„The Waterworks“ – Die Energiewende

Im zweiten Monat meiner Reise stellt sich erstmals ein regelmäßiger Tagesrhythmus ein. Ich befinde mich auf der Halbinsel Coromandel Peninsula bei Auckland, wo ich im Rahmen der WWOOF-Bewegung zwei Wochen in einer Gastfamilie verbringe und – wie es das im vorherigen Beitrag vorgestellte Konzept vorsieht – als Gegenleistung für Unterkunft und Verpflegung einige Stunden am Tag arbeite. In der Regel besteht diese Arbeit bei WWOOFing-Aufenthalten aus Haushaltstätigkeiten, und auch ich darf im Laufe der Zeit beim Kochen, Holzhacken, Lackieren und Umgraben helfen. Da ich allerdings bewusst einen besonderen Gastgeber ausgewählt habe, verbringe ich den Großteil der Tage außerhalb des Hauses: Im Freizeitpark „The Waterworks“, der in den vergangenen Jahren von meinem Gastgeber aufgebaut wurde und bis heute in Eigenregie betrieben wird.

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Die Halbinsel Coromandel Peninsula

Die Anlage liegt in der Mitte Coromandels, am Rand der berüchtigten 309-Road, die für ihre waghalsigen Kurven und freilaufenden Schweine bekannt ist. Zusammen mit einer Französin und einer Mexikanerin, die mit mir bei der Familie zu Gast sind, fahren wir Morgen für Morgen die 15 Autominuten zum Park. Dort besteht meine Arbeit grob gesagt aus zwei Hauptaufgaben: Zum einen Aufräum- und Reparaturarbeiten im Park –  das Leeren von Mülleimern, Warten von Attraktionen, Zurückschneiden von Palmen und Pflegen der Gartenanlagen -, zum anderen das Helfen im parkeigenen Restaurant. Hier reichen die Aufgaben vom Bedienen der Gäste bis zum Abwasch in der Küche. Zunächst klingt all das nicht sonderlich spannend, macht dann aber tatsächlich großen Spaß – was in erster Linie daran liegt, den ganzen Tag von fröhlichen Menschen umgeben zu sein. Die zwei Wochen vergehen wie im Flug, weil auch das auf den ersten Blick unscheinbare Coromandel City ungeahnte Attraktionen offenbart: An einem Tag besuchen wir ein Festival am Rand der Stadt, an einem anderen den nahegelegenen Strand, der sich zum Schnorcheln und Fischen eignet.

Eine Eindrücke der 309 Road sowie der Parkanalage bekommst du in diesem YouTube-Video

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Der Eingang des Parks – der Eintritt kostet rund 15 Euro
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Direkt an die Kasse angeschlossen ist ein kleines Café, um das sich in der Regel die WWOOFer kümmern
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Der Arbeitsplatz in der Küche: Hier stapelt sich zur Stoßzeit das dreckige Geschirr
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Das Festival, das wir während meines Aufenthalts besuchen
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Und der Strand, der in einer versteckten Bucht liegt

Spannend ist auch die Geschichte des Parks an sich: „The Waterworks“ befindet sich auf dem ehemaligen Ende einer familiengeführten Farm und fungiert als Musterbeispiel einer durchdachten Entwicklung. Seit mein Gastgeber das Grundstück 2005 gemeinsam mit einigen weiteren Einheimischen erwarb, wuchs der Park Jahr für Jahr in die Breite und baute sein Angebot stetig aus. Heute ist „The Waterworks“ eine der beliebtesten Touristenattraktionen der Halbinsel und erreicht auf TripAdvisor eine Durchschnittsbewertung von 4,5. Das mag zunächst erstaunlich erscheinen, bietet der auf die ganze Familie ausgelegte Park doch keine herausragenden Attraktionen: Zu den Höhepunkten zählen mehrere Seilbahnen, eine Badestelle im Fluss, ein Teufelsrad, verschiedene Geschicklichkeitsspiele und kostenlos nutzbare Grillstationen. Was den Freizeitpark so einem solch besonderen Ort macht, offenbart sich erst auf den zweiten Blick: Der ganzen Anlage basiert auf zwei einzigartigen Konzepten, die wir im Kontext von GLOBALIZED näher unter die Lupe nehmen wollen.

