Christchurch – Nach dem Erdbeben

Mitte März verlasse ich Blenheim. Der Abschied fällt mir überraschend schwer, ist die auf den ersten Blick graue Stadt doch  zu einem echten „Home away from home“ geworden. Doch mir bleiben nur noch fünf Wochen bis zum Weiterflug – und es gibt noch viel zu sehen. In den nächsten Wochen soll es nun über Neuseelands Südinsel gehen. Erstes Ziel ist Christcurch, das vierhundert Kilometer weiter im Süden liegt. Die berühmte Straße entlang der Ostküste hält alle Erwartungen und bietet herausragende Blicke auf Seelöwen und Robben, die sich auf aus dem Meer hinausragenden Felsen sonnen. In Kaikoura, das als Zentrum sündhaft teurer Wal- und Delfinsafaris bekannt ist, legen wir einen kurzen Stopp ein, ehe es in der Abenddämmerung weiter in Richtung Süden geht.

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Der Strand von Kaikoura eignet sich nicht zum Baden, gehört aber zu den schönsten in ganz Neuseeland
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Die Küste zwischen Kaikoura und Chirstchurch hält dieses Niveau

Christchurch ist die Hauptstadt Canterburys, einer landschaftlich herausragenden Region, die allerdings einen entscheidenden Nachteil aufweist:  Sie liegt direkt über der Schnittstelle zweier Kontinentalplatten. Direkt unter dem Festland Neuseelands treffen die Pazifische und Australische Platte aufeinander – was für eine besonders hohe Zahl an starken Erdbeben sorgt. Ein Phänomen, das in allen Ländern mit ähnlichen geologischen Eigenschaften auftritt: Island, das über der eurasischen und nordamerikanischen Kontinentalplatte liegt, Japan (zwischen eurasischer, nordamerikanischer und philippinischer Platte) und die Westküste Südamerikas (zwischen Nazca- und Südamerikanischer Platte) sind nur drei der bekanntesten Beispiele. Der entscheidende Punkt ist, dass Kontinentalplatten ständig in Bewegung sind: Kommt es zu einer Verkeilung zweier „Nachbarn“, entladen sich die gewaltigen Spannungen in Form eines Bebens an der Erdoberfläche.

Zurück nach Christchurch: Zwei solche Erdbeben haben die neuseeländische Stadt so stark geprägt, dass die Folgen noch heute sichtbar sind. Im Jahr 2010 sorgte das „Darfield-Beben“ für Aufsehen, das eine Stärke von 7,1 auf der Richterskala erreichte. Da das Epizentrum vierzig Kilometer westlich der Metropole lag und das Beben am frühen Morgen einsetzte, kamen keine Menschen ums Leben. Dennoch wurden zahlreiche Gebäude schwer beschädigt. Ein Jahr später, am 22. Februar 2012, ereignete sich schließlich ein zweites folgenschweres Erdbeben – und diesmal waren die Umstände deutlich unglücklicher. Das Beben der Stärke 6,3 entstand ungewöhnlich nah unter der Oberfläche, hatte sein Epizentrum nur 10 Kilometer außerhalb der Stadt und vollzog sich auch noch zur Mittagszeit. 185 Menschen kamen ums Leben. Rund 5900 Menschen wurden schwer verletzt, große Teile der Stadt vollständig zerstört. 80 Prozent der Innenstadt und über 100.000 Gebäude überstanden die Katastrophe nicht. „Dies ist Neuseelands dunkelster Tag“, sagte Premierminister John Key einige Tage nach dem Beben. Christchurch schien am Ende.

Die Schäden der Katastrophe sind noch immer in der ganzen Stadt präsent (bitte durch die Fotogalerie klicken). Die Bilder stammen aus dem Jahr 2018.

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Für jedes Todesopfer wurde bei der Errichtung dieses Denkmals ein weißer Stuhl aufgestellt

Doch sieben Jahre nach dem Unglück erstrahlt die Stadt – zumindest teilweise – in neuem Glanz. Chirstchurch ist im Jahr 2018 eine einzigartige Mischung aus zerstörten und neuen, hochmodernen Gebäuden, die insbesondere im Stadtkern in die Höhe wachsen. Heute schwärmen sowohl Einheimische als auch Touristen über die drittgrößte Stadt des Landes – was vielfältige Gründe hat. Die weitläufigen Gärten, die größtenteils erhalten werden konnten und Christchurch den Beinamen „Garden City“ verleihen, sind einer davon. Die berühmte „New Regent Street“, die zu den schönsten Restaurantmeilen in Neuseeland gehört, ein weiterer. Doch es ist in erster Linie die Atmosphäre, die Christchurch zu einer meiner absoluten Lieblingsstädte macht. Eine Atmosphäre, die auf dem beruht, was in den sieben Jahren nach dem Erdbeben in dieser Stadt geschehen ist.

