Tamen Negara – Der Menschenzoo

Meine Zeit in Asien geht zu Ende. In der letzten Woche meiner Rundreise besuche ich schließlich noch den Tamen Negara-Nationalpark, der einhundert Kilometer nördlich von Kuala Lumpur liegt und im Rahmen von organisierten Mehrtagestouren besucht werden kann (nähere Infos dazu in meinem Reiseführer). Da es sich um das älteste Regenwaldgebiet der Welt handelt, steht der Nationalpark bei Touristen hoch im Kurs: Längst ist der Tamen Negara eines der Ziele, das in der Regel auf keiner Malaysia-Reise ausgelassen wird. Trotz des Touristenstrom sind der Parkverwaltung allerdings gleich zwei Dinge gelungen, die in unserer globalisierten Welt eher die Ausnahme sind: Zum einen hat die Tour in den Regenwald noch immer echten Expeditionscharakter, zum anderen wird der Nationalpark selbst durch gezielte Maßnahmen vorbildlich geschützt. In großen Teilen können wir den malaysischen Nationalpark als Vorbild betrachten, wie Naturtourismus aussehen sollte!

Das Abenteuer beginnt in der Kleinstadt Jerantut, aus der die Touristen per Longtail-Boot ins Herz des Nationalparks gebracht werden. Drei Stunden lang führt die Fahrt durch unberührte Natur, die immer gewaltiger und vielschichtiger wird. Schon hier stehen die ersten Tierbeobachtungen an: Mehrfach halten wir mit dem Boot an, um die Bewohner des Regenwalds fotografieren zu können. Schließlich erreichen wir eine provisorische Kleinstadt, die am Rand des Nationalparks in die Höhe gewachsen ist und aus mehreren Hotels, schwimmenden Restaurants und einem Mini-Supermarkt besteht. Die Besucherzahlen werden streng reguliert, um die Belastung des Ökosystems im Rahmen zu halten. „Wir könnten hier weitaus mehr Profit erzielen“, erzählt mein Guide am ersten Abend. „Aber das steht für uns nicht an erster Stelle.“

sdr
In diesen Booten geht es in die Wildnis
dig
Und schon die Anfahrt ist wirklich spektakulär!

In den folgenden Tagen werden mehrere Expeditionen und Ausflüge angeboten, die tief in die fremde Welt des Dschungels hinein führen. Die Tiervielfalt – in den Regenwäldern der Erde leben mehr als die Hälfte aller bisher entdeckten Arten – ist ebenso beeindruckend wie die schiere Lautstärke, die insbesondere bei Nacht von diesen erzeugt wird. Im Herz des Nationalparks kann weiterhin der nach eigenen Angaben längste Baumwipfelpfad der Welt begangen, eine Bootstour durchgeführt oder an einer Erkundungstour bei Nacht teilgenommen werden: Beim „Nightwalk“ wird einem eindrucksvoll bewusst, wie dunkel es auf unserem Planeten werden kann – wenn plötzlich keine Elektrizität vorhanden ist und der Sternehimmel von Baumriesen verdeckt wird. Dass unsere Taschenlampen mehrfach riesige Spinnen und Schlangen einfangen, macht das Ganze nicht unbedingt angenehmer!

dav
Der längste „Canopy Walk“ weltweit – und gleichzeitig einer der höchsten
dig
Die Schlangen, die wir beim Nightwalk entdecken, können mehrere Meter lang werden!

