Putrajaya – Wandel der Architektur (2/2)

Hier geht´s zu Teil 1

Malaysia befindet sich im Aufschwung. Schon gegen Ende des 20. Jahrhunderts schaffte der 32-Millionen-Einwohner-Staat den Sprung vom Entwicklungs- zum Schwellenland und etablierte sich als Produktionsstandort für Elektronikkonzerne aus der ganzen Welt. In die Jahre gekommene Hochhäuser wurden durch futuristische Neubauten ersetzt, Investitionen in Infrastruktur und Tourismus nahmen stetig zu, während sich immer mehr global agierende Unternehmen im Land niederließen. Zentrum des Aufschwungs ist in erster Linie Kuala Lumpur, dessen Wachstum allerdings ein wenig außer Kontrolle geraten ist: Mittlerweile werden all die Phänomene asiatischer Großstädte –  eine enorme Geruchs- und Geräuschvielfalt, zwielichtige Straßenmärkte, Kleinkriminelle und Verkehrschaos – auch hier deutlich sichtbar. Die Folge: Kuala Lumpur ist auf den ersten Blick keine Hauptstadt, die ein boomendes Schwellenland repräsentiert.

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Kuala Lumpur: Eine typisch asiatische Großstadt

Das dachte sich auch Premierminister Mahathir bin Mohamad, der von 1981 bis 2003 – also zur Zeit des großen Aufschwungs – Malaysias politische Spitze bildete. Mohamad sah die Chancen des Aufschwungs, wollte seinem Land internationalen Respekt verschaffen. Mit mehreren sündhaft teuren Projekten, zu denen die weltbekannten Zwillingstürmen (benannt nach dem staatlichen Erdölkonzern Petronas) und eine gewaltigen Formel-1-Strecke zählen, stieg die Bekanntheit Malaysias schlagartig an. Das größte Projekt des Premierministers war aber ein anderes: Fünfundzwanzig Kilometer außerhalb von Kuala Lumpur, auf einem nicht genutzten Flachlandgebiet, sollte eine neue, nach außen strahlende Hauptstadt in die Höhe wachsen. Ihr Name: Putrajaya.

Die Ansprüche waren hoch. Eine perfekte Stadt sollte entstehen – durchdacht, nachhaltig, lebenswert und architektonisch anspruchsvoll. Als ersten Schritt ließ Mohamad zahlreiche künstliche Seen anlegen, an dessen Ufern weitläufige Grünanlagen entstanden. Die Stadt an sich sollte in erster Linie Regierung und ausländische Botschaften unterbringen, aber auch 300.000 Menschen ein Zuhause bieten. Und der Premierminister hielt Wort: Für mehrere Milliarden Dollar wurde umgehend mit dem Bau zahlreicher Neubauten begonnen, ein Gebäude spektakulärer als das andere. Das Projekt schien auf einem gutem Weg.

Doch was ist aus der Vision Mohamads geworden? Gegen Ende meiner Asienreise, Mitte Dezember 2017, unternehme ich einen Tagesausflug in jene Planstadt. Von Kuala Lumpur aus ist Putrajaya in 20 Minuten mit dem hochmodernen KLIA-Express erreichbar, das Ticket ist wie gewohnt ausgesprochen günstig. Als ich beim Frühstück  von meinen Plänen erzähle, blicke ich in viele fragende Gesichter. Putrajaya? Malaysias Verwaltungshauptstadt? Niemand meiner Zimmerkollegen kann mit dem Namen etwas anfangen.

Als ich an der Haltestelle zwischen Putrajaya und Cyberjaya (ein weiteres Projekts Mohamads; hier sollte seiner Vision nach „ein zweites Silicon Valley“ entstehen) aussteige, bietet sich ein surrealer Anblick: Hinter dem Eingangsportal des Bahnhofs warten dutzende Busse, allesamt leer. Auf der daneben verlaufenden, vierspurigen Straße sieht man für mehrere Minuten kein einziges Auto vorbeifahren. Und auf der anderen Seite des Gleise schmiegt sich ein verlassener Anbau an das Gebäude: Hier steht die Haltestelle der Monorail-Bahn, die zwischen Bahnhof und Stadtzentrum verkehren sollte. Nur: Das Projekt wurde nie fertig gestellt. Nach einer einzigen Kurve brechen die Schienen abrupt ab – es gab ganz einfach keine Fahrgäste.

Der erste Eindruck soll sich im Laufe des Tages bestätigen: Putrajaya ist zwar keine Geisterstadt, aber dennoch vollkommen unterbesiedelt. Nur 60.000 der angedachten 300.000 Einwohner haben sich in Mahathir bin Mohamads Hauptstadt eingefunden. Als ich für den Rest des Tages die langen Straßen entlang wandere, begegne ich immer wieder mehrere Minuten lang keinerlei Autos oder Fußgängern. Die wenigen Restaurants warten vergeblich auf Gäste, zahlreiche Wohnungen stehen leer. Irgendetwas scheint bei der Planung Putrajayas gewaltig schief gelaufen zu sein. Nur was?

