Auckland / Wynyard Quarter – Eine Frage des Tempos?

Die erste Woche meines Aufenthalts in Neuseeland verbringe ich in der Hauptstadt Auckland. Zum einen, weil ich durch den nur schwer vermeidbaren Jetlag einige Tage zum Eingewöhnen brauche, zum anderen wegen der Stadt an sich: Auckland ist, genau wie die UNESCO-Weltkulturerbestadt Georgetown in Malaysia, internationale Metropole und kultureller Treffpunkt zugleich. Während Georgetown größtenteils asiatisch geprägt ist, vereint die neuseeländische Hauptstadt Kulturen aus aller Welt: In Auckland haben Menschen aus Europa, Amerika, Asien, Australien und Afrika ein dauerhaftes Zuhause gefunden. Die Stadt wächst immer weiter in die Breite, was aufgrund der Lebensqualität und entspannten Art in Neuseeland nicht verwundert. Dazu kommen die zahlreichen Backpacker, die Auckland als Ausgangspunkt ihrer Reise durch das Land nutzen.

Das Ergebnis ist eine pulsierende Großstadt voller Leben, in der sich Restaurants und Bars, Geschäfte, Unterkünfte und Sehenswürdigkeiten aneinander reihen. Auswahl und Qualität werden, wie im Georgetown-Bericht dargestellt, durch die kulturelle Vielfalt enorm gefördert. „Viele Menschen, die nach Auckland kommen“, erzählt mir ein thailändischer Restaurantbesitzer, der vor über zehn Jahren nach Neuseeland ausgewandert ist, „wollen nie wieder weg. Und das tun sie dann auch nicht.“

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Blick auf die neuseeländische Hauptstadt bei Nacht
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Wie bunt und vielfältig Auckland ist, transportiert dieses Kunstwerk in der städtischen Art Gallery
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Trotz all der Einwanderer ist Auckland eine homogene, langsam wachsende Metropole – Hochhäuser und Armenviertel sucht man bis auf ganz wenige Ausnahmen vergeblich

Besonders groß ist das gastronomische und kulturelle Angebot in einem recht neuen Viertel Aucklands: Dem Wynyard Quarter. Auf einem ehemaligen Werftgelände wuchs in den letzten Jahren ein hochmoderner (und für Normalverdiener unbezahlbarer) Stadtteil in die Höhe, der gleichzeitig als Wohn- und Arbeitsfläche dient. Dazu kommen mehrere Restaurantmeilen direkt am Wasser, Veranstaltungsflächen, Grünanlagen sowie ein großer Spiel- und Sportpark, der Kinder jeder Altersklasse anspricht. Vor allem am Abend ist Wynyard Quarter, das nebenbei noch als Fährterminal dient, das wohl beliebteste Viertel Aucklands – ein Fakt, der im Laufe des Berichts noch an Bedeutung gewinnen wird. Zwei Aspekte des Stadtviertels wollen wir uns vor dem Hintergrund der auf GLOBALIZED behandelten Themen genauer ansehen.

Hier wird (in englischer Sprache) die Historie des Wynyard Quarters beleuchtet

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Der modernste Teil des Wynyard Quarter

Interessant ist, dass das auf den ersten Blick innovative Konzept des Wynyard Quarters kein Einzelfall zu sein scheint: Tatsächlich werden in diesen Jahren weltweit Projekte umgesetzt, die exakt demselben Prinzip folgen: Ungenutztes, historisches Gelände – meistens sind es Industrie- oder Hafenanlagen – in moderne, pulsierende Stadtviertel umzuwandeln. Populäre europäische Beispiele sind Aker Brygge und Vulkan in Oslo, Paiporen in Kopenhagen, das Schaufenster Fischereihafen in Bremerhaven, der Deutzer Hafen in Köln, Rotermann in Tallinn, Brühl in Erfurt, das Cofluence-Viertel in Lyon oder die HafenCity in Hamburg. Wichtig ist, dass bei all diesen Projekten bewusst historische Elemente integriert wurden – und nicht etwa die alten Gebäude komplett abgerissen und durch Neubauten ersetzt wurden, was teilweise deutlich einfacher gewesen wäre! Im Wynyard Quarter dienen alte Container als Streetfood-Ständer, historische Lagerhallen als Konzertsäle oder Tanzclubs und Piers als Sitzgelegenheiten direkt am Meer. Das Schienennetz einer alten Transportbahn komplett erhalten und wird heute teilweise von einem Touristenzug befahren. Ein alter Silo dient als Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche, ein anderer wird durch eindrucksvolle Projektionen an die Außenwand zum Freiluft-Kino. Der alte Fischmarkt wurde wiederbelebt und hat täglich geöffnet.

