Die „Great Walks“ – Organisiertes Wandern

Mitte Januar verlasse ich Coromandel Peninsula. Der Blick auf die Reisekasse verrät, dass es langsam an der Zeit ist, für einige Wochen nach einer Arbeit zu suchen: Folglich führt mein Weg in Richtung Süden, wo verschiedene Backpacker-Jobs zur Verfügung stehen. Am Ende fällt meine Wahl auf eine Weinbaustelle in Blenheim – mehr dazu im übernächsten Bericht. Von Coromandel City, dem Zentrum meines WOOOFing-Aufenthalts, fahre ich nach Wellington, wo die Autofähre auf die Südinsel ablegt. Bevor ich in Blenheim erneut für einige Wochen an einem Ort bleiben werde, warten am Nordzipfel der Südinsel noch zwei absolute Höhepunkte auf mich: Der Abel Tasman Coastal Track durch den namensgebenden Nationalpark sowie der Heaphy Track an der wilden Westküste.

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Die Hauptstadt Wellington – im Hintergrund ist das Parlamentsgebäude zu sehen – wird in einem der nächsten Beiträge noch genauer vorgestellt
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Die Fähre legt auf der Südinsel in Picton an – ein malerischer Ort am Ende dieses Fjords

Dabei handelt es sich um zwei Mehrtageswanderungen, die zu den sogenannten „Great Walks“ zählen – hervorragend ausgebaute Fernwanderwege, die von der nationalen Naturschutzbehörde, dem Department of Conversation (DOC), als landschaftlich herausragend eingestuft wurden. Bislang wurden im ganzen Land neun solcher „Great Walks“ aufgebaut, vier auf der Nord-, fünf auf der Südinsel. Ein weiterer soll in diesem Jahr fertiggestellt werden. Während meiner Neuseeland-Reise nehme ich mir insgesamt vier dieser Tracks vor: Den Tongariro Northern Curcuit auf der Nordinsel, den Routeburn Track im südlichen Fjordland sowie eben den Heaphy- und Abel Tasman Track im Norden der Südinsel. Alle vier Wanderungen, deren Streckenlänge zwischen 30 und 80 Kilometern liegt, werden zu einem absoluten Höhepunkt meiner Reise: Die „Great Walks“ werden ihrem Namen gerecht und sind allesamt unglaublich abwechslungsreich und beeindruckend. Es gibt kaum eine andere Möglichkeit, in solch kurzer Zeit so viele verschiedene Landschaften zu sehen. Den Sonnenuntergang, den wir am kilometerlangen Strand der Heaphy Hut beobachten können, werde ich genau wie das brutale Unwetter auf der Hochebene des Routeburn Tracks und die Ausblicke vom Gipfel des Mount Tongariro mit Sicherheit niemals vergessen.

Hier informiert das DOC ausführlich über seine „Premiumwanderwege“

Der Heaphy Track – meine persönliche Nummer Eins:

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Der Abel Tasman Track:

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Der Routeburn Track:

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Der Tongariro Northern Curcuit:

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Dass wir uns das Konzept der „Great Walks“ auf GLOBALIZED näher ansehen wollen (ausführliche Informationen zu den Wegen an sich findest du zudem demnächst im Reiseführer), hat allerdings einen anderen Grund. Denn: Im Zuge des nachhaltigen und umweltschonenden Tourismus, der in unseren Betrachtungen zum Phänomen des Massentourimus bereits eingeführt wurde, sind die 9 neuseeländischen Wanderwege ein absolutes Musterbeispiel.

