Koh Phi Phi – Die Plastik-Katastrophe

Im Jahr 2000 kam mit großem Erfolg der britische Film „The Beach“ in die Kinos. Mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle erzählte Regisseur Danny Boyle die abenteuerliche Rucksackreise eines Thailand-Touristen, die Zuschauer weltweit in den Bann zog. Als einer der Drehorte musste die „Maya Bay“ auf der Insel Koh Phi Phi hinhalten  – ein traumhafter Strand im Inneren einer engen, von steilen Felswänden eingefassten Bucht. Rückblickend hatte der Film für die thailändische Inselgruppe weitreichende Folgen: Mit einem Mal galt Koh Phi Phi als Traumreiseziel, Touristen aus aller Welt pilgerten auf die Insel in der Andamanensee bei Krabi, um selbst mit dem Boot in die Maya Bay einzufahren. In wahnsinnigem Tempo verwandelte sich die Insel in eine Ansammlung teurer Hotels, Backpacker-Partyhostels, Restaurants, Diskotheken und Touranbieter. Entstanden ist ein typischer Hotspot des im letzten Beitrag angesprochenen Massentourismus. Und dieser bleibt insbesondere für die einheimische Natur nicht folgenlos.

Ich besuche die Maya Bay und das touristische Zentrum Koh Phi Phis Anfang Dezember im Rahmen einer Tagestour. Rund fünfzig voll besetzte Touristenboote brechen am frühen Morgen aus Ao Nang in Richtung der Inseln auf. Bereits nach den ersten Schritten auf Koh Phi Phi habe ich mein Fazit formuliert:  Ein Paradies – denn an sich ist die Insel mit ihren spektakulären Felsformationen, verschlungenen Buchten und kristallklaren Stränden ein echter Traum – hat sich in einen schrecklichen Ort verwandelt. Der flache Abschnitt im Zentrum der Hauptinsel Koh Phi Phi Don (die zweite, unbewohnte Insel Phi Phi Leeh wird nur von Tagesausflüglern besucht) ist mit Hotels, Restaurants und überteuerten Touristenattraktionen komplett zugebaut. Auf der ganzen Insel stinkt es bestialisch. Und dicht an dicht drängen sich Touristen durch die engen Gassen, die von Souvenirläden und riesigen Diskotheken flankiert werden. „Sie fallen ein wie die Heuschrecken“, titelte die Bangkok Post im vergangenen Jahr über die Besucher aus aller Welt. „Das Maß an allem Erträglichen ist längst überschritten.“ Die Konsequenzen werden schon jetzt spürbar: Die Treibanker der zahlreichen Ausflugsboote haben die Unterwasserwelt der Maya Bay nahezu vollständig zerstört, was bei der Zahl der Boote nicht verwundert: Bis zu 5.000 Touristen besuchen täglich den „The Beach“-Schauplatz, bestätigte ein Mitarbeiter des Nationalparks. Um das verbliebene Leben unter Wasser zu schützen, wird die Maya Bay nun im Sommer 2018 für mehrere Monate gesperrt. Der einheimischen Wirtschaft entgehen dadurch immens hohe Einnahmen.

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Hochbetrieb am Morgen – hier legen in Ao Nang die Ausflugsboote ab. Bis zu 300 machen sich auf den Weg in die Maya Bay
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Und das aus gutem Grund: Phi Phi Leeh ist landschaftlich wirklich beeindruckend
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Solche Bilder sind in der Maya Bay dann leider die Regel

Das wohl größte Problem Koh Phi Phis ist aber der Müll, der sich in den Hinterhöfen von Restaurants, an einst idyllischen Stränden und sogar am Rand der Straßen sammelt. Schaut man etwas genauer hin, fallen vor allem riesige Plastikmengen auf: In den wenigen Grünflächen der Inseln stapeln sich die Müllsäcke. Ganze Strände sind von Plastikflaschen und benutzten Verpackungen bedeckt. Und als wir einige hundert Meter vor Koh Phi Phi zum Schnorcheln halten, sehe ich mehr Müll als Fische. Der Titel für diesen Eintrag steht: Die Plastik-Katastrophe. So kann es nicht weitergehen.

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Müll im Garten einer Ferienanlage

All das, was ich hier im Dezember 2017 sehe, ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich seit Jahren auf der ganzen Erde vollzieht. Experten vermuten, dass sich über 100 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen angesammelt haben. Wie kann das sein? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns auf eine lange Reise begeben. Woher kommt der Müll, der hier vor Koh Phi Phi und rund um die Welt in den Meeren treibt? Eines sollte jedem klar sein: All der Abfall, der in den Meeren die dort lebenden Tiere, das Ökosystem der Ozeane und schließlich auch uns selbst bedroht, hat seinen Ursprung bei uns Verbrauchern. Sehr wahrscheinlich befindet sich unter den Tonnen Plastikmüll auch ein kleiner Teil, der von dir selbst verbraucht wurde! Leider hinterfragen die meisten Menschen solche Prozesse höchst ungern – Ihnen reicht es aus, im Supermarkt nach Lust und Laune einkaufen zu können, die Verpackungen anschließend wegzuwerfen und auf die Müllabfuhr zu warten. Aber was passiert eigentlich danach? Schauen wir uns das Ganze im Detail an.

