Der Flug nach Neuseeland – Relationen

Am 12. Dezember 2017 endet meine Asienrundreise – hinter mir liegen sechs Wochen voller widersprüchlicher Eindrücke, prägenden Erfahrungen und spannenden Begegnungen. Über Kuala Lumpur geht es aus dem Tamen Negara Nationalpark zurück nach Singapur, wo ich vom Changi Airport in Richtung Auckland starte. Dort, in Neuseeland, werde ich die nächsten vier Monate meiner Weltreise verbringen. Acht Stunden lang rast das Flugzeug auf über 10.000 Metern Höhe dem anderen Ende der Welt entgegen – die perfekte Gelegenheit, das Erlebte zu reflektieren und einzuordnen. Genau das wollen wir in diesem Artikel auch auf GLOBALIZED machen: Was ist der gemeinsame Nenner all der Entwicklungen und Probleme, die in den vergangenen Einträgen beschrieben wurden? Warum warne ich in auf der Startseite der Website, in einer „grotesk kurzen Zeitspanne“ die im Blog aufgezeigte Schieflage zu verursachen? Die Antwort liefert wie so oft ein Blick auf das große Ganze – ein Blick auf die Relationen, die all den Veränderungen zugrunde liegen.

Die von mir beschriebene Entwicklung, aufbauend auf technischem Fortschritt, internationaler Vernetzung, kulturellen Verschiebungen und steigender Alltagsqualität, wird näherungsweise als Globalisierung bezeichnet und führt zum Namen dieser Website – eine Anspielung auf den globalisierten (engl. globalized) Zustand unseres Planeten im Jahr 2018. Blicken wir zurück, ist festzustellen, dass sich die entscheidenden Fortschritte und Veränderungen größtenteils in den letzten fünfzig bis hundert Jahren vollzogen haben – und sich das Tempo immer weiter beschleunigt hat. Klar, erste Kommunikations- und Transportsysteme gab es auch vorher schon, die Erfindung von Auto und Eisenbahn hat ebenso mit der Globalisierung zu tun wie der Aufbau eines weltweiten Telefonnetzes. Die genannte Zeitraum stellte allerdings einen wahren Quantensprung dar: Vergleicht man die Gestalt der Erde von 1900 oder auch 1950 mit der heutigen, lässt sich ein in keiner vergleichbaren Zeitspanne aufzufindender Widerspruch erkennen. Und auch die Ursachen der in diesem Blog genannten Fehlentwicklungen und Probleme – beispielsweise Müllverschmutzung, Bevölkerungsexplosion, Ressourcenschwund, Westernisierung, Kinderarbeit oder die steigende Kluft zwischen Arm und Reich – lassen sich in diesem Zeitraum verorten. Behalten wir den aufgerundeten Umfang dieses „Quantensprungs“ im Hinterkopf: Einhundert Jahre.

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In nicht einmal einhundert Jahren ist eine völlig neue Welt entstanden – hier Kuala Lumpur in Malaysia
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Plötzlich ist es aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken, innerhalb weniger Minuten an jeden Punkt einer Großstadt zu gelangen
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Das Tempo der Veränderungen zeigt sich in Putrajaya: In nicht einmal zehn Jahren entstand auf einem ehemaligen Sumpfgebiet Malaysias Metropole der Zukunft

Um eine solche Entwicklung einzuordnen, muss die vollständige Vergangenheit des betroffenen Objekts, in unserem Fall also der Planet Erde, beleuchtet werden. Ohne wissenschaftlich zu weit in die Tiefe zu gehen, lassen sich auf diese Weise einige interessante Relationen aufstellen. Vollständig ist diese Betrachtung nur, wenn wir auch die bereits erforschte Geschichte des Universums und Sonnensystems näher anschauen: Bekannt ist der Zeitpunkt des Urknalls, der vor etwa 13,8 Milliarden Jahren das zuvor in einem unendlich kleinen Raum komprimierte Universum zum expandieren brachte (was zumindest die gängige Theorie ist – immer wieder werden gegensätzliche Ansichten laut, die teilweise sogar gut begründet sind und auf modernen Satellitendaten beruhen. Ob und wie wir den Zustand vor dem Urknall beschreiben können, ist zudem noch stark umstritten). Deutlich präziser kann die Wissenschaft beantworten, was nach dem Urknall geschah – also in der 13,8 Milliarden langen Periode bis heute. Fokussieren wir uns auf die Fakten, die unseren eigenen Planeten betreffen – jenen Ort, den wir in den letzten 100 Jahren so massiv beeinflusst haben.