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Die Straßen Putrajayas sind völlig verlassen – das ist die zentrale Prachtstraße der Stadt am Samstagnachmittag
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Selbst solch schicke und sogar bezahlbare Wohungen stehen teilweise leer

Tatsächlich wurde das Projekt nie vollständig fertiggestellt. Auch Putrajaya blieb, ähnlich wie der (heute als „Ghost Tower“ bekannte) Sathorn Unique in Bangkok, nicht von der Finanzkrise im Jahr 1997 verschont – nur ein Teil der Vision konnte im Endeffekt verwirklicht werden. Und dennoch ist Malaysias Regierung mittlerweile in die häufig als „Kuala Lumpurs Schwesterstadt“ bezeichnete Metropole umgezogen, ab 2020 (wenn alle Ministerien gefolgt sein werden) soll Putrajaya offizielle Hauptstadt des Landes sein. Die Botschaften hingegen weigerten sich, ihren Hauptsitz in die Planstadt zu verlegen. Es dürften ähnliche Gründe eine Rolle spielen, die auch für das Fernbleiben von mehr Besuchen sorgen.

Auf den ersten Blick komme Putrajaya einer „perfekten, zukunftsfähigen Stadt“, die Premierminister Mohamad als Ziel ausgerufen hatte, tatsächlich sehr nahe. Zahlreiche Aspekte, die ich im Blogeintrag zur Stadt der Zukunft als Positivbeispiel angeführt habe, wurden bei der Stadtplanung berücksichtigt: Das Ergebnis beinhaltet ein dichtes Nahverkehrsnetz, breite Fußgänger- und Fahrradwege, weitläufige Grün- und Wasserflächen und nachhaltig konstruierte Gebäude. Urban Farming, Solarenergie und Ressourceneinsparungen sind bei Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden die Regel. Doch all das nützt herzlich wenig: Denn Putrajaya wurde an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeplant.

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Urban Farming
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Die Stadt wird von zahlreichen künstlichen Seen durchzogen

Häufig als „Stadt ohne Seele“ oder „inhaltslose Hülle“ bezeichnet, fehlt es der Verwaltungshauptstadt an viel wichtigeren Dingen. Als eine Umfrage zum Ergebnis des Stadtprojekts durchgeführt wurde, gaben die befragten Einwohner in erster Linie an, kulturelles Angebot zu vermissen: Es gebe, im Gegensatz zu Kuala Lumpur, weder Garküchen, Shoppingmalls noch Nachtleben. Die Restaurants an der Innenstadt lassen sich an einer Hand abzählen. Und nach Kinos, Theatern, Vereinsgebäuden oder Begegnungsstätten sucht man vergeblich. Kurz: Putrajaya wurde mit dem Ziel konstruiert, als Prestigeobjekt zu fungieren. Und nicht, um 300.000 Menschen ein lebenswertes Zuhause zu bieten. Eigeninteressen – die der Regierung – standen im Vordergrund.

Vorwerfen kann man es Mohamad nicht, beim Bau Putrajayas auf die oben genannten Punkte verzichtet zu haben. Kultur, Gastronomie und Tourismus entstehen in der Regel durch die Menschen, die an einem Ort leben, und können nur schwer vorgegeben werden. Das Scheitern Putrajayas zeigt also in erster Linie eines: Dass dominante Stadtplanung nicht funktionieren kann. Es muss der umgekehrte Weg gegangen werden; bestehende Strukturen durch sinnvolle Maßnahmen angeglichen werden, wie es beispielsweise in Singapur praktiziert wird. Lebendige Viertel, von Restaurants und Nachtclubs flankierte Meilen und regelmäßig genutzte Festplätze sind das Herz jeder Stadt. Und aus dem Nichts kann eben keine perfekte, vollkommene Stadt konstruiert werden. Die einzige Möglichkeit ist es, eine (bestehende) Stadt Stück für Stück zu entwickeln. Langfristige Planung ist gefragt, in der Einzelinteressen zurückgestellt werden müssen.

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Vor einigen Jahren öffnete im Zentrum Putrajayas dieser Funpark – bei meinem Besuch zählte er keinen einzigen Gast

Putrajaya ist kein Einzelfall. Alle Großprojekte Mohamads – wir erinnern uns an die Formel-1-Strecke und die Petronas Twin Towers – sollten in erster Linie das Image Malaysias aufbessern. Die Bevölkerung hatte von den Milliardenausgaben keinerlei Nutzen. Leider lassen sich vergleichbare Bauprojekte auf der ganzen Welt beobachten: Sehr spannend ist beispielsweise die Entwicklung von Ländern, die durch Großveranstaltungen plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Vor 2014 geschah das anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, derzeit mit Blick auf die EXPO 2020 in Dubai. Der Bevölkerung nützen die zahlreichen, kurzfristig angelegten Projekte herzlich wenig. Ein prominentes Beispiel ist die „Arena Amazonia“ im brasilianischen Manaus, die 2014 bei vier WM-Spielen als Austragungsstätte diente, seitdem aber keinerlei Nutzen mehr hat.

