Kuala Lumpur – Fortschritt vs. Gott?

Nach drei Wochen in Thailand geht es für mich Anfang Dezember zurück in Richtung Süden. Zwischenziel ist Kuala Lumpur, das touristisch noch immer im Schatten der berühmten Nachbarn Singapur und Bangkok steht – was ein wenig verwundert, bietet Malaysias Hauptstadt doch sowohl  weltbekannte Sehenswürdigkeiten als auch eine einzigartige kulturelle Vielfalt (das Land wird nicht umsonst als Schmelztiegel der Kulturen bezeichnet!). Die Petrona Twin Towers, die Batu Caves (in riesige Kalksteinhöhlen hineingebaute Hindu-Tempel) und der Berjaya Times Square, der als größtes Einkaufszentrum der Welt unter Anderem einen Indoor-Freizeitpark mit Looping-Achterbahn bietet, stehen den Sehenswürdigkeiten anderer südostasiatischen Metropolen in Nichts nach. Mit einer möglichen Ursache für den mäßigen Ruf der Stadt wird man als Backpacker in Südostasien schnell konfrontiert: Immer wieder ist zu hören, dass die Atmosphäre in Kuala Lumpur als seltsam, ja sogar unangenehm, empfunden wird – und das in erster Linie wegen des starken religiösen Wiederspruchs, der sich in der 2-Millionen-Einwohner-Stadt eindeutig auftut.

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Die Petrona Towers mit ihrer markanten Panoramabrücke
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Der Freizeitpark des Berjaya Times Square
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Und trotz dieser tollen Attraktionen ist KL in erster Line eine gespaltene Stadt, in der sich viele Reisende nicht wohlfühlen

Schauen wir uns das Ganze genauer an: Malaysias Hauptstadt ist stark muslimisch geprägt; wie im ganzen Land sind aber auch andere Religionen präsent – Buddhismus und Hinduismus, zudem das Christentum und weniger bekannte Glaubensrichtungen der Einheimischen. Als Tourist wird einem schnell bewusst, welch große Rolle die Religion spielt: In U-Bahnen gibt es abgetrennte Abteile für Frauen, an gefühlt jeder Straßenecke streckt sich ein prächtiger Tempel in den Himmel, und immer wieder müssen strikte Kleidungsvorschriften beachtet werden. Geschlossene Schuhe und eine lange Hose sollten an einem Besichtigungstag folglich jederzeit mit im Gepäck sein – was bei den extremen Temperaturen gewöhnungsbedürftig ist. Als Europäer braucht man eine Zeit lang, um sich an diese Umgebung zu gewöhnen: Schließlich sind gerade jüngere Generationen immer mehr der Meinung, dass die Zeit Gottes abgelaufen ist. Das Bild, das wir aus Deutschland kennen (halbleere und nur von älteren Menschen besuchte Gottesdienste, gelangweilter Religionsunterricht und die schwindende Bedeutung von spirituellen Ansätzen) gestaltet sich dementsprechend eindeutig – ist aber wie so oft nur ein ganz kleiner Teil des großen Ganzen, die unter Reisende so oft als „Blase“ bezeichnete Welt, in der wir aufwachsen und Rahmenbedingungen als selbstverständlich hinnehmen.

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Ein chinesischer Tempel in Kuala Lumpur
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Noch verbreiteter sind aufwändig gestaltete Moscheen

Wie steht es im Jahr 2018 tatsächlich um Religion und Gott? Zwei Dinge sind Fakt: Global spielt der Glaube auch in unserer neuen Welt auch heute noch eine immens bedeutende und bei vielen jüngeren Menschen unterschätzte Rolle. Eine Umfrage zufolge sind mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung gläubig, in den meisten Regionen auch ein Großteil der jüngeren Generationen. Dass Supermärkte am Sonntag geschlossen haben, Kathedralen und Kapellen das Stadtbild prägen und Feiertage wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten fest in den Terminkalender eingetragen sind, wird bei uns als selbstverständlich hingenommen. Auf der anderen Seite ist aber auch ersichtlich, dass im Zuge der Globalisierung gleich zwei Entwicklungen eingesetzt haben, die das Schicksal und Fortleben von Religionen deutlich erschwert haben: Einerseits das verstärkte Zusammenleben von Menschen verschiedener Überzeugungen, das hohes Konfliktpotenzial birgt; andererseits der wissenschaftlichen Fortschritt, der elementare religiöse Überzeugungen mehr als nur infrage stellt.