Positiv ins Auge fallen all die Schutzvorrichtungen, die mit Blick auf das einzigartige Ökosystem installiert wurden: Nach dem Ankunft im Nationalpark bekommt jeder Tourist eine ausführliche Einführung, worauf bei den Expeditionen und Safaris geachtet werden muss. Am Einstieg aller Dschungelpfade müssen die eigenen Schuhe gereinigt werden, was strengstens kontrolliert wird. Um den dicht bewachsenen Boden des Regenwalds zu schützen, wurden zahlreiche Plankenwege und Metalltreppen installiert. Und der Müll, den die Touristen verursachen, muss entsorgt werden – und zwar außerhalb des Nationalparks! An der Bootsanlegestelle in Jerantut steht dann auch direkt eine große Entsorgungsanlage bereit. Um all die Vorrichtungen zu finanzieren, zahlt jeder Tourist vor Betreten des Tamen Negara eine Pauschale, die im Vergleich zum Tourpreis auffallend hoch ausfällt, aber zu hundert Prozent in den Erhalt des Nationalparks gesteckt wird. Bei all den vorbildlichen Ansätzen gibt es dann aber doch ein Erlebnis, das negativ heraussticht: Es ist der letzte Ausflug, den ich auf meiner Tour unternehme. Die Besichtigung einer Orang-Asli-Siedlung, die sich durch den Touristenstrom gewandelt hat: Aus dem abgeschiedenen Paradies ist ein schrecklicher Ort geworden. Während dem Besuch kam mir ein Begriff in den Sinn, den ich im Nachhinein als sehr passend empfinde: Das Dorf ist zu einem Menschenzoo geworden.

Die Orang-Asli sind die Ureinwohner Malaysias. Ihrem Glauben nach hat jedes Tier, jede Pflanze und sogar jeder Stein eine Seele – und entsprechend respektvoll leben sie mit der Natur zusammen. Noch immer leben in Malaysia 150.000 dieser Ureinwohner, die sich sowohl in den Tiefen des Regenwalds als auch auf Hochebenen wie den Cameron Highlands angesiedelt haben. Jede Gemeinschaft besitzt eigene Fischgründe und Felder, auf denen Reis oder Gemüse angebaut werden. Früchte werden im Dschungel gesammelt, das Fleisch mit selbstgebauten Waffen gejagt. Diese werden, genau wie die Wohnhäuser der Orang-Asli, aus Bambus gebaut. In einem rund zwei Meter langem Rohr wird ein handgeschnitzte Pfeil platziert, der, indem man in die Rohröffnung hineinbläst, durch den eigenen Luftdruck in Bewegung versetzt wird. Mein Guide erzählt, dass mit den Blasrohren Insekten in bis zu fünfzig Meter Höhe getroffen werden. Bei einer Vorführung schießt einer der Ureinwohner dreimal auf ein winziges Ziel in zehn Metern Entfernung. Er leistet sich keinen Fehlversuch.

dav
Blick auf das von mir besuchte Orang-Asli-Dorf

Geld spielt für bei den Orang-Asli keine Rolle, bis auf ein Blasrohr oder Gewehr besitzt der Einzelne in der Regel kein Privateigentum. Entscheidungen werden in gemeinsamer Diskussion getroffen, die vorhandenen Ressourcen und Lebensmittel gerecht geteilt. All das klingt nach einem Ort, der in der heutigen Welt deutlich mehr Respekt verdient hätte! Doch leider ist das Leben der Ureinwohner massiv bedroht: In Zeiten der Globalisierung haben große Unternehmen – in Malaysia insbesondere Palmölproduzenten – das Land der Orang-Asli im Visier. Derzeit laufen alleine in Malaysia mehr als tausend Gerichtsprozesse um Landrechtsfragen! Diese werden von Regierung und Produzenten künstlich in die Länge gezogen (um in der Zeit weitere Bäume fällen und Plantagen anlegen zu können) und aufgrund der finanziellen Mittel in der Regel gewonnen. Nur an einem Ort ist das Leben der Orang-Asli noch immer streng geschützt: Dem 4300 Quadratmeter großem Tamen Negara-Nationalpark. Hier dürfen die Ureinwohner ihrem traditionellen Leben noch immer ohne Einschränkung nachgehen. Zumindest in der Theorie: Denn da sind ja noch die Touristen.

Jeden Tag werden mehrere Bootstouren in eine der Orang-Asli-Siedlungen angeboten. In meinem Drei-Tages-Paket ist eine solche enthalten, weswegen ich am Nachmittag des letzten Tages eine Rettungsweste anziehe und das Longtail-Boot steige. Die Anfahrt ist ein echtes Abenteuer, der Fahrer beschleunigt immer wieder aufs Extremste und steuert uns durch heftige Stromschnellen und Wasserfälle. Komplett durchnässt kommen wir nach einer Stunde am Dorf an. Und wir sind nicht die einzigen: Drei Ausflugsboote dümpeln bereits am Flussrand, während unseres Aufenthalts kommen weitere hinzu. Unser Guide führt uns einen Hügel hinauf. Und dann sind wir da: Vor uns liegt der Menschenzoo.