Die Botanischen Gärten von Christchurch (Fotogalerie):

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Die „New Regent Street“

Mittlerweile wurden zahlreiche Neubauten fertiggestellt (Fotogalerie):

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Dieser Wandel kam überraschend – denn direkt nach dem Erdbeben erschien die Lage aussichtslos. Es waren nicht nur die Todesopfer: Rund 10.000 Wohnhäuser mussten abgerissen werden, viele Menschen verloren ihren komplette Lebensgrundlage. Genau wie viele markante und wichtige Gebäude (unter Anderem die berühmte „Christchurch Cathedral“, die noch immer als Mahnmal neben dem Cathedral Square in den Himmel ragt) wurde die Kanalisation schwer beschädigt. Strom und Wasser waren wochenlang nicht zu benutzen. Die Stadt war im Ausnahmezustand, die Einwohner der Verzweiflung nahe. Ein Video, das zwei Skateboardfahrer auf einer Tour durch die zerstörte Stadt zeigte, ging um die Welt. Niemand, wirklich niemand, konnte damals ahnen, was an diesem Ort in den nächsten Jahren passieren würde.

Hier geht es zu dem genannten Skateboarding-Video

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Die Christchurch Cathedral nach der Katastrophe

Christchurch hat den Neustart als Chance genutzt. Mein erster Eindruck der Stadt ist ein futuristisches Busterminal, das nach herausragenden ökologischen Standards errichtet wurde und sinnbildlich für die Entwicklung nach dem Erdbeben steht. Als ich zu meinem Hostel laufe, passiere ich einige Orte, die ich in den kommenden Tagen noch genauer unter die Lupe werden nehme: Der Margaret-Mahy-Kinderspielplatz, der um 23.00 Uhr abends einem Jahrmarkt gleicht, ein Lichterfestival am Fluss Avon, das illuminierte Kunstinstallationen mit Live-Acts und Essensmeilen kombiniert, und eine öffentliche Attraktion namens „Dance-O-Mat“ sind nur einige Beispiele. Die Stadt sprüht vor Lebensfreude, Kreativität und Gemeinschaftsgefühl – 2018 ist Christchurch trotz all der noch immer sichtbaren Schäden eine Stadt, in der ich mich sofort zuhause gefühlt habe.

Das Lichterfestival am Fluss (Fotogalerie):

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Doch der Reihe nach: Was ist in den vergangenen sieben Jahren im Zentrum der neuseeländischen Südinsel geschehen? Von Anfang an zeigte sich, dass das Erdbeben zwar Straßen, Gebäude und Kanäle der Stadt zerstört hatte – nicht aber ihre Seele. Der erste Schritt war der Aufbau einer notdürftigen Infrastruktur. Schon hier bewiesen die Bewohner Christchurchs inspirierende Kreativität: Die „Re-Start-Mall“ wurde aus Schiffscontainern erbaut, die mit Graffitis und Streetart geschmückt wurden und verschiedenen Unternehmen ein neues Zuhause bot. Ihre Büros und Geschäfte waren durch das Beben zerstört worden. Mit der „Cardboard Cathedral“ entstand eine Kirche aus Stahlträgern und Pappröhren. Und das Projekt „Long Drop“ forderte die gesamte Stadtbevölkerung auf, möglichst innovative Plumpsklos zu konstruieren. Eine Fotoausstellung im Museum „Quake City“ zeigt heute, wie dabei die verrücktesten Ideen umgesetzt wurden.

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Heute wurde die Re-Start-Mall größtenteils rückgebaut – die Unternehmen können in neue Büros und Geschäfte einziehen. Noch immer vorhanden ist allerdings dieser Foodmarkt, der jeden Tag hervorragend besucht ist
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Die provisorische „Cardboard Cathedral“ von außen. Das Gebäude soll höchstens 50 Jahre genutzt werden
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So sieht die Kathedrale von innen aus
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Das Museum „Quake City“ zeigt die in diesem Artikel genannten Ausstellungen

Auch sonst versuchten die Menschen, das Beste aus der Situation zu machen. Nicht mehr nutzbare Flächen wurden zum Eventgelände, Schutt zu frischem Baumaterial. Inmitten von Trümmern entstand eine asphaltierte Fläche, die zum „Dance-O-Mat“ ausgebaut wurde. Hier kann jedes beliebige Smartphone an ein provisorisches DJ-Pult angeschlossen werden, das von bunten Scheinwerfern flankiert wird. Und schon verwandelt sich der Asphaltplatz daneben zum Tanzclub für die ganze Stadt. Eine Gruppe Studenten konstruierte parallel eine Minigolfanlage aus den Überresten ehemaliger Gebäude. Weitere Flächen wurden zu Freilichtkinos oder öffentlichen Bühnen.

