Blenheim – Arbeitsteilung

Mitte Februar, rund drei Monate nach dem Start meiner Weltreise, nehme ich meinen ersten Aushilfsjob an. Da mir eine Unterkunft vor Ort besonders gut gefällt (das Duncannon Backpackers), fällt meine Wahl auf eine Weinarbeiterstelle in Blenheim. Die 50.000-Einwohner-Stadt liegt im Norden der Südinsel und ist nicht sonderlich spannend – viele bezeichnen sie gar als hässlichsten Ort in ganz Neuseeland. Fakt ist, dass der Altersdurchschnitt hier landesweit am höchsten ist und die Stadt keinerlei herausstechende Sehenswürdigkeiten bietet. Dennoch verbringe ich hier sechs wirklich schöne Wochen, da meine Unterkunft die Erwartungen hält und Blenheims Innenstadt einige positive Überraschungen bereithält: Ein modernes Schwimmbad, eine große Bücherei, ein Kino mit günstigen Spezialangeboten und mehrere nette Restaurants. Direkt an Duncannon sind zudem ein Sportplatz und eine Badestelle am Fluss angeschlossen.

dav
Das Zentrum von Blenheim ist optischer Höhepunkt der Stadt
sdr
Im „Stadium 2000“ war ich Stammgast
dav
Die besten „Fish and Chips“ in ganz Neuseeland gibt es (meiner Meinung nach) im „Main Street Fish n Chips“ nahe des Mc Donald´s
dav
In Duncannon werden die Gäste in Zweibett-Bungalows untergebracht. Die Anlage bietet weiterhin saubere Bad- und Küchenbereiche, eine Fitnessraum, Billard und Tischkicker, einen Fußballplatz, eine Badestelle und annehmbares WLAN

Die Arbeit an sich ist hart. Blenheim liegt im Herzen Marlboroughs, der Weinbauregion Nummer eins in Neuseeland. Folglich leben hier hunderte Backpacker, die sich auf dem Weinberg ihre Reisekasse aufbessern wollen – in meiner Unterkunft sind es rund 90 Prozent der Gäste. Während meines Aufenthalts (im Januar und Februar) stehen Arbeiten an, die kurz vor der bevorstehenden Ernte durchgeführt werden müssen: Das Zurückschneiden von Ästen und Blättern, Aussortieren von verfaulten oder unreifen Treiben sowie das Spannen von Netzen, die vor hungrigen Vögeln schützen sollen. Die Art der Aufgaben hängt, genau wie die benötigte Zahl an Arbeitern, von der Jahreszeit ab. Im Februar stehen beispielsweise Ernte und Weinproduktion, im April das Anbauen der neuen Pflanzen auf der Tagesordnung.

dav
Die Weinfelder sind in der Regel landschaftlich anspruchsvoll

Spielt das Wetter mit, wird sechs Tage pro Woche gearbeitet. Am Sonntag legen wir einen Ruhetag ein, der zu Ausflügen in die Umgebung genutzt werden kann. Ansonsten stehen schon um sechs Uhr morgens Mini-Vans bereit, welche die in zehnköpfige „Teams“ eingeteilten Arbeiter auf die Weinfelder bringen. Dort arbeiten wir effektiv zwischen sechs und neun Stunden und kehren erst am späten Nachmittag nach Duncannon zurück. Da der Job den neuseeländischen Mindestlohn (rund 10.75 Euro) garantiert und sogar noch mehr verdient werden kann (ein Großteil der Arbeiten wird nach Leistung, also beispielsweise der Anzahl an gespannten Netzen oder geschnittenen Pflanzen, bezahlt), kommen die sechs Wochen meiner Reisekasse sehr zugute. Die Arbeit wird durch die Monotonie der Aufgaben und die in einem früheren Beitrag untersuchte Sonnenstrahlung erschwert, bietet aber viel Zeit zum Nachdenken. Zudem ist es erlaubt, über Kopfhörer auf einem Ohr Musik zu hören. Was zahlreiche Backpacker erzählen, stimmt tatsächlich: Harte Jobs machen dich psychisch stärker.

dav
Mit diesen Vans geht es von Feld und Feld. Immer mit dabei: Die mobile Toilette
dav
Das frühe Aufstehen hat einen großen Vorteil: Auf dem Weinfeld können spektakuläre Sonnenaufgänge beobachtet werden 

Genauer abschauen wollen wir uns im Kontext von GLOBALIZED, wie der Weinanbau in einer Region wie Marlborough (mit Blenheim als Zentrum) organisiert ist. Vergleichen wir die heutige Struktur mit der vor vielen Jahrzehnten, lässt sich ein Wandel herauslesen, den wir bei genauerer Betrachtung weltweit beobachten können. Tatsächlich ist dieses Phänomen – die sogenannte „Arbeitsteilung“ – eine wesentliche Eigenschaft der Globalisierung, die viele der auf dieser Website behandelten Themen beeinflusst. Durch die Entwicklung technischer Geräte und Kommunikationssysteme, den Aufbau weltweiter Transport- und Handelsnetze sowie die Stärkung internationalen Austauschs haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Prozesse auf globale Ebene verlagert. Konzerne agieren auf der ganzen Welt, Herstellungsketten führen über dutzende Stationen, und auch ausgefallene Produkte sind auf der ganzen Welt erhältlich.