Grundlage alles Lebens auf der Erde ist ein Stern, den wir als „Sonne“ bezeichnen. Jeder Stern im Universum, also auch unsere Sonne, hat nur eine bestimmte Lebensdauer. Warum das so ist? Im Inneren des Sterns laufen dauerhaft Kernfusionen ab (eine chemische Reaktion, bei der leichterer Atomkerne in einen schwereren verschmelzen), in unserem Fall wird Wasserstoff in Helium umgewandelt. Aus vier Wasserstoffkernen entsteht dabei ein Heliumkern. Entscheidend ist nun, dass die Masse dieses einen Kerns minimal geringer ist als die der vier Ausgangskerne. Diese Masse wird, als Folge von Einsteins berühmter Formel E=mc², als Energie abgegeben – genauer gesagt Licht und Wärme. So findet sowohl das Leuchten als auch die hohen Temperaturen in der Umgebung von Sternen seine Erklärung.

Da jeder Stern nur eine bestimmte Menge an Wasserstoff zur Verfügung hat (zu Beginn sind es etwa drei Viertel seiner Masse), ist seine Lebensdauer begrenzt – irgendwann ist der komplette „Brennstoff“ umgewandelt und somit verbraucht worden. Nach wie vielen Jahren dieser Punkt erreicht ist, hängt genau wie das weitere Schicksal des Sterns von seiner Masse ab: Exemplare mit geringerer Masse schrumpfen zu einem „Weißen Stern“ zusammen, der im Folgenden über Millionen Jahre ausglüht. Schwerere Exemplare von mindestens acht Sonnenmassen stürzen hingegen in einem deutlich spektakuläreren Vorgang zu Schwarzen Löchern oder Neutronensterne zusammen. Dabei wird ein Großteil der Sternmasse in einem winzigen Raum komprimiert (dem sogenannten Schwarzen Loch) – aber eben nur ein Großteil! Teile der Außenschichten werden bei einer gewaltigen Explosion, Supernova genannt, ins All geschleudert und können ab sofort bei der Bildung neuer Himmelskörper mitwirken. Während die ersten Sterne nur aus Wasserstoff und Helium bestanden (den Stoffen, die schon kurz nach dem Urknall entstehen konnten), waren in späteren Generationen auch schwerer Elemente (Atome mit komplexeren Strukturen und mehr Bestandteilen) bei der Bildung beteiligt, die sich bei komplizierteren Fusionsreaktionen im Inneren der alten Sterne sowie im Laufe von Supernova-Explosionen bilden konnten. Ohne diesen Vorgang gäbe es heute weder unseren Planeten noch die Menschheit.

Details zur Entstehung Schwarzer Löcher würden den Umfang dieses Artikels sprengen – gut erklärt sind die Grundlagen auf dem bei Schülern so beliebten Kanal TheSimpleClub

Die Lebensdauer von Sternen ist nun teilweise deutlich geringer als das bisherige Bestehen des Universums. Heißt: Zahlreiche Sterne haben in den vergangenen 13,8 Milliarden Jahren bereits eines der oben beschriebenen Schicksale erlitten, andere haben sich neu gebildet. Unsere Sonne ist ein Stern der dritten Generation – das Baumaterial ist also ein Überbleibsel von Sternen früherer Generationen. Ihre Entstehung aus einer Staubwolke, die in erster Linie Wasserstoff und Helium, aber auch neuere Elemente wie Eisen enthielt, wird auf einen Zeitpunkt vor etwa 4,6 Milliarden Jahren taxiert. Doch nur etwa 99 Prozent dieser Materiewolke wurden zum Stern: Aus dem übrigen Prozent entstanden acht Gesteinsplaneten, die seitdem um den Sonne kreisen. Einer davon ist unser Zuhause.

Die Geschichte der Erde deckt sich also im Wesentlichen mit der unserer Sonne. Und das ist die erste Zahl, die wir für unsere Relationsaufstellung im Hinterkopf behalten: 4,6 Milliarden Jahren existiert unser Planet bereits. Eine lange Zeit, in der er sich pausenlos verändert und entwickelt hat. Zu früheren Zeiten hätten beispielsweise gar keine Menschen auf der Erde leben können – die klimatischen Bedingungen waren ganz einfach noch nicht geeignet. Und sollte sich die Menschheit durch ihr eigenes Verhalten nicht schon frühzeitig vernichten, ist ihrer Existenz dennoch eine Grenze gesetzt: Wenn die Sonne ihren Brennstoff vollständig verbraucht hat (und aufgrund ihrer geringen Masse zum Weißen Stern wird), was in etwa sechs Milliarden Jahren der Fall sein wird, ist das Schicksal unserer Planeten besiegelt. Und schon vorher werden sich die klimatischen Bedingungen auf der Erde so verändern, dass der Mensch in seiner jetzigen Form nicht mehr überleben kann.

