicherheit oder eben bezwungene Herausforderungen – der Mensch ist nie zufrieden. Wir haben es mit einer Spirale zu tun, die keine Grenze hat. Welche Wirkung das Streben nach Profit und Ansehen hat, konnten wir bereits am Beispiel des architektonischen Wandels zeigen. Und auch bei der Entstehung weiterer in diesem Blog behandelten Themen spielt dieser Mechanismus eine wichtige Rolle: Die soziale Spaltung der Gesellschaft hat genau wie der Zerstörung unseres Planeten viel mit dem Streben nach „mehr“ zu tun – seien es Geld, Ressourcen oder Konsumgegenstände. Und auch im Sport lassen sich die oben genannten Spiralen hervorragend verorten.

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Moderne Gebäude werden häufig an den Bedürfnissen der Allgemeinheit vorbeigeplant

Ein wichtiger Aspekt muss noch hinzugefügt werden. Eine Forschungsarbeit von Richard Easterlin zeigte einst, dass Menschen mehr Geld tatsächlich glücklicher sind – aber nur, wenn sie dadurch plötzlich über dem Existenzminimum leben. Ab einer gewissen Schwelle geht es dagegen mehr um den sozialen Vergleich – wie ein berühmtes Beispiel zeigt. Stellen wir uns folgende Situation vor: Du hast die Möglichkeit zwischen zwei Einkommensvarianten, A und B. Variante A sieht ein Jahresverdienst von 100.000 Euro vor, während deine Kollegen 130.000 Euro einstreichen. Bei Variante B verdienst du mit 80.000 Euro etwas weniger, die Kollegen allerdings nur 60.000 Euro und somit weniger als du selbst. Umfragen zeigen, dass sich ein Großteil der Menschen für die zweite Option entscheiden würde! Es scheint also eher darum zu gehen, besser zu sein, anstatt viel zu haben.

Die Frage, die zwangsläufig gestellt werden muss, liegt auf der Hand: Ist es denn wirklich immer notwendig, besser zu sein? Immer mehr zu haben als die Anderen? Es existieren zahlreiche Studien, die das Gegenteil beweisen. Einflussreiche beziehungsweise reiche Menschen seien keinesfalls glücklicher, lautet die Schlussfolgerung. Und dennoch ist der dargestellte Spiralmechanismus in unserer heutigen Welt fest verankert. Was auf der einen Seite eine Problemursache ist, liefert uns gleichzeitig eine wichtige Idee: Wollen wir im Zuge dieses Projekts eine bessere Welt entwerfen, kann an genau diesen Spiralen angesetzt werden! Können diese unterbrochen oder zumindest eingedämmt werden, steht die Zukunft gleich in deutlich besserem Licht. Verzichten wir (allgemein gesprochen Menschen in infrastrukturell weit entwickelten Gegenden) auf das ständige Streben nach mehr, würde sich die Situation in anderen Regionen der Erde umgehend verbessern. Doch: Wie schwer dieses Umdenken ist, zeigt die Spirale des Extremsports.

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Ein Graffiti in Christchurch zeigt, was wirklich wichtig ist

Und dennoch gibt es keine Alternative.

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