Am Beispiel von Produktionsprozessen wird besonders gut deutlich, dass all diese Entwicklungen einen gemeinsamen Nenner haben. Denn in den durch die Globalisierung geschaffenen Strukturen bietet es sich an, Arbeitsschritte aufzuteilen: 1776 stellte der Ökonom Adam Smith die Theorie auf, jedes Land solle sich auf die Produktion bestimmter Güter spezialisieren, die günstiger oder schneller als in anderen Regionen hergestellt werden können. Werden diese Produkte im Anschluss auf dem Weltmarkt angeboten, profitieren Käufer und Verkäufer gleichermaßen. Der Engländer Daniel Ricardo zeigte einige Jahre später, dass das Modell sogar dann funktioniert, wenn eines von zwei Ländern ausschließlich höhere Produktionskosten aufweist (und sich dennoch auf bestimmte Waren spezialisiert).

Hier wird die Idee Ricardos – der relative Kostenvorteil – in einem Video erklärt

Als der Menschheit bewusst wurde, dass Arbeitsteilung die Gesamtsituation auf ein höheres Level heben kann, setzen sich die oben genannten Entwicklungen in Gang. Heute baut nahezu die gesamte Weltwirtschaft darauf aus. Die Herstellung zahlreicher moderner Produkte basiert auf unzähligen Arbeitsschritten, die von verschiedenen Trägern in verschiedenen Ländern durchgeführt werden – stets dort, wo die Bedingungen am geeignetsten sind. Konzerne teilen Arbeitsbereiche auf Experten auf, die sich auf ihr Fachgebiet konzentrieren können. Ich selbst schreibe beispielsweise für eine Plattform, die nach genauen Vorgaben formulierte Texte an Unternehmen, Blogger oder Werbeagenturen verkauft. Und auch wir selbst, die Menschen in einem bestimmten Land wie Deutschland, bekommen die Vorteile internationaler Arbeitsteilung zu spüren: Da Produktionsketten durchdacht konstruiert werden, sinken die Preise vieler wichtiger Konsumgegenstände, während die Qualität steigt.

IMG-20180430-WA0005
Beispiel Textilproduktion: Kleidungsstücke sind nur deshalb so günstig zu erwerben, weil sie in Ländern mit deutlich niedrigerem Lohnniveau hergestellt werden

Wie passt nun die Weinindustrie Marlboroughs in dieses Themenfeld? Schauen wir uns die Ausgangslage an. Auch vor vielen Jahrzehnten, lange vor dem beleuchteten Wandel, wurde bereits Wein produziert. Schon im Jahr 5800 v.Chr. kann der Anbau von Weinreben im heutigen Georgien nachgewiesen werden. In der Regel gehörten die Felder Privatpersonen oder Familien, die sich um den gesamten Produktionsablauf kümmerten und den Wein schlussendlich auch selbst verkauften – in der Regel auf einem Markt oder im eigenen Hofladen. Heute stellt sich die Situation anders dar: Zahlreiche Unternehmen wirken bei der Herstellung gefüllter Weinflaschen mit, die schlussendlich in einem gewöhnlichen Supermarkt zu kaufen sind. Die Produktion gliedert sich in mehrere Schritte, die vollkommen isoliert voneinander stattfinden. Backpacker, die Netze spannen, Zweige zurückschneiden oder faule Trauben entfernen, haben in der Regel keine Ahnung, wo die Weine schließlich gepresst und gefiltert werden. Und Transportunternehmen, die gefüllte Weinflaschen über den Erdball verteilen, wissen ebenso wenig, wer die hochwertigen von den faulen Trauben getrennt hat.

Ich selbst bekomme in Blenheim nur einen Teil dieser Kette zu Gesicht. Meine Unterkunft arbeitet mit der Hortus Ltd zusammen; einem Unternehmen, dass Arbeiter an die Besitzer von Weinfeldern vermittelt. Während meines Aufenthalts feiert Hortus sein zehnjähriges Jubiläum. Bei der aufwändigen Feier auf dem Duncannon-Gelände blickt die Chefetage auf eine „grandiose Erfolgsgeschichte“ zurück: Hortus ist ein wachsendes Unternehmen, das auf immer mehr Weinfeldern in ganz Marlborough agiert. Das System funktioniert eben. Die Weinfelder, die teilweise dutzende Quadratkilometer messen, gehören anderen Unternehmen, die gezwungenermaßen auf Saisonarbeiter zurückgreifen müssen. Diese wiederum werden in Duncannon untergebracht, das sich auch noch um den Transport zu den Einsatzorten kümmert. Hortus sucht im Internet nach Arbeitern und „Supervisorn“, welche die Arbeiten überwachen und in Kontakt zu den Weinbergbesitzern stehen.

dav
Die Größe vieler Weinfelder ist gewaltig. Teilweise fahren wir mit dem Van über zehn Minuten, um einen anderen Block (einen Teilabschnitt des Weinguts) zu erreichen