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Ein Blick in den Park
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Eines der vielen Geschicklichkeitsspiele: Der ehemalige Flaschenöffner muss dem Verlauf der Metallstange folgen, ohne diese zu berühren!
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Zu den beliebtesten Fotomotiven zählt diese Wasseruhr
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Und all die Attraktionen sind in eine hübsche Grünanlage eingebettet

Zum einen wurden alle Attraktionen des Parks aus bereits verwendeten Gegenständen konstruiert – Autoreifen und Fahrradschläuche, Drähte und Seile, Einzelteile defekter Möbel und undichte Regenrinnen sind nur einige Beispiele. Am Rand der Anlage befindet sich eine große Werkstatt, in der mein Gastgeber gemeinsam mit wechselnden Helfern neue Thematisierungselemente und Attraktionen zusammensetzt, die nach und nach in den Park integriert werden. Wie viel Liebe und Sorgfalt hinter „The Waterworks“, ist folglich in jedem Winkel des Parks spürbar. Genauer ansehen wollen wir uns in diesem Bericht allerdings das zweite Konzept, das sich bereits im Namen der Anlage widerspiegelt: Der komplette Freizeitpark wird durch Wasserkraft angetrieben. Zwischen Parkplatz und Restaurant befindet sich, im dichten Gebüsch versteckt, nahe eines Bachs die Quelle, die den kompletten Park mit Strom versorgt. Was nach einer innovativen, aber aufwändigen Lösung klingt, ist in Wirklichkeit ein ganz wichtiges Anschauungsbeispiel – denn das Themenfeld der Energie spielt sowohl im Prozess der Globalisierung als auch bei der Gestaltung unserer zukünftigen Welt eine Schlüsselrolle. Und das Energiekonzept, das „The Waterworks“ zugrunde liegt, ist dabei wegweisend – wie wir am Ende des Artikels einordnen werden.

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Ein Beispiel des vorbildlichen Recyclings: Aus alten Regentonnen konstruierte mein Gastgeber diese Swing-Kegel-Anlage

Energie ist die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Jeder Mensch verbraucht bei jeder seiner Bewegungen eine bestimmte Menge Energie – und auch zahlreiche Errungenschaften der Globalisierung, die in diesem Blog bereits benannt wurden, benötigen einen „Antrieb“: Ohne Energie können weder Strom fließen, noch Wärme erzeugt oder Verkehrsmittel angetrieben werden. Die Folge dieser Tatsache liegt auf der Hand: Da in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Strukturen aufgebaut wurden, die eine regelmäßige Energiezufuhr voraussetzen, und die Zahl der Menschen – und somit die Nutzung genannten Errungenschaften – gleichzeitig stark angestiegen ist (siehe dazu den Artikel zum Bevölkerungsanstieg) ist der menschliche Energieverbrauch geradezu explodiert. Möglich gewesen ist dieser Sprung nur durch die enge Verknüpfung zwischen Energie- und Globalisierungsgeschichte: In dem in diesem Blog beleuchteten Zeitraum konnten nämlich zahlreiche neue Energiequellen erschlossen werden, die zurecht als „Motor der Globalisierung“ gelten. Diese Quellen sind essenziell, da die für alle Lebewesen existenzielle Energie nicht einfach so zur Verfügung steht: Sie muss umgewandelt werden.

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Die globalisierte Welt 2018. Einer ihrer Stützpfeiler: Die Entdeckung neuer Energiequellen

Ein kurzer Exkurs in die Physik verdeutlicht, wie wir uns diesen Prozess vorstellen können. Energie ist eine Erhaltungsgröße; kann als weder aus dem Nichts erzeugt noch vernichtet werden. Allerdings ist Energie auf verschiedenste Arten gespeichert und kann durch gezielte Prozesse umgewandelt werden. Der häufig verwendete Begriff der Energieerzeugung ist also ein wenig irreführend, wird doch lediglich die Energie verschiedener Quellen in für die Menschen nutzbare (zumeist mechanische) Energie transformiert.