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Ein innovatives Bürogebäude nahe der „Quake City“

Zur gleichen Zeit entstand ein Masterplan, der Christchurch durchdacht in eine bessere Zukunft leiten sollte. Von Anfang an wurde die Bevölkerung in diese Planungen involviert. Im August 2011 – etwa ein halbes Jahr nach der Katastrophe – fanden erste Gespräche statt, an denen sowohl Bürger als auch Architekten, Investoren und Politiker teilnahmen. Schnell wurde ein Ziel aufgestellt, das bis heute als Leitmotiv der Umgestaltungen fungiert: Christchurch soll zur lebenswertesten Stadt auf diesem Planeten werden. Viele Aspekte, die bis heute umgesetzt werden konnten, ähneln der in diesem Blog am Beispiel Singapurs vorgestellten „Stadt der Zukunft“: Ansprechende Wohnblöcke, die Schaffung von Begegnungsstätten, der Erhalt von Grünflächen sowie eine umweltverträgliche Verkehrsinfrastruktur. In der Tat ist die Innenstadt Christchurchs heute nahezu autofrei – die dominierenden Verkehrsmittel sind Fahrrad und Straßenbahn.

2018 sind viele der Gebäude, die im Rahmen des Masterplans zwangsläufig errichtet werden müssen, fertig. Die Innenstadt erstrahlt im neuen Glanz; moderne Malls, Restaurants und Wohnhäuser reihen sich nur so aneinander. Spannend ist, worauf sich die Neubauten eindeutig fokussieren: Schon im Masterplan wurde festgestellt, dass Begegnungsstätten im neuen Christchurch eine wichtige Rolle spielen sollen. So entsteht derzeit beispielsweise das neue „Convention Center“, ein futuristisches Veranstaltungszentrum. Und ein weiteres Pilotprojekt ist der oben genannte Margaret-Mahy-Spielplatz, der sich am Rand des ebenfalls restaurierten Flusses Avon erstreckt. Angeblich handelt sich um den größten Spielplatz der Südhalbkugel, der nach den fantasievollen Büchern der namensgebenden Autorin gestaltet wurde. Dass es sich laut TripAdvisor um die bedeutendste Attraktion der Stadt handelt, sagt einiges aus. Am Rand des Spielplatzes stehen mehrere Grillhütten, die kostenlos genutzt werden können und ebenfalls als Begegnungsstätte fungieren.

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Der Margaret-Mahy-Spielplatz …
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… ist zu jeder Tageszeit gut besucht
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Am Rand stehen diese Grillhütten bereit

Schauen wir auf die jüngere Geschichte Christchurchs zurück, können wir eine ganz wichtige Komponente hinauslesen: Den Gemeinschaftsaspekt. Dass die größte Stadt der neuseeländischen Südinsel die Katastrophe von 2011 so gut überstanden hat und heute lebenswerter denn je daherkommt, hat viel mit der Art des Vorgehens zu tun. Als das Erdbeben zahlreiche Häuser zerstörte, kamen die Bewohner bei anderen Bürgern unter. Gemeinsam bastelten die Menschen an einem Plan, ihrer Stadt eine Zukunft zu geben. Innovative Notfallkonzepte zeigten, wie effektiv gemeinsame Arbeit vorankommt. Die in diesem Artikel genannten Projekte – seien es der „Dance-O-Mat“, die Minigolfbahn der Studenten, die Freiluftkinos oder die Re-Start-Mall – dienten in erster Linie dazu, Menschen zusammenzubringen. In der ganzen Stadt verbreitete sich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Kreativität und Zuversicht förderte. Noch heute schwärmen Betroffene von der Stimmung, die in den Jahren nach der Katastrophe herrschte. Und schließlich wurde der Aspekt des Zusammenlebens auch in der Stadtplanung berücksichtigt – mit dem Margaret-Mohy-Spielplatz und seinen Grillplätzen oder dem Convention Center entstanden Orte, an denen sich die ganze Stadt versammeln kann. Das neue Christchurch wurde nach den Bedürfnissen der Menschen geplant – und nicht für eine möglichst gute Außendarstellung oder möglichst hohe Wirtschaftsleistung. Dass dies in der heutigen Welt selten ist, haben wir am Beispiel der Architektur bereits näher unter die Lupe genommen.

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Für GLOBALIZED ist das Beispiel Christchurch ein ganz wichtiges. Betrachten wir heute unseren Planeten, sehen wir uns mit einer schrecklichen Situation konfrontiert. Obwohl der Vergleich hinkt, ist sie Christchurch im Jahr 2011 gar nicht so unähnlich – in unserem Fall sind es eben Ressourcenvorhaben, Ökosysteme und Arten, die zerstört worden sind. Und auch in unserem Fall besteht keine Möglichkeit, die alte Situation wieder herzustellen. Aber wir können Schadensbegrenzung betreiben – und in dieser Notsituation eine Welt entwerfen, die wieder lebenswert, kreativ und zukunftsfähig ist. Eine Welt, die dem heutigen Christchurch ähnelt. Denn: Noch sind wir am Leben, noch haben wir die Chance, einen Wandel herbeizuführen. „Life is beautiful“ steht auf einem Graffiti, das nach dem Erdbeben in Christchurch entstand – eine Aussage, die die notwendige Fokussierung auf das Wesentliche auf den Punkt bringt. Wie wir in Zukunft vorzugehen haben, lehrt uns die neuseeländische Stadt ebenfalls: Als Gemeinschaft. Es geht nur gemeinsam. Wir müssen alle an einem Strang ziehen, weltweit, global. Denn dann ist das Potenzial grenzenlos.

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