Hier gibt es nähere Infos zum Projekt „Vulkan“ in Oslo

Auch das Viertel „Rotermann“ in Tallinn lohnt einen näheren Blick

Die HafenCity in Hamburg ist das größte aller genannten Projekte

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Aker Brygge in Oslo (1)
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Aker Brygge in Oslo (2)
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Aker Brygge in Oslo (3)
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Historische Elemente im Wynyard Quarter (1)
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Historische Elemente im Wynyard Quarter (2)

Dass Wynyard Quarter das angesagteste Viertel Aucklands sei, ist keine gewagte Behauptung: Die oben genannten Projekte stellten sich allesamt als absolute Erfolgsgeschichten heraus. Die Quadratmeterpreise in Aker Brygge, HafenCity oder Confluence zählen zu den höchsten in Europa, der Ansturm auf die Immobilien ist riesig. Und auch als Aufenthaltsraum haben sich die neuen Stadtviertel etabliert: Innovative Sitzgelegenheiten, Restaurants und Bars, Veranstaltungsorte und Museen finden sich allen der oben genannten Viertel und erfahren eine beeindruckende Resonanz. Kein Zweifel: Der Mix aus neu und alt scheint bei verschiedensten Bevölkerungsgruppen hervorragend anzukommen. Tatsächlich scheint es insbesondere die Einbeziehung historischer Elemente zu sein, die immer stärker im Trend liegt – „auf dem Reisbrett entworfene Projekte“ (also Stadtviertel, die auf zuvor leerer Fläche entstanden) wie Putrajaya in Malaysia oder Ørestad in Kopenhagen finden nämlich wenn überhaupt bei gut betuchten Immobilieninteressenten Anklang. Die wenigen Restaurants und Geschäfte müssen um jeden Gast kämpfen.

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Putrajaya in Malaysia – innerhalb weniger Jahre auf einer zuvor leeren Fläche entstanden
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Sitzgelegenheiten im Wynyard Quarter
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Eine der beliebten Restaurantmeilen des Viertels – auch für Touristen ist Wynyard Quarter reizvoll. Am Abend drängen sich auf dem Pier die Menschen

Noch interessanter wird diese Beobachtung, wenn wir uns die Entwicklung anderer Branchen ansehen: Auch in der modernen Kunst, Architektur, Werbung oder Filmindustrie werden immer stärker traditionelle Elemente integriert. Wie erklärt sich dieser allgemeine Trend? Schauen wir uns Stadtviertel wie das Wynyard Quarter im Detail an, lassen sich gleich zwei Ursachen herauslesen – die beide im engen Zusammenhang mit der Entwicklung stehen, die auf GLOBALIZED beleuchtet wird.

Erstens nehmen die Bevölkerungszahlen in Großstädten exponentiell zu. Zum einen wegen der allgemeinen Bevölkerungsexplosion, die am Beispiel Singapurs beleuchtet wurde, zum anderen wegen der als Landflucht bezeichneten Entwicklung, welche immer mehr Menschen aus ländlichen Gegenden in die Großstadt verschiebt. Die Folge: Es wird immer mehr Wohnraum benötigt, der in der Regel extrem schwer zu finden ist. Viele Städte stoßen bei der Suche nach entsprechender Fläche an ihre Grenzen; in meiner Heimatstadt Hofheim muss um jeden Quadratmeter Land gekämpft werden. Die Lösung können – sofern vorhanden – ungenutzte Industrie- und Hafenflächen sein: Diese sind in vielen Großstädten anzutreffen, da sich Produktionsabläufe und Handel im Zuge der Globalisierung stark verändert haben. Der Bau von Überseehäfen außerhalb der Stadt und Einsatz von Maschinen oder Robotern haben dafür gesorgt, dass die oben genannten Flächen plötzlich nicht mehr benötigt werden. Die veränderten Voraussetzungen setzten Neubauten voraus. Auf der ganzen Welt stehen alte Industriegebiete, Hafengelände oder ehemalige Bahnhöfe und Eisenbahnstrecken leer.

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Der Platz wird knapp – aber es gibt auch andere Lösungen, als in die Höhe zu bauen

Nachhaltig agierende Großstädte nutzen diese Flächen nun zur Schaffung neuen Wohnraums. In Aker Brygge oder HafenCity entstanden jeweils über 500 Wohnungen, weitere werden folgen. Auch Grünanlagen werden immer wieder in die Planungen miteinbezogen – diese sind, wie im Bericht zur Stadt der Zukunft beschrieben, elementar wichtig. Im Wynyard Quarter wurde beispielsweise der Silo Park angelegt. Der gesamte Vorgang, durchaus als Recyclingprozess zu betrachten, kann vor dem Hintergrund heutiger Probleme zu einem ganz wichtigen Instrument werden. Und das nicht nur in der Stadtentwicklung: Da Platz und Ressourcen immer knapper werden, müssen mit Blick in die Zukunft effizientere Lösungen gefunden werden. Der Umwandlung ungenutzter Industrieflächen in moderne Stadtviertel kann dabei als Vorbild fungieren.