Die wichtige Tatsache, dass die Energie eine Erhaltungsgröße ist, erklärt dieses Video auf dem allseits beliebten Kanal TheSimpleClub

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich diese Quellen im Laufe der Zeit stark verändert haben. Den größten Teil ihrer Geschichte verrichtete die Menschheit durch ihre bloße Muskelkraft Arbeit (und verbrauchte somit Energie) und wandelte selbst Energie um, die sie durch die Aufnahme von Nahrung gewann. Nahrung enthält Energie in Form von Kohlenhydraten, Eiweißen oder Fetten. Die Erfindung von Landwirtschaft und Werkzeugen steigerte sowohl die Menge zur Verfügung stehenden Energie als auch das Leistungspotenzial der Menschheit. Mit der Zeit etablierte sich eine zweite Energiequelle: Biomasse – organische Stoffe pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, beispielsweise Altholz oder abgestorbene Tiere und Pflanzen  – wurde zum Beleuchten, Heizen und Kochen verwendet. Der nächste Schritt war die Erfindung von Wasser- und Windmühlen: Erstmals wurden simple Maschinen verwendet, um mechanische Energie zu erzeugen.

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Wir selbst nehmen die für unser Dasein benötigte Energie in erster Linie durch Nahrung auf

Den entscheidenden Quantensprung stellte aber die Epoche der Industriellen Revolution dar. Der Mensch erfand die sogenannte „Dampfmaschine“ – ein revolutionärer Apparat, der durch Verbrennung Dampf erzeugt und die enthaltene Wärmeenergie in mechanische Arbeit umwandelt – und trieb diese zunächst mit Kohle an (im Wesentlichen Braun- und Steinkohle). Bald fand sich allerdings eine noch bessere Möglichkeit, welche die dem Menschen zur Verfügung stehende Energie vervielfachte: Die Nutzung von Erdöl und Erdgas, zwei äußerst wertvollen Ressourcen, die in einem Zeitraum von bis zu 600 Millionen Jahre unter einzigartigen Bedingungen entstanden sind: Von undurchlässigen Schichten bedeckt, setzten sich unter Luftausschluss, extremen Temperaturen und hohem Druck unterhalb der Ozeane die einzigartigen Verbindungen zusammen. Heute verwenden wir Erdöl unter Anderem bei der Herstellung von Kunststoffen, Farben, Medikamenten und Kosmetika.

Im Zuge der Industriellen Revolution verstand der Mensch nun, diese Ressourcen als Energiequelle einzusetzen. Die Existenz von Erdgas war schon länger bekannt gewesen – doch erst im Jahr 1825 kam der Amerikaner William H. Hart auf eine Idee, die den Lauf der Welt verändern sollte. Hart legte einen Schacht zur Erdgasgewinnung an und nutzte die umgewandelte Energie zur Beleuchtung einer Mühle und eines Wohnhauses. Schnell zeigten sich die Vorteile der neuen Ressource, sodass Erdgas seit Anfang der 1920er-Jahre in den USA und seit den 1960er-Jahren auch in Europa flächendeckend als Energierohstoff genutzt wird. Auch Erdöl wurde schon vor Jahrhunderten genutzt: Frühere Hochkulturen im sogenannten „Zweistromland“ nutzten an der Erdoberfläche austretendes Erdöl zum Abdichten von Booten und Beleuchtungszwecken. Doch erst im 19 Jahrhundert wurde entdeckt, dass in den Tiefen der Erde weitere Vorräte des Brennstoffs lagern – und das in unfassbaren Mengen. Mehrere Konzerne starteten aufwändige Expeditionen und gewannen rasch an großem Einfluss. Der Amerikaner John D. Rockerfeller gründete die mit der „Standard Oil Company“ die erste Ölfirma der Welt und wurde zum damals reichsten Mann unseres Planeten. In der Folge etablierte sich das Erdöl weltweit als Energiequelle und spielte bei beiden Weltkriegen eine zentrale Rolle. Auch die Symmetrie der globalen Entwicklung bestimmten die wertvollen Rohstoffe: Mehrere Länder, darunter Brasilien, Malaysia und Russland, wurden nur aufgrund ihrer Erdöl- oder Erdgasvorräte zu einem solch starken Wirtschaftsstandorten.