Plastik ist der umgangssprachliche Begriff für Kunststoffe. Als Ausgangsstoff des wertvollen Materials dient Erdöl, eine wertvolle Ressource, aus der durch Destillation und Cracking die in der Oberstufe so präsenten Kohlenwasserstoffverbindungen entstehen (chemische Verbindungen, die aus Kohlenstoff (C) und Wasserstoff (H) bestehen). Durch die Synthese dieser sogenannten Monomere (CH-Verbindungen in ihrer einfachsten Struktur) entstehen schließlich deutlich größere, netz- oder kettenförmige Moleküle – unsere Kunststoffe, unser Plastik. Zwischen drei Arten der Synthese wird unterschieden: Bei der Polymerisation wird ein- und dasselbe Monomer zu einer langen Kette aneinandergereiht. Die Polykondensation verbindet unterschiedliche Ausgangsstoffe (also verschiedene Kohlenwasserstoffverbindungen, die auch weitere Elemente enthalten können) zu einem größeren Molekül und einem Nebenprodukt. Und auch bei der Polyaddition werden unterschiedliche Monomere kombiniert, allerdings durch Wanderung der Wasserstoffmoleküle und ohne die Bildung eines Nebenprodukts. Ohne unnötig ins Detail zu gehen, erkennen wir: Unmengen an unterschiedlichen Molekülen können am Ende dieser Reaktionskette stehen. Auf unsere Plastikprodukte bezogen heißt das, dass sich die von der Struktur abhängigen Eigenschaften des Endprodukts stark unterscheiden: Dehnung, Dichte, Feuchtigkeitsaufnahme, Wärmebeständigkeit und Schmelztemperatur der Verbindungen können sich in einem ungewöhnlich großen Bereich bewegen. Das macht Plastik als Material so beliebt: Für nahezu jeden Anlass lässt sich mit den entsprechenden Monomeren und Verfahren eine passende Verbindung herstellen. Wie stark sich die resultierenden Plastikgegenstände unterscheiden, wird schon bei einfachen Haushaltsgegenständen deutlich: Vergleichen wir einen weichen Spülschwamm, eine stabile Chipstüte und eine wärmende Fleecejacke: Die Materialien erscheinen vollkommen unterschiedlich.

Wie die Produktion in einer großen Fabrik abläuft, seht ihr hier

All diese Plastikgegenstände sind aus unserer modernen Welt nicht mehr wegzudenken. Schon seit dem 17. Jahrhundert werden Kunststoffe zum Verpacken benutzt, die Größenordnung hat sich allerdings rapide verändert: In den letzten zehn Jahren wurden beispielsweise mehr Kunststoffe hergestellt als im gesamten Jahrhundert zuvor! Problematisch dabei: Oftmals handelt es sich um „Einmal-Produkte“, die nach der Nutzung umgehend wieder entsorgt werden. Etwa die Hälfte der Plastikprodukte wird nach einmaliger Nutzung direkt weggeworfen. Das Plastik wandert in die Mülltonne und verschwindet aus dem Blickfeld des Einzelnen.

Aber was passiert nun, nachdem der Müll großflächig eingesammelt wurde? In den letzten 25 Jahren hat sich eine Technik etabliert, die das erneute Verwenden von Materialien erlaubt: Recycling. Durch ein auf das Produkt zugeschnittenes Verfahren wird ein neuer Rohstoff hergestellt. Ob Glas, Metalle, Papier oder eben Kunststoffe – fast alle gängigen Müllsorten können wiederverwendet werden. Im Jahr 2014 wurden 89 Prozent der Glasabfälle, 88 Prozent des Aluminiums und 87 Prozent des Papiers recycelt – allerdings nur knapp über 50 Prozent des Plastiks. Die Differenz erklärt sich im hohen Aufwand des Kunststoffrecyclings: Die Verarbeitung ist deutlich komplizierter als bei anderen Materialien.

Soll Plastik recycelt werden, landet der eingesammelte Müll als Erstes in einer Sortieranlage. Mehr oder weniger ausgeklügelte Verfahren trennen die Kunststoffe in verschiedene Gruppen: Siebe teilen den Müll in kleinere und größere Verpackungen auf. Magnete entnehmen Weißblech- und Aluminiumdosen. Und mit Infrarotstrahlung werden Verpackungsmaterialien anhand ihres reflektierten Lichtspektrums erkannt. In unterschiedlichen Verfahren werden anschließend neue Rohstoffe hergestellt: Wellbleche werden beispielsweise im Stahlwerk erhitzt, gegossen und zu neuen Blechen gewalzt. Erschwerend wirkt die Tatsache, dass viele Kunststoffe nach Gebrach stark verschmutzt sind und zunächst gereinigt werden müssen.