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Auch heute noch werden aufwändig gestaltete Gotteshäuser gebaut, wie der Weiße Tempel von Chiang Rai …
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— oder die Moschee von Putrajaya errichtet

Kern religiöser Überzeugungen sind überzeugende Antworten auf die sogenannten „großen Fragen des Lebens“; Tatsachen, die wir uns auch heute noch nicht sicher erklären können. Wie und warum entstanden das Universum, unser Planet Erde, das Leben und schließlich der Mensch? Steckt hinter alldem eine planende Hand, die uns Menschen möglicherweise sogar einen Auftrag, eine Intention, mit auf den Weg gegeben hat? Und welchen Sinn hat ein menschlichen Leben von mittlerweile durchschnittlich rund 80 Jahren? Eins haben nahezu alle Religionen gemeinsam: Es gibt diese planende Hand, das den Menschen überstellte Wesen, das wir Gott nennen. Und dem Leben ist auch eine Intention übergeordnet, die in der Regel nicht darin besteht, sich an gesellschaftliche Rahmenbedingungen anzupassen und nach Ansehen oder Profit zu streben – wie es heute leider bei vielen Menschen der Fall ist. Im Detail gestalten sich die Überzeugungen einer Glaubensrichtung zumeist vollkommen unterschiedlich, was sich schon bei der Gottesfrage zeigt: Das Christentum geht von einem einzigen Gott aus, der Jesus Christus als seinen Stellvertreter und Vorbild auf die Erde schickte; im Islam wird „Allah“ als allgegenwärtiger und strenger Herrscher beschrieben, während der Hinduismus von über 3000 verschiedenen Göttern ausgeht. Buddhisten folgen mit Buddha wiederum einem Vorbild, der eher als Lehrer denn als Gott fungiert. Die Liste der Differenzen lässt sich fortsetzen: Die Inhalte der den Religionen übergeordneten Schriften unterscheiden sich stark. Mal passt der Gläubige seinen Alltag strengen Vorschriften an, mal ist die Lebensgestaltung deutlich freier. Und auch das Schicksal nach dem Tod wird unterschiedlich vorhergesagt.

Die Globalisierung hat nun – und damit kommen wir zu Konflikt Nummer eins  – bekanntlich dazu beigetragen, Menschen unterschiedlicher Herkunft immer ausgeprägter über den Globus zu verteilen: Religiöse Überzeugungen haben sich vermischt und leben heute an vielen Orten in direkter Nachbarschaft. In Malaysias UNESCO-Weltkulturerbestadt Georgetown wird die berühmte Armenian Street beispielsweise von Gotteshäusern verschiedenster Religionen gesäumt. Früher war das anders: In einer Stadt, einer Region und zumeist einem ganzen Land lebten Menschen, die allesamt den gleichen Glauben hatten. Konflikte traten nur auf, wenn sich die Gestalt dieser einen Religion veränderte oder sich die Grenzen bestimmter „Glaubensregionen“ verschoben. Die heutige religiöse Vielfalt, wie ich sie Kuala Lumpur und vielen anderen Stationen meiner Reise erlebe, birgt ein ungleich höheres Konfliktpotenzial  –  und wie ein Blick in die Nachrichten unserer Zeit zeigt, ist die eigene Überzeugung eines der stärksten Motive überhaupt. Wird sie von äußeren Einflüssen bedroht, setzen Entwicklungen ein, die häufig in Gewaltakten enden.

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Die Armenian Street in Georgetown
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Die Anzahl verschiedener Glaubensrichtungen ist unfassbar vielseitig – so hat zum Beispiel fast jeder Orang-Asli-Stamm (die zumeist im Regenwald lebenden Ureinwohner) seine eigene Religion

Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Entwicklung, welche all die unterschiedlichen Glaubensrichtungen plötzlich in ein gemeinsames Boot gesetzt und auf der einen Seite der Konfliktlinie platziert hat. Eine der revolutionärsten Veränderungen, die im Zuge der Globalisierung eingesetzt haben, ist der immer schnellere Aufschwung der Technik. Transport- und Kommunikationssysteme haben weltweiten Handel und Austausch ermöglicht, während Maschinen, Smartphones oder GPS aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Wir nehmen die Nutzung all dieser Technologien als selbstverständlich wahr – für die meisten Jugendliche ist ein Tag ohne WhatsApp, Snapchat oder Facebook völlig undenkbar; ein Großteil der heutigen Berufe wäre gleichzeitig ohne Computer und andere Maschinen kaum noch zu bewältigen. Die Lebensqualität ist in vielen Bereichen deutlich gestiegen; Nachrichten oder Bücher können digital gelesen, Reisen und Ausflüge detailliert geplant und Tätigkeiten im Haushalt von Maschinen übernommen werden. Die Liste lässt sich noch lange fortsetzen.