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Die Petronas Twin Towers verkörpern Malaysias neuen Reichtum. Der Sponsor Petronas ist nationaler Ölkonzern

Der Rest der Geschichte ist simpel: Der menschliche Energiebedarf stieg durch fortschreitende Globalisierung, den Aufbau eines Stromnetzes (welches 1930 auch den westlichen Normalbürger erreichte) und die Bevölkerungsexplosion immer weiter an, und wurde auf die einfachste Lösung gestillt: Immer mehr Kohle, Erdöl und Erdgas wurde gefördert. In erster Linie, da jene Ressourcen hervorragend transportiert, gelagert und somit standortunabhängig genutzt werden können. Mit der Atomkraft kam eine weitere Möglichkeit hinzu, die sich aufgrund der einfach durchzuführenden Energieerzeugung große Beliebtheit erfreute: Im Jahr 2017 waren weltweit ganze 449 entsprechende Kraftwerke in Betrieb. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis die Menschheit die Kehrseiten der vermeintlich positiven Entwicklung klar wurden – genauer gesagt bis zu dem Zeitpunkt, als gleich mehrere verehrende Katastrophen auftraten.

All das führte zu der Situation, die diesem Blogeintrag zugrunde liegt und die sogenannte „Energiewende“ hervorgerufen hat. Diese setzt sich zum Ziel, den menschlichen Energiebedarf nicht mehr durch fossile Energien, wozu die genannten Ressourcen Kohle, Erdöl und Erdgas gehören, sondern mit „erneuerbaren Energien“ zu decken. Der Unterschied der beiden Gruppen steckt bereits im Namen: Fossile Energieträger sind, genau wie atomare Energie, begrenzt. Die Stoffe werden zur Energieerzeugung verbrannt und somit endgültig verbraucht. Auf der Erde steht beispielsweise nur eine bestimmte Menge Erdöl zu Verfügung – und mehr als 50 Prozent davon hat der Mensch bereits aufgebraucht. Innerhalb von zwei Jahrhunderten wurde ein großer Teil dessen verbraucht, was zuvor in Millionen Jahren entstanden ist!Erneuerbare Energien beruhen wiederum auf Quellen, die unbegrenzt zur Verfügung zu stehen – beispielsweise Sonne, Wind oder Wasser, das im Freizeitpark „The Waterworks“ zur Energieerzeugung genutzt wird.

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Die Sonne wird noch weitere 5 Milliarden Jahre brennen – wichtige Ressourcen könnten dagegen in wenigen Jahren aufgebraucht sein

Dass durch die Nutzung fossiler Energien kein langfristig funktionierendes System aufgebaut werden kann, liegt auf der Hand. Doch wie angesprochen dauerte es viele Jahre, bis sich diese Gewissheit verbreitete. Fakt ist: Viele Ressourcen gehen zuneige, und das in beängstigendem Tempo. Wie dargestellt, wird Erdöl auch für weitere, unverzichtbare Produktionsvorgänge benötigt – es ist also vollkommen schwachsinnig, solch große Mengen zur Energieerzeugung zu verschwenden. Ziehen wir die steigende Weltbevölkerung hinzu, würden die Kohle-, Erdöl- und Erdgasvorräte sehr bald aufgebraucht sein. Und das ist nicht die einzige Sorge: Auch der Reaktionsvorgang an sich verursacht Probleme. Die der Energieerzeugung zugrunde liegenden Verbrennungsreaktionen tragen erheblich zum Treibhauseffekt bei, dessen Folgen am Beispiel des Fernverkehrs in Südostasien bereits beleuchtet wurde. Und mehrere Katastrophen – in vorderer Front Tschernobyl und Fukushima – riefen ins Gewissen, dass auch die Atomkraft keine tragbare Lösung ist.

Hier kannst du die Live-Aufnahmen der Fukushima-Katastrophe ansehen

Diese Lösung scheint nun mit den „erneuerbaren Energien“ gefunden worden zu sein. Die Vorteile dieser zweiten Gruppe liegen auf der Hand: Die Quellen sind unbegrenzt und auf der ganzen Welt vorhanden, was eine deutlich symmetrischere Entwicklung der Globalisierung ermöglichen würde. Zudem sind die Treibhausgasemissionen bedeutend geringer und die Sicherheit deutlich höher. Doch es existieren, wie die leidenschaftliche öffentliche Diskussion zeigt, auch eine Nachteile: Die erzeugte Energie lässt sich derzeit nur auf sehr komplizierte Weise speichern und transportieren; viele Länder produzieren immense Überkapazitäten, ohne diese vollständig verkaufen zu können. Aufwändige Projekte wie der Bau eines Unterwasserkabels zwischen Island und Großbritannien oder die Konstruktion großer Offshore-Windparks zeigen, dass die Umwandlung und Verteilung der „neuen Energiequellen“ schwieriger ist.