Auch die Erdgeschichte lohnt einen intensiveren Blick. Hier sind die von uns eingeteilten Epochen knapp zusammengefasst

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Island ist ein hervorragendes Beispiel für die dynamische Entwicklung der Erde – durch Vulkanausbrüche, Erdbeben und die Bewegung von Kontinentalplatten verändert sich das Aussehen der Insel in jeder Minute

Fakt ist, unser Zuhause ein absoluter Glücksfall. Schon in der Geschichte des Universums finden sich mehrere Konstanten, welche die beschriebene Expansion schon bei geringfügiger Abweichung unmöglich gemacht hätten. Schauen wir uns Entstehung und Form unseren Planten genauer an, stellen wir exakt dasselbe fest: Nur aufgrund unglaublich vielfältiger Faktoren (unter Anderem der richtigen Position in Sonnensystem und Milchstraße, unserer einzigartigen Atmossphäre sowie der Existenz von Ozeanen mit gewaltigen Meeresströmungen) konnte sich auf der Erde Leben entwickeln. Durch göttlichen Eingriff oder einer zufällig ausgelösten Entwicklung namens Evolution wurde eine Kette in Gang gesetzt, deren temporäres Ergebnis sich genau wie das Universum ständig verändert: Mal konzentrierte sich das Leben vollständige auf die Ozeane, mal waren die in der Unterhaltungsbranche so beliebten Dinosaurier die dominierende Tierart. Vor etwa 6 Millionen Jahren setzte mit der Entstehung des Menschen schließlich eine weitere dieser Epochen ein. Den Ursprung menschlichen Lebens verorten Wissenschaftler auf dem afrikanischen Kontinent (wenngleich in den letzten Jahren gegensätzliche Vermutungen laut wurden). Durch eine Klimaveränderungen wichen zu dieser Zeit tropische Regenwälder weitläufigen Baumsavannen. Und gleichzeitig entwickelte sich ein Lebewesen, das sich nicht von Baum zu Baum hangelt, sondern einen aufrechten Gang besitzt – passend zu der neuen natürlichen Umgebung! Die Evolution schuf aus diesem „Menschenaffen“ schließlich ein vollkommen neues Lebewesen: Den Menschen.

Vor zwei Millionen Jahren war die neue Spezies soweit, den afrikanischen Kontinent zu verlassen. In weiten Zügen ähnelte sie mittlerweile den heutigen Lebewesen. Halten wir auch diese Zahl fest: Vor 2 Millionen Jahren begann der Mensch, Einfluss auf den Planeten auszuüben. Pressen wir die gesamte Erdgeschichte in einen 24-Stunden-Tag, würde der moderne Mensch erst zwei Minuten vor Mitternacht als neue Art auftauchen!

Was folgte, ist in der Erdgeschichte einzigartig: Eine Lebensform begann, die Gestalt seiner Umgebung grundlegend zu verändern. Während sich alle uns bekannten Tiere und Pflanzen in erster Linie an ihre natürliche Umgebung anpassen, bauten wir uns eine vollkommen neue Welt – eine, die genau unseren Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Natürlich gibt es auch in der Tierwelt einige Beispiele, die menschlichem Vorgehen ähneln – zwei bekannte Beispiele sind der Bau von Ameisenhügeln oder unterirdischen Tunnelsystemen. Dass einzelne Bestandteile der Erde – Ressourcen genannt – allerdings abgebaut und zu neuen Objekten – beispielsweise Konsumgegenständen, Gebäuden und Nahrungsmitteln – kombiniert werden, ist nur bei einem Lebewesen der Fall: Uns selbst.

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In unzähligen Produktionsschritten entstehen unsere Lebensmittel und Getränke – das ist unter allen Lebewesen einzigartig!