Bis der Wein schließlich beim Konsumenten landet, sind noch weitere Schritte von Nöten: Wiederum andere Unternehmen kümmern sich um die Weinproduktion und suchen nach Aushilfen in ihren Fabriken. Auch hier stellt Hortus Arbeiter. Transportgesellschaften exportieren den fertigen Wein schließlich ins Ausland, wo das Endprodukt an verschiedenste Geschäfte verkauft wird. Dieses verzweigte System, das Aufspaltung des Herstellungsprozesses in lokal und personell isolierte Arbeitsschritte, sorgt für eine möglichst hohe Qualität des Produkts. Die Weintrauben werden dort angebaut, wo die Bedingungen geeignet sind (für Blenheim sprechen beispielsweise die flache Topographie, das sonnige Klima sowie die zahlreichen potentiellen Arbeitskräfte), in Gegenden mit geeigneter Infrastruktur weiterverarbeitetet und schließlich auf der ganzen Welt verkauft. So kann auch in Ländern, die keine eigenen Trauben anbauen können, bezahlbarer und hochwertiger Wein getrunken werden.

sdr
Das weltweite Handelssystem ist nicht nur für die Weinproduktion elementar. Ein Großteil unserer Waren wird verschifft, was die Existenz großer Containerhäfen vorausgesetzt. Einer der weltweit größten befindet sich in Singapur (hier zu sehen aus der Seilbahn nach Sentosa Island): Rund 34 Millionen Container wurden im vergangenen Jahr umgeschlagen

Für GLOBALIZED ist diese weltweite Arbeitsteilung wichtig, da der Prozess nicht nur positive Aspekte aufweist. Wie in jedem komplexen System existieren bestimmte Nischen – Schwächen, die von skrupellosen Personen ausgenutzt werden können. Dass das Lohnniveau in Regionen wie Südostasiens grotesk niedrig ist (am Beispiel Bangkoks habe ich die dortige Situation näher untersucht), wird von globalen Unternehmen gnadenlos ausgenutzt. Hier ist die Textilproduktion ein populäres Beispiel. Auch technologische Massenware, in erster Linie Laptops und Smartphones, werden größtenteils in sogenannten „Billigländern“ hergestellt. Zudem ermöglicht es der Prozess der Arbeitsteilung,  Produktionsschritte vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Der Konsument kann – sofern er es überhaupt will – kaum noch nachvollziehen, wie, wo und von wem ein Produkt hergestellt wurde. Dass Massaker in Schlachthäusern (Bericht folgt), fragwürdige Lebensmittel oder der Einsatz von Kinderarbeit Grundpfeiler der derzeitigen Situation sind, ist nur die logische Folge.

IMG-20180430-WA0010
Nur wenige Menschen hinterfragen ernsthaft, welchen Weg ihre Kleidung genommen hat

Dass Globalisierung und Arbeitsteilung für einen nie zuvor erlebten Fortschritt gesorgt haben, ist Fakt. Weltweite Zusammenarbeit, die Aufspaltung von Prozessen und geschickt konstruierte Spezialisierungen bergen in unserer globalen Welt großes Potenzial. Gleichzeitig – und das zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Blog – wurden aber auch schwerwiegende Probleme verursacht. In wenigen Wochen wird GLOBALIZED versuchen, Leitmotive für eine bessere Zukunft aufzustellen: Und dabei wird das die Arbeitsteilung als komplexes Phänomen eine wichtige Rolle spielen. Eines muss jedem Konsumenten, also auch dir, bewusst sein: Beinahe jedes Produkt hat eine lange Herstellungskette hinter sich. Dazu zählen das Gerät, auf dem du diesen Bericht liest, Kleidungsstücke und Schuhe, aber auch Möbel, Fahrzeuge, Werkzeuge, Haushaltsgeräte und zahlreiche Lebensmittel. Hast du beim Kauf dieser Gegenstände hinterfragt, wie die einzelnen Arbeitsschritte ausgesehen haben? Ob eine der oben genannten Nischen genutzt worden sein könnte? Ob du persönlich dafür gesorgt hast, dass die Existenz von Kinderarbeit, Ausbeutung und Ressourcenverschwendung weiter gefestigt wird?

Lautet die Antwort ja, reihst du dich in eine große Gruppe an Menschen ein. Denn Unternehmen können nur dann undurchsichtige Produktionsketten aufstellen, wenn es die Konsumenten zulassen. Wildtierhandel, Sweatshops und Kinderarbeit können nur dann verbreitet existieren, wenn die entsprechenden Produkte gekauft werden. Dass die Transparenz von Arbeitsschritten immer geringer und der Zustand dieses Planeten immer schlimmer wird, hat einen simplen Grund: Dass es viele Menschen ganz einfach nicht interessiert.

dav
Das abschließende Fazit zu meinem Aushilfsjob: Ich kann es nur empfehlen, auf Marlboroughs Weinfeldern zu arbeiten! Die Landschaft ist einzigartig, und du wirst viele gleichgesinnte Backpacker aus aller Welt treffen 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s