Trotzdem ist die Energiewende in vollem Gang, auch wenn das Ergebnis im Jahr noch lange nicht zufriedenstellend ist. Gemeinsam mit dem Phänomenen Klimawandel und Übervölkerung hat es die Weltbevölkerung erstmals mit globalen Problemen zu tun – Probleme, deren Konsequenzen auf allen Kontinenten zu spüren sein werden. Das Umdenken findet daher auf der ganzen Welt statt, wenn auch in unterschiedlicher Gestalt und Geschwindigkeit. Vorreiter wie Dänemark streben bereits im Jahr 2050 eine vollständig regenerative Versorgung an und scheinen auf einem guten Weg – im letzten Jahr wurden ganze 44 Prozent des Energiebedarfs durch Windkraft gedeckt. In vielen anderen Ländern bewegt sich die Quote dagegen noch immer im deutlich einstelligen Prozentbereich. Deutschland ist in der Entwicklung vergleichsweise fortschrittlich: 2017 wurden 36,2 Prozent des Stromverbrauchs, 12,9 Prozent des Wärmeverbrauchs und 5,2 Prozent der im Verkehr benötigten Treibstoffe durch Erneuerbare Energien gedeckt. Bis 2050 soll der Anteil am Stromverbrauch auf 80 Prozent steigen. Trotz der vergleichsweise hohen Zahlen zeigt sich auch am Beispiel Deutschlands, welcher Mechanismus der Wende zugrunde liegt: Folgenschwere Katastrophen mussten als Motor fungieren. Die öffentliche Diskussion hat ihren Ursprung in den 1970er-Jahren, als infolge der Ölkrisen die deutsche Versorgungssicherheit diskutiert wurde. Der Atomausstieg wurde erstmals nach der Katastrophe von Tschernobyl erwogen und schließlich infolge der Fukushima-Katasrophe vollzogen – kurz nach einer heftig umstrittenen Laufzeitverlängerung. In anderen fortschrittlichen Nationen zeigt sich dasselbe Bild: In Japan musste ebenfalls Fukushima, in China heftige Demonstrationen gegen Smog und Wasserverschmutzung als Auslöser herhalten. Wie berechtigt diese waren, kannst an den Beispielen des Smogs in Peking oder des Wassers im Yangtse-Fluss nachvollziehen!

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Windräder sind in ganz Deutschland längst ein gewohnter Anblick

Das langfristige Ziel liegt auf der Hand: Die Energiewende muss bis zu einer weltweiten Quote von 100 Prozent vorangetrieben werden. Anders kann eine nachhaltige, zukunftsfähige Gesellschaft nicht funktionieren. Diese Aufgabe zählt mit den Maßnahmen gegen Klimawandel, Überbevölkerung und unterentwickelte Regionen zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Zwei häufig genannte Argumente – die möglicherweise steigenden Strompreise sowie die unsichere Versorgungslage (Solarenergie kann beispielsweise nur erzeugt werden, wenn die Sonne nicht von Wolken bedeckt wird) – sind dabei vollkommen schwachsinnig: Es gibt schlicht und einfach keine Alternative. Werden weiterhin fossile Energiequellen genutzt, sind diese in wenigen Jahrzehnten nahezu aufgebraucht – was ein brutalen Preisanstieg zur Folge und haben würde. Zutreffend ist es, dass gewisse Maßnahmen – beispielsweise der Bau von Windparks in Waldgebieten und auf hoher See – die umliegende Natur beeinflussen. Auch in Hofheim hatten wir im letzten Jahr eine solche Diskussion, über die ich einige Artikel geschrieben habe. Aber auch hier darf nicht vergessen werden, dass der Aufbau entsprechender Infrastruktur vor dem Hintergrund der derzeitigen wissenschaftlichen Möglichkeit alternativlos ist. Unsere Aufgabe ist es, die nötige Entwicklung möglichst nachhaltig und mit Blick auf die kommenden Generationen zu gestalten.

