Coromandel Peninsula – Ökologischer Fußabdruck und WWOOFing

Die ersten Tage meiner Neuseeland-Reise verbringe ich in Auckland. Es dauert, bis ich mich an den neuen Tagesablauf gewöhnt und alle nötigen Vorbereitungen getroffen habe, doch nach einer Woche habe ich mich Steuernummer und Bankkonto gekümmert, alle Infoworkshops des Work&Travel-Starterparkets besucht und verschiedene Mitgliedschaften beantragt. Wie alle Rucksackreisenden, die in Auckland landen, stehe ich gleich zu Beginn vor einer wichtigen Frage: Zuerst in Richtung Norden oder gleich nach Süden reisen? Die Reiseroute ist nicht so offensichtlich wie in vielen anderen Backpacker-Länden und sollte mit Sorgfalt geplant werden – die Entfernungen zwischen den Zielen sind größer, als es die Kilometerzahlen vermuten lassen. Ich beginne meine Rundreise schließlich in einer Gegend, die erstaunlicherweise von vielen Backpackern übersehen wird: Coromandel Peninsula.

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Auckland – für fast alle Backpacker Ausgangspunkt ihrer Neuseeland-Reise

Die landschaftlich schöne, aber im Vergleich zum Rest des Landes nicht herausragende Halbinsel liegt rund fünfzig Kilometer östlich von Auckland. Die Anfahrt erfolgt kann per Fähre oder Bus erfolgen und nimmt rund zwei Stunden in Anspruch. Erster Anlaufpunkt ist Thames, die größte Stadt Coromandels und Ausgangspunkt einer spektakulärsten Wanderung: Der „Pinnacles Walk“ beginnt am Ende eines Tals außerhalb der Stadt und führt auf den Gipfel spektakulärer Felszacken, die bis an die Küste zu sehen sind. Der Weg ist nicht zu unterschätzen: Es sind 2500 Höhenmeter auf teilweise schwierigen Wegen zu bewältigen und insbesondere der letzte Abschnitt vor Erreichen des Gipfels gleicht einem Klettersteig. Es empfiehlt sich, die Wanderung auf zwei Tage aufzuteilen und auf der „Pinnacles Hut“ zu übernachten, die eine Stunde Fußweg unterhalb der Felsen liegt und bis zu 80 Wanderern als Herberge dient. Der große Vorteil einer Übernachtung: Man kann den Gipfel zum Sonnenuntergang besteigen und Zeuge eines eindrucksvollen Naturschauspiels werden. Der „Pinnacles Walk“ sollte auf keiner Neuseeland-Reise fehlen.

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Der Weg zu den Pinnacles führt über mehrere Hängebrücken
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Einige der Felszacken
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Der Sonnenuntergang 
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Der Rückweg folgt einer ehemaligen Eisenbahnstrecke

Innerhalb einer Woche sind auch die restlichen Sehenswürdigkeiten der Insel abgehakt, namentlich der Hot Water Beach, an dem geothermische Quellen unterhalb des Sands die Möglichkeit eröffnen, mit einer Schaufel seinen eigenen Hot Pool zu graben; die Cathedral Cove, eine spektakuläre Felsformation direkt am Strand; sowie das Thermalbad „The Lost Spring“. Nach einer Fahrt über die mit Abstand schönste Strecke der Region – die Küstenstraße zwischen Thames und Coromandel City – erreiche ich dann das Ziel, wegen dem ich die Halbinsel eigentlich aufgesucht habe: Im Nordosten der Insel steht seit rund fünfzehn Jahren der Freizeitpark „The Waterworks“, der sich rund um Wasserkraft und Erneuerbare Energien dreht und im nächsten Beitrag näher vorgestellt wird. Sofort war klar, dass ich dem kleinen, aber ungemein liebevoll angelegten Park einen Besuch abstatten muss – und es wurde noch besser: Der Besitzer beteiligt sich am landesweiten WWOOF-Programm, für das ich mich erst eine Woche zuvor registriert hatte. Nach einigen E-Mails ist alles schneller als gedacht alles geklärt, am 25. Dezember werde ich von meiner Gastfamilie in der Unterkunft abgeholt.

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Am Hot Water Beach wird geschaufelt, was das Zeug hält!
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Die „Cathedral Cove“
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„The Lost Spring“

WWOOF („Worldwide Opportunities On Organic Farms“) ist ein weltweit agierendes Netzwerk, das seinen Ursprung in England hat. Im Jahr 1971 veranstaltete Sue Coppard mehrere Schnupperwochenenden in ihrer Landbau-Schule und inspirierte zahlreiche Bauernhöfe im Land, das Konzept zu übernehmen: Freiwillige sind für eine bestimmte Zeit Teil der Familie und bekommen für einige Stunden Arbeit am Tag Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung gestellt. Mittlerweile hat sich das Programm auf dem ganzen Planeten etabliert und zählt mehr als 6.000 Gastgeber in 100 verschiedenen Ländern. Sechzig davon, unter Anderem Deutschland und Neuseeland, haben eine eigene WWOOF-Organisation, die das nationale System organisiert.