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Kurzer Rückblick: In den Berichten zu meiner Asien-Reise haben wir viele Beispiele kennengelernt, wie Tourismus nicht aussehen sollte

Erst recht nach den Verfilmungen der „Herr der Ringe“-Trilogie und „der Hobbit“ fallen Touristen aus aller Welt in Neuseeland ein. Auch unter Backpackern hat sich das Land am anderen Ende der Welt längst zu einem der beliebtesten Ziele überhaupt entwickelt und eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut. Und all die Touristen kommen in erster Linie wegen der Natur nach Neuseeland: Hier sind keine Städte, Bauwerke oder historische Stätten, sondern Nationalparks, Fjorde, Gebirge, Strände und andere Naturphänomene die Hauptattraktion! Genau wie in vielen anderen Länder (unter Anderem Island, Brasilien, Südafrika, Indonesien oder Ecuador mit den Galapagosinseln) stellt sich also die komplizierte Aufgabe, die Wünsche von Wirtschaft und Tourismus mit den Bedürfnissen der Natur in Einklang zu bringen. Auf der einen Seite sind die Staaten abhängig von den gewaltigen Einnahmen, müssen sich im Zuge der auf diesem Blog dargestellten Entwicklung aber mehr denn je mit Zukunftsthemen auseinander setzen. Und hier hat Neuseeland einige gute Lösungen im Angebot.

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Viele der „Herr der Ringe“-Drehorte können bei spektakulären Wanderungen erlebt werden: Hier der Ben Lomond Track bei Queenstown

Seit 1987 existiert mit dem schon genannten Deparment of Conservation (DOC) eine Behörde, die landesweit für alle Facetten des Naturschutzes zuständig ist. Zu seinen Aufgaben gehört nicht nur der Schutz von Ökosystemen an Land und unter Wasser, sondern auch die Steuerung des  Tourismus. In ganz Neuseeland hat der DOC seit seiner Gründung Wander- und Fahrradwege, Nationalparks, Besucherzentren, Hütten und Campingplätze aufgebaut. Einer der Fixpunkte des langfristigen Plans sind die „Great Walks“: Hier sollen die Reisenden aus aller Welt die spektakulärsten Landschaften des Landes zu Gesicht bekommen, zum anderen aber auch auf ganz bestimmte Wege gelockt werden, die aufwändig gepflegt werden und höchsten Naturschutzstandards entsprechen. Und der Plan ging auf – die vom DOC zertifizierten Wege sind die mit Abstand beliebtesten Wanderwege des Landes und stehen bei vielen Touristen ganz oben auf der Liste. Das beste Beispiel dafür: Beim beliebtesten „Great Walk“, dem Milford Track, sind die Hütten oftmals über ein halbes Jahr im Vorraus ausgebucht.

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Auch beliebte Tageswanderungen, wie der Hooker Valley Track im Mount Cook-Nationalpark, werden vom DOC beschildert und gewartet
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Die DOC-Campingplätze (hier „One Horse Hill“ am Fuße des Mount Cook) sind in der Regel wunderschön gelegen

Das hat mit dem ersten Kniff zu tun, der dem ganzen Konzept zugrunde liegt: Die Anzahl der Touristen wird auf allen „Great Walks“ streng reguliert. Da alle Wege mindestens 30 Kilometer lang sind und teilweise extreme Steigungen aufweisen, werden zur Bewältigung mindestens zwei, oftmals sogar drei bis sechs Tage benötigt. Und da die „Great Walks“ nur am Start- und Endpunkt zugänglich sind (dazwischen führen die Wege durch Hochgebirge oder abgelegene Nationalparks), bleibt dem Touristen nichts anderes übrig, als mehrere Tage für die Wanderung einzuplanen. Folglich werden entlang der Strecke Übernachtungsmöglichkeiten benötigt – die der DOC in Form von Berghütten und Campingplätzen zur Verfügung stellt. Und hier setzt die Naturschutzbehörde an: Durch eine bestimmte Anzahl an Schlafplätzen (entlang des Heaphy Tracks stehen beispielsweise in allen Hütten um die 30 Betten zur Verfügung, entlang des Tongariro Crossings 25) wird der Besucherstrom auf dem „Great Walk“ streng reguliert. Selbst wenn die Schlafplätze restlos ausgebucht sind, befinden sich pro Tag nie mehr als 50 Personen (inklusive der Zeltplatznutzer) auf einem Streckenabschnitt beziehungsweise 200 Wanderer auf dem gesamten Great Walk. Und diese Zahlen beziehen sich auf den Heaphy Track, den längsten der neun Wege. Tageswanderungen am Rand der Tracks lohnen sich in der Regel kaum, da sich die herausragenden Streckenabschnitte in der Mitte befinden. So wird der Massentourismus – und seine schon beleuchteten Probleme – geschickt umgangen.