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Die Petronas Twin Towers

Worauf will ich hinaus? Aus all diesen Beispielen lässt sich eine wichtige Eigenschaft herausfiltern, die sich im Zuge der Globalisierung immer mehr in den Vordergrund drängt. Eine Eigenschaft der derzeitigen Gesellschaft, der zur Schaffung der in diesem Blog thematisierten „globalisierten Welt 2.0“ entgegengewirkt werden muss. Wagen wir einen Blick zurück, um diese zu verdeutlichen, und betrachten das Feld der Architektur. Auch dieses befindet sich ständig im Wandel, wie im Bericht zu Angkor Wat bereits beschrieben wurde. Damals habe ich am Beispiel der Khmer-Hauptstadt Intention und Details damaliger Bauprojekte beschrieben: Mit Angkor Wat entstand ein Zuhause für Millionen Menschen; die dazugehörigen Tempel dienen Gläubigen bis heute als tägliche Gebetsstätte. Architektonisch sollten die herrschende Kultur und Religion möglichst authentisch dargestellt werden. Es stand im Vordergrund, den Einwohnern ein Zuhause zu errichten, in dem sie sich wohlfühlen und stolz sein können.

Heute hat sich das verändern. Schauen wir uns die derzeitige Architektur etwas genauer an: Vieles hat sich verändert, so werden heute beispielsweise vermehrt Glas, Stahl und Beton als Baumaterialien verwendet.Heute wird in der Regel zwischen zwei Architekturformen unterschieden: Der „Dekonstruktivismus“ setzt sich zum Ziel, Einzelteile kompakter Konstruktionen aufzureißen und die Form von ihrer Funktionalität zu trennen. Das Ergebnis sind einprägsame, asymmetrische Bauwerke wie das Guggenheim-Museum in Bilbao, die Elbphilharmonie in Hamburg oder die Opern in Oslo und Sydney. Der „Minimalismus“ hingegen verzichtet auf Dekoration und will Formen für sich sprechen lassen – Beispiele sind erster Linie moderne Wohnhäuser, die häufig mit optisch ansprechenden Glasbalkons, Anbauten oder Dachterrassen hervorstechen. Eines haben zeitgenössige Bauwerke aber in der Regel gemeinsam: Sie werden gebaut, um eine Idee, eine Handschrift, umzusetzen, und nicht, um den Grundbedürfnissen des Menschen nachzukommen. Häufig werden moderne Gebäude als „Hüllen“ bezeichnet, in dem weder Heimatgefühl noch Identität aufkommen kann. „In Ideen wohnt sich´s schlecht“ titelte eine deutsche Zeitung im letzten Jahr.

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Architektonisch trifft man in Putrajaya auf einen Mix aus Moderne und islamistischen Einflüssen 
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Und auch die Regierungsgebäude sind wirklich schön

Hinter alldem steckt dasselbe Probleme, das beim Bau Putrajayas deutlich wurde: Macht und Vermögen Einzelner steht im Vordergrund. Ein Architekt will ein Gebäude bauen, das seinen eigenen Stil repräsentiert; eine Firma einen Hauptsitz, der Eindruck erwecken soll – das alles bringt aber der Gesellschaft nichts! Dieses Streben nach Ansehen und Profit ist die gefährliche Eigenschaft, die ich oben angedeutet habe!
Und nicht nur in der Baupolitik wird dieses Problem, die falsche Gewichtung zwischen Eigeninteressen und Gemeinwohl, deutlich: Die Wissenschaft kämpft immer mehr mit dem Problem, dass nicht nach universellen Antworten, sondern spezifischen Problemlösungen gesucht wird. Im Sport können sich einige Fans kaum noch mit ihren Vereinen identifizieren, weil Investoren das Geschäft vollkommen verzerren. Und in der Wirtschaft steht für die Produzenten nicht das Ergebnis (also die Leistung, die der Konsument erhält) im Vordergrund: Stattdessen soll möglichst viel Profit erzielt werden.

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Wachstum – in die richtige Richtung?

Dieses Drängen nach immer mehr Geld, nach Sicherheit und Ansehen, ist nur menschlich und wird niemals verschwinden können. Aber dennoch können wir aus dem dargestellten Wandel der Architektur, der sich problemlos auf andere durch die Globalisierung betroffene Bereiche übertragen lässt, Wichtiges lernen: Um langfristig die „globalisierte Welt 2.0“ aufbauen zu können, müssen andere Komponenten wieder mehr in den Vordergrund gerückt werden. Es ist einfach ein gewisses Maß überschritten worden. Und läuft alles weiter wie bisher, wird es immer schlimmer werden – und somit düsterer für die Zukunft unseres Planeten.

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