Das Ergebnis dieser Entwicklung ist die Welt, die wir im Jahr 2018 um uns herum beobachten können: Städte und Dörfer, bewirtschafte Felder und Produktionsanlagen, Straßen und Eisenbahnschienen, Fischerboote und Kreuzfahrtschiffe oder erschlossene Gebiete in Hochgebirgen, Regenwäldern und Wüsten. Welche Leistung der Menschheit, begünstigt durch ihre einzigartigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, vollbracht hat, lässt sich an einem simplen Gedankenspiel nachvollziehen: Ausgangspunkt ist die Erde, wie sie vor Entstehen der Menschheit aussah – sprich, es gab weder Fabriken, Städte und Werkzeuge noch in Worte gefasste chemische und physikalische Theorien, die heute unverzichtbar sind. Such dir nun einen beliebigen Gegenstand aus, den du um dich herum siehst: Das kann der Computer sein, auf dem du diesen Bericht liest, dein Smartphone, ein Möbelstück, Gebäude oder einfach nur ein Kugelschreiber. Die Aufgabe lautet nun, diesen Gegenstand aus der „ursprünglichen Welt“ (in Bezug auf den Einfluss der Menschen) zu konstruieren. Denn genau das hat die Menschheit in vielen kleinen Schritten, in einer Entwicklung über Millionen Jahre, geschafft! Das unterstreicht das Potenzial, von dem in diesem Blog bereits die Rede war.

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Selbst entlegene Hochebenen (hier auf dem Heaphy Track in Neuseeland) …
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… oder Küsten (hier am Abel Tasman Track in Neuseeland) wurden in den letzten Jahrhunderten erschlossen!

Aus dieser Entwicklung ragt nun eine dritte Zeitspanne heraus: Die vergangenen fünfzig bis einhundert Jahre. Die Entwicklung, deren vorläufiges Ergebnis auf GLOBALIZED beleuchtet wird. In dieser Zeit hat sich die Gestalt der Erde grundlegend verändert; in vielen Bereichen war die Weiterentwicklung größer als in den Millionen Jahren zuvor. Um die Globalisierung und die Entstehung des heutigen „westlichen Lebensstils“ einzuordnen, halten wir also zwei Relationen fest: Zum ersten ist die Zeit, in der die Menschheit ihren Einfluss auf die Erde ausgeübt hat, im Kontext der Geschichte unseres Planeten verschwinden gering. Zum anderen ist der Zeitraum, in der wir all die dargestellten Probleme verursacht haben, verschwindend gering im Kontext der Menschheitsgeschichte! Eine fiktive Grafik macht das noch deutlicher: Stellen wir uns eine Matrix aus mehreren Tausend Quadraten vor, von denen eines farbig gekennzeichnet ist. Dieses Quadrat ist die Zeit, in der die Menschheit (erste Relation) beziehungsweise die vergangenen Generationen (zweite Relation) ihren Einfluss ausgeübt haben.

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Der Planet Erde im Jahr 2017 – das Ergebnis einer langen Entwicklung. Ist es das Richtige?

In nicht einmal einhundert Jahren haben wir es geschafft, den Planeten in eine gefährliche Schieflage zu bringen – aufgrund der dargestellten Relation eine grotesk kurze Zeitspanne. Der Ort, an dem wir leben, ist einzigartig: Uns ist kein vergleichbarer Planet bekannt. Deshalb besteht auch nur eine einzige Chance, die in diesen Jahren aus teilweise völlig lächerlichen Gründen verspielt wird. Ob die Erde aus Zufall oder einem höheren Sinn entstanden ist, darf keine Rolle spielen – in den nächsten Jahrzehnten haben wir gewaltige Herausforderungen zu lösen.

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Dass die Luftqualität in vielen Großstädten besorgniserregend ist, klingt erst einmal nach einem vorübergehenden Problem – kann aber durch seine Folgen eine Entwicklung über Millionen Jahre gefährden!

Glücklicherweise ist diese Gewissheit an einigen Orten rund um den Planeten immer stärker zu spüren. An einem davon lande ich am Abend des 13. Dezembers – Neuseeland, der Inselstaat am anderen Ende der Welt. Dem erdgeschichtlich hochinteressanten Land eilt der Ruf voraus, im Bereich der Nachhaltigkeit Maßstäbe zu setzen: Ob das zutrifft, werden wir uns in den folgenden Blogeinträgen ansehen. Der Fokus von GLOBALIZED wird sich also verändern: Von der Aufzählung drängender Probleme (die noch erweitert werden wird) zur Darstellung zukunftsfähiger Konzepte, die in Neuseeland bereits gelebt werden. Vom Flughafen Auckland bringt mich der „Skybus“ ins Zentrum der Hauptstadt – und schon bei Nacht zeigt sich, dass es sich um eine ganz besondere Metropole handelt.

 

 

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