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Ein Zeltplatz am Tongariro Curcuit

Auch die Hütten an sich sind einen genaueren Blick wert. Im Gegensatz zu vielen Beispielen in den europäischen Alpen sind sie nicht bewirtschaftet und bieten somit auch kein Restaurant, in dem der Abend ausklingen kann. Der Wanderer muss also das Proviant für die komplette Tour von Anfang an mitschleppen und sich das Abendessen selbst zubereiten! Weiterhin wird jede Hütte von einer DOC-Mitarbeiterin beaufsichtigt, die in einem kleinen Anbau lebt und Tag für Tag dieselben Aufgaben zu erfüllen hat: Den angrenzenden Streckenabschnitt warten, die Hütte instand halten sowie das gereinigte Trinkwasser und die Reservierungen der Gäste überprüfen. Sind am Abend alle Wanderer eingetroffen, findet ein kurzer „Hut Talk“ statt, bei dem neben einer netten Begrüßungsrunde immer wieder auf die strengen Verhaltensregeln auf den „Great Walks“ hingewiesen wird.

In der Regel sind die Hütten auf Holz und auf einer erhöhten Plattform erbaut, was den natürlichen Boden maximal schützt. Es gibt nicht nur kein Restaurant, auch auf warmes Wasser und Strom muss der Wanderer gänzlich verzichten! (Die Ausnahme sind einige Hütten des Tongariro Curcuits, wo versuchsweise eine Solarversorgung eingerichtet wurde) Was zunächst nach einer Einschränkung des Komforts klingt, kommt dem umliegenden Nationalpark extrem zugute: Es führen weder Seilbahnen oder Straßen zur Hütte, um ein Restaurant mit Lebensmitteln zur versorgen, noch Stromleitungen durch die Landschaft, um den Gästen Licht und Warmwasser zu liefern. Und all das ist, meiner Meinung nach, auch gar nicht nötig! Die DOC-Hütten stellen Gaskocher und sauberes Trinkwasser zur Verfügung, was für die Dauer der Wanderung vollkommen ausreicht. Und wenn es um neun Uhr abends dunkel geworden ist, liegen die meisten Wanderer nach einem anstrengenden Tag bereits im Bett. Mir gefällt dieser fehlende Komfort: Das Ergebnis ist ein echtes Abenteuer, das in der heutigen Welt sonst kaum noch auf eigene Faust unternommen werden kann.

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Die Terrasse der Waihonohu Hut (Tongariro Curcuit)
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Die Hütte von innen
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Ein typischer Schlafraum
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Der Kamin mit Feuerholzvorrat – auch dieses stellt der DOC-Mitarbeiter zur Verfügung
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So sieht die typische Küche einer DOC-Hütte aus

Auch über die Wege an sich wurden sich Gedanken gemacht. Zahlreiche Abschnitte bestehen aus erhöhten Plankenstegen, und oftmals muss der Wanderer große Umwege in Anspruch nehmen, wenn der Weg bewusst ein fragiles Gebiet umrundet. Auf Sitzgelegenheiten und Mülleimer wurde zudem vollständig verzichtet: Als Pausenplätze fungieren Baumstämme, Brücken oder Steine; der Müll muss von den Touristen bis ans Ende des Wegs mitgenommen werden. Dort stehen – ähnlich wie im Tamen Negara-Nationpark in Malaysia – große Mülleimer bereit, die regelmäßig geleert werden. Schlussendlich steht mit den „Great Walks“ ein Konzept mit Vorbildcharakter, das sich in Zukunft weltweit etablieren und andere Formen des Tourismus inspirieren könnte.