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Der Planet Erde 2018 ohne Technik – völlig undenkbar

Große Auswirkungen hatten diese völlig neuen Möglichkeiten auf die Wissenschaft. Messungen und Beobachtungen wurden deutlich präziser, mit Computern konnten Simulationen und komplexe Rechnungen durchgeführt werden, während Teilchenbeschleuniger, Raumschiffe oder Unterwasserkameras revolutionäre Erkenntnisse lieferten. Diese Entwicklung hatte wiederum starke Auswirkungen auf die Gestalt und Glaubwürdigkeit von Religionen: Für viele Menschen bieten wissenschaftliche Theorien plötzlich überzeugendere Antworten auf die weiter oben genannten „großen Fragen.“ Mittlerweile, im Jahr 2018, ist immer deutlicher spürbar, dass Gottes Zukunft auf einem echten Prüfstein steht. Der alte Streit zwischen Religion und Wissenschaft ist in eine ganz neue Phase eingetreten. Der Ausgang: Völlig unklar.

Vielen wollen im Lauf der Geschichte ein klares Muster erkennen und den Ausgang des Konflikts schon heute vorhersagen können. In der Tat lässt sich aus den vergangenen Jahrhunderten die Entwicklung herauslesen, dass religiöse Weltbilder im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts immer wieder transformiert und angeglichen werden mussten: Den Anfang machte Kopernikus´ Entdeckung, dass unser Planet Erde nicht wie angenommen als Zentrum des Universums fungiert, sondern nur ein unbedeutend kleiner Teil des großen Systems ist: Wie wir heute wissen, kreist die Erde als Teil des Sonnensystems um die Sonne und ist Teil einer Galaxie namens Milchstraße, die wiederum nur ein winziger Teil der Raumzeit ist, die wir Universum nennen. Die Urknalltheorie stellt Gottes Funktion als Schöpfer in Frage, plötzlich war die Entstehung von Universum und unserem Planeten wissenschaftlich zu erklären. Und das in diesem Blog genannte Miller-Urey-Experiment stützte 2016 ebenso wie moderne Universums- und Evolutionstheorien die These, das Leben auf der Erde sei als Ergebnis einer glücklichen Verkettung chemischer und physikalischer Umstände. Kurz: Immer wieder wurden Aspekte religiöser Überzeugungen durch die Wissenschaft widerlegt. Die Konsequenz scheint auf der Hand zu liegen – Gott ist überflüssig geworden.

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Wer oder was hat all das ausgelöst?

Bewiesen ist im Jahr 2018 allerdings noch nichts. Der Menschheit stehen spannende Jahre bevor: Schon seit längerem bildet das Aufstellen der sogenannten „Weltformel“, die idealerweise Sinn und Entstehung von Universum, Materiegebilden und Leben in Form eines einzelnen Gesetzes vereinen soll, das Hauptziel der Wissenschaft. Schon 1800 war eine solche Formel Thema in einem meiner absoluten Lieblingsbücher, Goethes „Fausts“. Auch wenn frühere Wissenschaften schon absolut beeindruckende – und im Rahmen der Möglichkeiten sogar höher einzuschätzende – Ergebnisse lieferten, sind wir einem derartigen Durchbruch näher denn je. Denn: In kaum greifbarem Tempo haben sich Theorien weiterentwickelt und neue Zusammenhänge erklärt; aus Elementen sind Atome geworden, aus Atomen Protonen, Elektronen und Neutronen; aus diesen wiederum Quarks. Heute benennt die String-Theorie schon wieder einen neuen universellen Grundbaustein. Gleichzeitig konnten durch neuartige Technologien deutlich präzisere Untersuchungen im Weltraum durchgeführt werden (bei denen unter anderem Schwarze Löcher und rotverschobene Lichtspektren ferner Sterne beobachten wurden), während die Quantenmechanik und Einsteins Relativitätstheorie unser Weltbild grundlegend transformierten. All diese Fortschritte halfen dabei, die Entstehung und Entwicklung des Universums besser nachvollziehen zu können – heute ist unsere Vorstellung folglich schon ziemlich präzise, wenn auch im Detail umstritten.