Näheres zu Angebot und Geschichte des Silo Parks findest du hier

Das alles erklärt aber noch nicht, warum der entstandene Wohn- und Aufenthaltsraum derart beliebt ist – und in anderen Bereichen ähnliche Entwicklungen (die Einbeziehung traditioneller Elemente) zu beobachten sind. Tatsächlich sucht man nach einer vergleichbaren Rückbesinnung auf Vergangenes in der Menschheitsgeschichte vergeblich. Die Antwort, warum diese Entwicklung im einundzwanzigsten Jahrhundert mehr und mehr zu beobachten ist, liegt auf der Hand: Viele Menschen fremdeln mit der „neuen Welt“, die in ungewöhnlich hohem Tempo um uns herum entstanden ist. Wie im letzten Beitrag dargestellt, hat sich die Welt im Zuge der Globalisierung grundlegend verändert – und das in weniger als einhundert Jahren! Viele Menschen, die heute noch leben, haben all die Veränderungen vollständig miterleben können.

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Auch bei der modernen Architektur Putrajayas werden historische Elemente miteinbezogen

Und es ist nicht nur das Tempo, dass viele Menschen an der auf GLOBALIZED umrissenen Entwicklung stört. Viele Details der entstandenen Welt wissen einfach nicht zu gefallen. Soziale Netzwerke, Maschinen und künstliche Intelligenz stellen Werte wie Menschlichkeit und Kreativität in den Schatten, das Streben nach Profit und Ansehen kontrolliert (wie am Wandel der Architektur aufgezeigt) moderne Bau- und Forschungsprojekte, während eine als „westliche Kultur“ bezeichnete Strömung auf der ganzen Welt um sich greift. Dass traditionelle Elemente plötzlich so stark in den Fokus rücken, muss als Warnsignal verstanden werden: Ist die vollzogene Entwicklung die Richtige für das Leben auf unserem Planeten? Sollte sie in Zukunft ungebremst weiterlaufen? Und: Läuft sie im richtigen Tempo ab?

Ob Wynyard Quarter, Aker Brygge oder Vulkan – die in diesem Bericht genannten Beispiele zeigen, dass viele Menschen mit der jetzigen, globalisierten Welt, fremdeln. Aber haben wir überhaupt die Möglichkeit, das hohe Tempo der Entwicklung einzuschränken? In den letzten Jahrzehnten gab es diese nicht. Der Fortschritt wurde ohne übergeordnete Intention, ohne einen virtuellen Masterplan, vorangetrieben. Stets wurde versucht, die neuen Möglichkeiten zu einer maximalen Verbesserung der eigenen Situation zu nutzen. Dass das Fehlen dieses „Masterplans“ fatale Folgen hat, zeigt das Ergebnis, wie es sich uns im Jahr 2018 darstellt: Blinder Aktionismus führt zu existenziellen Problemen wie Ressourcenknappheit und Umweltkatastrophen, Ignoranz (in hoch entwickelten Regionen) zum Leid Millionen anderer Menschen in anderen Teilen der Welt, Kurzsichtigkeit zu Schwierigkeiten späterer Generationen.

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Jede Entwicklung bringt Vor- und Nachteile mit sich – aber ideal verlaufen ist die Globalisierung mit Sicherheit nicht

All das mag eine Frage des Tempos sein – Vielleicht wäre es sinnvoller, die Menschheit langsamer zu entwickeln, dafür aber die gesamte Weltbevölkerung zu berücksichtigen. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, fünfzig lebenswerte Kleinstädte anstelle einer strahlenden Mega-City wie Dubai oder Las Vegas zu errichten. Auf der anderen Seite mögen auch die genannten Motive der Hauptgrund für das nicht ideale Ergebnis der Entwicklung sein. Fakt ist eins: Um unseren Planeten in den nächsten Jahrzehnten sinnvoller zu entwickeln als in den vergangenen, muss aus den Fehlern gelernt werden. Fehler, die Trends wie der Bau traditionell angehauchter Stadtviertel in aller Welt aufzeigen. Wenn die in Zukunft eingeleiteten Veränderungen unter die richtigen Leitmotive gestellt werden – ärmere und reichere Regionen anzunähern, die langfristige Zukunft der Menschheit und anderer Lebewesen zu schützen sowie die vielen, durchaus revolutionären und fantastischen, Fortschritte der ganzen Welt zugänglich zu machen -, wird das Ergebnis automatisch positiver ausfallen. Dann stellt sich die Frage des Tempos nicht.

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