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Ein Plankensteg auf dem Tongariro Curcuit

Mich erinnert das Ganze an ein europäisches Pilotprojekt, das derzeit in Skandinavien umgesetzt wird: Dort entstehen mit den „Norwegischen Landschaftsrouten“ mehrere touristisch ausgebaute Straßen, welche die Touristen in die schönsten Regionen des Landes führen sollen. Bereits bestehende Straßen wurden dazu erneuert und mit zahlreichen kleinen Attraktionen versehen: Internationale Künstler und Architekten entwarfen Rastplätze, Aussichtsunkte und Kunstwerke, die in direktem Zusammenhang mit den umliegenden Landschaften stehen. Insgesamt sollen 18 solcher Landschaftsrouten entstehen, von denen 6 bereits fertiggestellt wurden. Genau wie bei den neuseeländischen „Great Walks“ werden die Touristen auf bestimmte, stark beworbenen Strecken gelenkt. Für viele Urlauber sind die „Norwegischen Landschaftsrouten“ mittlerweile Fixpunkt ihrer Routenplanung.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Touristenströme konzentrieren sich auf wenige Straßen, die ausreichend Rastplätze, Toiletten, Mülleimer und Zeltplätze bieten und die umliegende Natur möglichst wenig beeinträchtigen. Dazu kommt, dass die Routen bewusst durch wenig entwickelte Regionen führen, für die der touristische Aufschwung völlig neue Möglichkeiten bietet. Es werden Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants und Supermärkte benötigt, da auch die Norwegischen Landschaftsrouten darauf ausgerichtet sind, an mehreren Tagen befahren zu werden. Und zuletzt werden die Kunstwerke dazu genutzt, wichtige Botschaften zu vermitteln: Die Installation DEN, welche der US-amerikanische Objektkünstlers Mark Dion für den Parkplatz „Vedahaugane“ entwickelt hat, zeigt beispielsweise einen im Plastikmüll liegenden Bären und fordert die Touristen zur gewissenhaften Müllentsorgung auf.

Eine beeindruckende Diashow zum DEN-Kunstwerk findest du hier

Einige Eindrücke der Landschaftsrouten:

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Der Tourismus wird in den nächsten Jahren weiter wachsen – gerade wenn, wie es auf dieser Website geplant wird, deutlich mehr Menschen die Möglichkeit haben sollen, ferne Länder und Kulturen zu entdecken. Entsprechend wichtig ist es, ein nachhaltiges Konzept zu entwickeln, wie dieser Tourismus organisiert werden kann. Naturattraktionen dürften dabei noch mehr in den Fokus geraten: Vor dem Hintergrund der immer volleren und hektischeren Großstädte lässt sich die Entwicklung herauslesen, dass sich der Mensch immer mehr nach Ruhe und Einsamkeit sehnt. Das dargestellte Konzept – aufwändig ausgebaute und offensiv beworbene Wander-, Fahrrad- oder Autostecken zu errichten, auf die sich große Teile des Tourismus konzentrieren – hat daher großes Zukunftspotenzial. Werden die Projekte wie in Norwegen oder Neuseeland umgesetzt, wird die einheimische Natur möglichst wenig belastet und gleichzeitig noch auf die Psyche des Touristen eingewirkt. Werden gleichzeitig noch der Besucherstrom sinnvoll reguliert und klare Verhaltensregeln aufgestellt, haben wir einen Stützpfeiler des „sanften Tourismus“ gefunden.

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Die Großstadt von heute – die einzige Fluchtmöglichkeit: Natur

In vielen Gebieten der Erde müssen solche Strukturen noch errichtet werden: Denn derzeit richtet der Tourismus großen Schaden an. Am Beispiel Koh Phi Phis habe ich bereits ein Beispiel vorgestellt, wo ein landschaftliches Paradies durch fehlende Besucherregulierung und Wegführung, mangelnde Müllentsorgung und Importieren der „westlichen Kultur“ stark gefährdet wird. Neuseeland zeigt, dass es auch anders gehen kann.

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