Was dabei verwundert: Noch immer können gute Argumente gefunden werden, die auf das Existieren einer höheren Macht schließen. Trotz aller Fortschritte konzentriert sich das derzeitige Wissen auf die Vorgänge innerhalb unseres Universums – wie der mögliche komprimierte Urzustand zustande kam und ob weitere Universen existieren, kann im Jahr 2018 (noch?) nicht beantwortet werden. Weiterhin sorgte die Quantentheorie dafür, dass wissenschaftliche Theorien anstelle von Fakten plötzlich durch Wahrscheinlichkeitsverteilungen und Möglichkeiten beschrieben werden – ein spekulativer Ansatz, der für viele Menschen mehr Raum für Gott bietet. Es steht uns also zweifellos eine äußerst spannende Zeit bevor, sofern die Erkenntnisse in den kommenden Jahren weiterhin derart schnell voranschreiten.

Kommen wir, bevor wir zu weit abschweifen, zurück zum Thema: Der ausgeprägte Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft hat die Welt in zwei Lager gespalten – Gottesgläubige und Atheisten. Und auch hier versteckt sich das im ersten Beispiel erläuterte Konfliktpotenzial: Religiöse Menschen haben teilweise ein äußerst negatives Bild von Atheisten und können über deren Lebensstil und Ansichten nur dem Kopf schütteln, während Atheisten die andere Seite in der Regel für unaufgeklärte Menschen halten, die im 21. Jahrhundert völlig fehl am Platz sind. Auf meiner Reise habe ich, insbesondere in religiösen Zentren wie Kuala Lumpur oder Georgetown, zahlreiche Menschen beider Seiten kennenlernen dürfen. Wie hoch die Gefahren der dargestellten Entwicklung sind, zeigt schon ein Blick in die Nachrichten: Insbesondere im Nahen Osten sowie in Indien geraten immer wieder Menschen mit verschiedenen Überzeugungen gewaltsam aneinander. Wie auch immer die beiden Konflikte – das vermehrte Zusammenleben verschiedener Kulturen sowie neue Erkenntnisse, die für unantastbar gehaltene Fakten in Frage stellen – weiterverlaufen werden: Eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte wird es sein, damit umzugehen.

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Der Wildtierhandel in Laos – mit Gott vereinbar?
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Moral? Nicht zu erkennen
sdr
Aber: Wir brauchen sie

In der Regel verharren gespaltene Gesellschaften im Laufe der Zeit nicht in ihrem derzeitigen Zustand – sie entwickeln sich in eine der beiden Richtungen. Heute bietet sich in Kuala Lumpur ein Bild, dessen Einzelteile ganz einfach nicht zusammenpassen wollen: Auf der einen Seite Moscheen und Tempel, tiefgläubige Menschen und strenge Regeln, auf der anderen Seite das von futuristischen Gebäuden, Technik und immer ausgefalleneren Freizeitmöglichkeiten geprägte globalisierte Zeitalter. Das Ergebnis ist die merkwürdige Stimmung in der Stadt, die so vielen Backpackern nicht gefallen mag. Die nächsten Jahre werden zeigen, in welche Richtung die Waage ausschlagen wird. Ganz wichtig wird eines sein: Selbst wenn Gott im Zuge des Fortschritts tatsächlich überflüssig werden sollte, dürfen andere Aspekte der Religion unter keinen Umständen verloren gehen – in erster Linie die moralische Dimension! Nächstenliebe, Gleichheit, Akzeptanz: Wenn du dir die anderen Blogeinträge dieser Website durchliest, wirst du auf viele Problemfelder stoßen, bei denen Moral und religiöse Werte keinerlei Rolle spielen. Um mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen, brauchen wir diese aber unbedingt. Fortschritt und Religion sind also keine Gegner – sie können gemeinsam die ideale Welt schaffen, von der auf GLOBALIZED die Rede ist.

 

 

 

 

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