Hier geht´s zur Website des deutschen WWOOF-Netzwerks

Für beide Seiten hat ein WWOOF-Aufenthalt viele Vorteile: Die Gastgeber, häufig an ihren Hof gebunden und nur selten auf Reisen, treffen Menschen aus aller Welt und können von deren Erfahrungen und Ideen viel lernen. Die Reisenden wiederum werden während ihres Aufenthalts zum festen Teil der einheimischen Familie und lernen den Alltag auf dem Land kennen – also in der Regel einen ökologischen und nachhaltigen Lebensstil, der auf Landwirtschaft, Gartenbau und Selbstversorgung aufbaut. 2011 fand in Korea eine internationale WWOOF-Konferenz statt, die den „Aufbau einer nachhaltigen, globalen Gemeinschaft“ als Ziel der Bewegung formulierte. Wenn wir die Beiträge in diesem Blog kurz überfliegen, wird schnell deutlich, dass eine solche Alltagsgestaltung dringend von Nöten ist: Denn viele der dargestellten Probleme – menschengemachte Klimaveränderungen, zerstörte Lebensräume, Müllverschmutzung und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich – haben ihre Ursache im derzeitigen Lebensstil der Menschheit. Dieser scheint sich im Zuge von Globalisierung und Bevölkerungsexplosion exponentiell zugespitzt zu haben.

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Zahlreiche Probleme haben ihre Ursache im derzeitigen Lebensstil der Menschheit

Zugespitzt heißt in diesem Zusammenhang, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt. Es werden weit mehr Ressourcen – beispielsweise Holz, Pflanzen, Futtermittel, Fisch und Nahrungsmittel – verbraucht, als in Fischgründen, Wald-, Weide- und Ackerflächen generiert werden können. Schauen wir uns zur Verdeutlichung dieser Tatsache ein international angesehenes Modell an: Der „ökologische Fußabdruck“ setzt unseren Konsum in Relation zu den vorhandenen Ressourcen und berechnet die Größe der Erdoberfläche, die für den Lebensstil eines Einzelnen, eines Landes oder aber der gesamten Menschheit benötigt wird. Setzen wir die derzeitige Weltbevölkerung von mehr als 7 Milliarden Menschen voraus, stehen jedem Menschen 1,7 globale Hektar (gha) Fläche zur Verfügung – eine Einheit, die die unterschiedlichen Fruchtbarkeit von Böden berücksichtigt: Flächen im Gebirge sind beispielsweise weniger ergiebig als landwirtschaftliche Böden! Ein globaler Hektar entspricht einem Hektar weltweit durchschnittlicher biologischer Produktivität.

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Die Ressourcenproblematik bekommen auch viele Ureinwohner zu spüren – Regenwaldflächen müssen beispielsweise weichen, um Platz für neue Viehweiden zu schaffen. Ein Großteil des Amazonas-Regenwalds wurde abgeholzt, um den hohen Fleischkonsum in anderen Teilen der Welt zu ermöglichen

Hier kannst du deinen persönlichen „ökologischen Fußabdruck“ berechnen

Im Jahr 2017 fällt der Blick auf die entsprechenden Zahlen ernüchternd aus. Die Menschheit lag um den Faktor 1,7 über der Höchstgrenze! In konkreten Zahlen ausgedrückt: Ein Mensch nahm im Durchschnitt rund 2,6 gha Erdoberfläche oder, anders ausgedrückt, 1,7 Erden in Anspruch. Bereits am 2. August „feierte“ die Menscheit den berüchtigten „Earth Overshoot Day“ (Weltschöpfungstag), der den Zeitpunkt markiert, an dem die für ein Jahr zur Verfügung stehenden Ressourcen aufgebraucht wurden. Alles, was im Anschluss konsumiert wird, ist Diebstahl an künftigen Generationen. Im Vergleich zum Jahr 2016 war der Termin um ganze sechs Tage nach vorne gerückt. Dreißig Jahre zuvor fiel der Termin noch auf den 19. Dezember! Mit anderen Worten: Der ökologische Fußabdruck der Menschheit wird immer größer. Der Wert von 1,7 verbrauchten Erden wurde in der Vergangenheit noch nie erreicht.