Theoretisch, behaupten Wissenschaftler übereinstimmend, wäre eine vollständige Energiewende bereits innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre umsetzbar. Realistisch ist diese Marke allerdings nicht. Und auch eine in manchen Kreisen für möglich befundene Umsetzung bis 2050 wird kaum gelingen – haben sich doch viele Länder Ziele gesetzt, die zu diesem Zeitpunkt gerade einmal Quoten im mittleren Bereich vorsehen. Derzeit ist  das Fehlen politischen Willens das größte Problem: Die Gewichtung zwischen temporären und existenziellen Konflikten fatal, wie sich beim Blick auf Wahlkämpfe und die Medien zeigt. Zudem ist es problematisch, globale Probleme derart zerhackt anzugehen: Weltweite Zusammenarbeit würde die Lösung deutlich erleichtern. In der Verteilung von Überkapazitäten und Arbeitsteilung (beispielsweise könnten windreiche Länder wie Dänemark in erster Linie Wind und äquatornahe Länder in Afrika oder Asien in erster Linie Solarenergie produzieren) liegt großes Potenzial.

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In Südostasien ist die Zahl der Sonnenstunden überdurchschnittlich hoch: Hier verbirgt sich also besonders hohes Potenzial für Solarenergie. Genutzt wird dieses bislang kaum.

Mit dem Pariser Klimaabkommen von 2017 wurde dann auch ein Schritt in diese Richtung unternommen, wenngleich weltweite Zusammenarbeit in den Beschlüssen keine große Rolle spielt. Als Nachfolger des Kyoto-Protokolls, das 1997 verbindliche Zielwerte für den CO²-Ausstoß festlegte (aber viele Nationen mit extrem hohen Treibhausgasemissionen nicht mit einbezog) legt es drei zentrale Ziele fest: Die Beschränkung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad; die Förderung von Maßnahmen, die auf Folgen des Klimawandels reagieren (beispielsweise der Bau von Deuchen, die Errichtung von Luftschneisen in Innenstädten sowie Angleichungen in der Landwirtschaft, die sich starken Klimaverschiebungen ausgesetzt sieht);sowie die Förderung nachhaltiger Energieerzeugung. Bis auf Syrien, das im November 2017 nachzog, traten alle Staaten dem Abkommen bei – ein seltener Schritt in der Menschheitsgeschichte. Nicaragua äußerte berechtigte Kritik, die Verpflichtungen seien zu schwach, trat dem Abkommen aber dennoch bei. Ende 2017 gab es dann allerdings den ersten Rückschlag: US-Präsident Donald Trump kündigte an, das Abkommen zu kündigen. Stichhaltige Argumente für diesen Schritt waren nur schwer zu finden.

Trotz dieser Entwicklung bewegt sich in der Politik vieles, wenn auch langsam, in die richtige Richtung. Das darf andere Ebenen der Menschheit –  in erster Linie Unternehmen, Kommunen und Haushalte – aber nicht davon aufhalten, ebenfalls in Aktion zu treten! Die Energiewende muss auf allen Ebenen vorangetrieben werden. Und hier gilt wieder das auf GLOBALIZED erklärte Vorbildprinzip: Es muss ein Gesellschaftsgeist entstehen, in dem für fossile Energien und kurzsichtige Planung kein Platz ist. Bestimmte Glieder müssen als Positivbeispiel fungieren und ihr Konzept möglichst umfassend verbreiten. Ein solches Beispiel ist Freizeitparks „The Waterworks“: Mehrere hundert Besucher am Tag lernen an Mitmachstationen, welch gewaltige Kraft das auf den ersten Blick unscheinbare Wasser hat. Zudem wird an bunten Hinweistafeln erklärt, wie die Stromversorgung des Parks funktioniert und welche Rolle Erneuerbare Energien im Allgemeinen spielen. Eines wird folglich während meines WWOOF-Aufenthalts mehr als deutlich: Mein Gastgeber und seine Unterstützer machen mit ihrem Projekt einen echten Unterschied aus.

 

 

 

 

 

 

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