dav
Die Touristen schwärmen aus

Am unteren Dorfrand haben die Orang-Asli mehrere Bambuspavillons errichtet: Hier werden wir direkt nach der Ankunft von einem der Dorfbewohner in die heimische Kultur eingeführt. Der Mann umreißt das tägliche Leben der Orang-Asli, präsentiert das traditionelle Bambusrohr und führt vor, wie aus natürlichen Materialien Feuer gemacht oder mit den selbstgebauten Waffen auf Jagd gegangen werden kann. „You like your job?“, frage ich den Mann nach der Vorführung. Als Antwort zieht er ein vielsagendes Gesicht. Der Orang-Asli erzählt mir, dass er das Programm bis zu dreimal täglich abspulen muss. Und vielen seiner Mitbewohner geht es genauso.

dav
Die Ureinwohner präsentieren verschiedene Techniken, unter anderem das Feuermachen
dig
Touristen können das traditionelle Blasrohr auch selbst ausprobieren – indem auf dieses Kuscheltier geschossen wird

Wirklich schlimm wird es allerdings erst nach der Einführung: Wir bekommen eine halbe Stunde Zeit und dürfen uns auf dem kompletten Gelände frei bewegen. Das winzige Dorf – geschätzt leben hier dreißig bis vierzig Orang-Asli – wird zur Touristenattraktion. Privatsphäre ist nicht gegeben: Wir können in die provisorischen Wohnhäuser hineinblicken oder sie sogar betreten. Wir bleiben auf einem Ascheplatz im Zentrum des Dorfs stehen, auf dem gerade noch mehrere Kinder Fußball gespielt haben. Wir nutzen die Sitzgelegenheiten der Einheimischen, neben denen gerade das Abendessen zubereitet wird. Und immer wieder wollen die Touristen Selfies mit einem der Dorfbewohner machen – insbesondere die Kinder werden teilweise regelrecht gejagt. Die Krönung ist eine chemische Toilette, die extra für Touristen aufgestellt wurde!

sdr
Im Herz der Siedlung

Dass diese Form des Tourismus eine Schande ist, empfinde nicht nur ich so. Im Laufe meiner Reise treffe ich mehrere Gleichgesinnte, die ebenfalls den Tamen Negara-Nationalpark und eines der dortigen Orang-Asli-Dörfer besucht haben – und zu einem ähnlichen Fazit gekommen sind. Es liegt auf der Hand, dass fremde und insbesondere alte Kulturen große Faszination ausüben und von Touristen näher kennengerlernt werden wollen – das Ganze muss aber komplett anders organisiert werden!Positivbeispiele finden sich in Neuseeland oder auf den Cook-Inseln, wie ich in späteren Blogeinträgen beleuchten werde. Hier sind die Bereiche für Einheimische und Touristen klar getrennt. Teilweise werden sogar aufwändige Modelldörfer errichtet, die auf freiwilliger Basis von Ureinwohnern bespielt werden – Ein gutes Beispiel sind die berühmten Maori-Siedlungen in Neuseeland. Dass nur zur Schaffung einer Touristenattraktion, mit der Profit erzielt wird, das Leben zahlreicher Menschen derart beeinträchtigt wird, ist schlicht und einfach unmenschlich. Die Situation der Orang-Asli lässt sich durch einen simplen Perspektivwechsel verstehen: Stellen wir uns einmal vor, Tag für Tag würden regelrechte Touristenherden unser eigenes Haus durchqueren, uns beim Kochen und Schlafen beobachten, an unserem Esstisch sitzen und Foto um Foto schießen. Wer will das schon?

Glücklicherweise ist der Besuch nach einer Stunde beendet: Es muss Platz für die nächste Touristenladung geschaffen werden, die gerade aus ihrem Boot steigt. Auf der Rückfahrt ist das Tempo gemächlicher und der Fluss deutlich ruhiger – passend zur Stimmung, die merklich gesunken ist. Der Ausflug in den Menschenzoo hat Eindruck hinterlassen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s