Nun hat sich der „schädliche“ Lebensstil, wie schon mehrfach angedeutet, primär in ausgewählten Regionen etabliert. Tatsächlich zeigen sich auch bei näherer Betrachtung ökologischer Fußabdrücke starke Differenzen: Die deutsche Bevölkerung beispielsweise verbrauchte im Jahr 2017 ganze 3,2 Erden – und lag damit im weltweiten Vergleich gerade einmal auf Platz 32! Die Spitzenplätze belegen Katar, Kuwait und die Vereinigten Arabische Emirate mit Werten jenseits von 7 Erden. Mit Australien und den USA folgen zwei bevölkerungsreiche Länder, deren Konsumverhalten mehr als 5 Erden in Anspruch nahm. Und dennoch: im vergangenen Jahr bewegten sich ganze 80 Prozent der weltweiten Staaten über der natürlichen Grenze von einer Erde oder (derzeit) 1,7 globalen Hektar! Wir haben es also mit einem globalen Problem zu tun, dessen Brisanz noch ansteigen wird: Nimmt die Weltbevölkerung zu, wird der Wert bei gleichbleibendem Verhalten weiter ansteigen. Sollten im Jahr 2050 wie angenommen mehr als 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben, wird jedem Einzelnen nur noch 1 gha Erdoberfläche zur Verfügung stehen. Dass es so nur eine Frage der Zeit ist, bis immens wichtige Ressourcen komplett zuneige gehen, liegt auf der Hand.

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Auch in Neuseeland liegt der durchschnittliche „Ökologische Fußabdruck“ deutlich über 2 Erden!

Ein WWOOF-Aufenthalt, der in der Regel das Idealbeispiel eines nachhaltigen Lebensstils impliziert, zeigt nun die Vielschichtigkeit des Problems. Auch auf GLOBALIZED, wo ich im Bereich Deine Rolle Ansätze zum nachhaltigen Handeln in den Bereichen Reisen, Konsum, Ernährung, Mode, Transport und Haushalt aufliste, wird deutlich, wie viele verschiedene Aspekte unseres Alltags Einsparungspotenziale bieten. Negativ ausgedrückt heißt das, dass wir nicht nur ausgewählte, sondern eine erschreckend hohe Zahl an Ressourcen überbeanspruchen: Es wird so viel CO² emittiert, dass fossile Energieträger wie Erdöl oder Kohle zu Neige gehen; es wird soviel Fleisch produziert, dass immer mehr natürliche Lebensräume in Ackerland verwandelt und Futtermittel bereitgestellt werden müssen; die Meere werden hoffnungslos überfischt und immer mehr Flächen mit menschlicher Infrastruktur bebaut, die für natürliche Systeme (beispielsweise die Bereitstellung von Atemluft) essenziell sind.

Die Familie, bei der ich meine zwei Wochen auf der Coromandel Peninsula verbringe, hat in vielen dieser Bereiche Lösungen im Angebot. Obst und Gemüse werden im Garten angebaut, Fisch selbst gefangen und Fleisch nur in begrenztem Maß gegessen. Viele der WWOOF-Gastgeber leben sogar komplett vegetarisch oder vegan. Geheizt wird mit dem eigenen Holzofen, gekocht nur einmal am Tag. Statt täglichen Fahrten zum Supermarkt (der nur mit dem Auto erreichbar ist) wird einmal in der Woche ein Großeinkauf durchgeführt. Und der Höhepunkt ist der Freizeitpark des Hausbesitzers, den ich im nächsten Bericht näher vorstellen werde! Kurz: Beim WWOOFing wirst du in einem Haushalt landen, der zeigt, wie nachhaltiges Leben funktionieren kann.

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Nur ein Aspekt nachhaltigen Lebens: Die richtige Ernährung

In Neuseeland gibt es mittlerweile über tausend Gastgeber – das ist weltweiter Rekord. Immer mehr Backpacker bauen gleich mehrere WWOOF-Aufenthalte in ihr Programm ein – was ich wirklich nur empfehlen kann, bekommst du doch neben dem dargestellten Lebensstil auch noch einen Einblick in die neuseeländische Kultur und Familienleben und kannst einige Wochen ohne jegliche Nebenkosten leben! Das von Sue Coppard ins Leben gerufene Konzept hat sich indes stark weiterentwickelt: Es sind nicht nur Bauernhöfe und von der Außenwelt abgeschnittene Orte, an denen du WWOOFen kannst – auch Wein-, Restaurant- oder Freizeitparkbesitzer, Hostels, religiöse Begegnungsstätten und Nationalparks sind Teil des Programms.

Das zeigt etwas ganz Wichtiges: Ein nachhaltiger Lebensstil kann und muss sich in allen Teilen der menschlichen Zivilisation entwickeln! Die derzeitigen Werte des ökologischen Fußabdrucks zeigen, dass eine gewaltige Fehlentwicklung hinter uns liegt; und gerade vor dem Hintergrund der Bevölkerungsexplosion wird es eine Mammutaufgabe, den derzeitigen Wert von 1,7 entscheidend zu senken. Je nachdem, wie die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten mit dem Phänomen Überbevölkerung umgehen wird, werden wir den Wert möglicherweise mehr als halbieren müssen! Technik, Recycling und moderne Medien können und werden dabei eine entscheidende Rolle spielen; erreichbar ist all das am Ende aber nur, wenn die breite Bevölkerung mitzieht. Und hier sind Netzwerke wie WWOOFing ein ganz wichtiger Motor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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