Wichtiger für uns ist allerdings eine andere Frage: Was passiert mit dem zweiten Teil unseres Plastikmülls, der nicht recycelt wird? Ein großer Teil landet in Müllverbrennungsanlagen, wo der Kunststoff zur Energieerzeugung verbrannt wird. Sehr verbreitet ist diese Technik in Schweden, wo tonnenweise Müll aus ganz Europa importiert wird, um die Verbrennungsanlagen maximal auszulasten. Auch asiatische Länder kaufen regelmäßig europäischen Müll. Und dann gibt es eben noch eine dritte Möglichkeit, welche die mit Abstand schlechteste ist: Ein Teil des Plastikmülls gelangt  in unsere Umwelt und somit fast zwangsläufig in die Ozeane.

Die Wege dorthin sind vielfältig: Der Wind weht Plastikmüll von riesigen Deponien (die entweder als Zwischenlager oder als Notlösung ohne jeglichen Sinn existieren und in Südostasien und Nordamerika am weitesten verbreitet sind) und von Touristen zurückgelassene Verpackungen in Bäche, Flüsse oder direkt ins Meer. Nahezu alle Großstädte und Touristenzentren liegen schließlich am Meer oder zumindest einem anderen Gewässer. Auf Fischerbooten oder Kreuzfahrtschiffen werden Fischernetze oder Müllsäcke über Bord geworfen: Schätzungsweise befinden sich derzeit 705.000 Tonnen Fischernetze in den Ozeanen. Und wo die Müllberge, die sich auf Koh Phi Phi und anderen Inseln auftürmen, am Ende landen, liegt leider auch auf der Hand. Eine weitere Ursache, die nur wenigen bekannt sein dürfte: Beim Waschen von Funktionskleidung aus Polyester, die gerade in Europa sehr verbreitet und beleibt ist, lösen sich kleine Mikrofasern heraus. Diese gelangen in das Abwassersystem, welches früher oder später ebenfalls ins Meer mündet. Die gelösten Fasern sind unglücklicherweise so klein, dass Kläranlagen nichts ausrichten können. Ist der Müll einmal im offenen Meer angekommen, verteilt er sich durch die in einem früheren Beitrag beschriebenen Meeresströmungen schließlich über den ganzen Erdball.

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Wie so viele Großstädte liegt auch Singapur direkt am Meer – das beeinflusst die Müllmenge im Ozean noch einmal negativ

Wie stellt sich nun die aktuelle Situation dar? Ein bedeutender Teil der Kunststoffe hat sich in sogenannten Plastikinseln gesammelt. Diese bilden sich in Oberflächenstrudeln, wo der Müll durch das lokale Strömungsverhalten in einem bestimmten Gebiet festgehalten gehalten wird. Derzeit wird vermutet, dass sich fünf solcher Insel geformt haben, drei sind wissenschaftlich belegt: Eine im Nordatlantik, eine im Nordpazifik und eine im Südpazifik. Welche Dimensionen diese Müllstrudel haben, dürfte viele überraschen: Die Plastikinsel im Nordpazifik könnte größer als Europa sein. Und pro Quadratkilometer befinden sich etwa eine Million Partikel im Meer. Weitere große Mengen des Mülls lagern sich am Boden der Ozeane ab oder werden an sogenannten „Plastic Beaches“ angeschwemmt – Strände, die mittlerweile meterhoch mit Plastik bedeckt sind. Berühmte Beispiele befinden sich in Asien, Ozeanien oder auf Hawaii.

Hier ein aktuelles Beispiel – eindrückliche Bilder aus der Karibik

Da die Menschheit in diesen Jahren Unmengen an Kunststoffen herstellt und die genannten Versorgungsmethoden auf der ganzen Welt angewandt werden, ist die jetzige Situation entstanden. Die Meeresschutzorganisation Oceana nimmt an, dass weltweit stündlich 675 Tonnen Müll direkt ins Meer geworfen werden, wobei es sich bei etwa der Hälfte um Plastik handelt. 2015 veröffentlichte die US-amerikanische Plattform Custom Made eine aufsehenerregende Grafik, die mehrere schockierende Zahlen nannte: Beispielsweise werden im Jahr derzeit 500.000.000.000 (500 Milliarden) Plastiktüten zum Einkaufen genutzt! Legen wir diese Tüten aneinander, würde die entstehende Kette 42 Mal um den Erdball reichen. Insgesamt sollen sich 5,25 Billionen einzelne Plastikteile in den Ozeanen befinden – was für eine unvorstellbare Zahl! Und die Menge wird noch weiter ansteigen: Kunststoffe zerfallen im Wasser in immer kleinere Partikel, ohne sich vollständig aufzulösen.

Die Folgen der Verschmutzung sind weitreichend: In erster Linie ist das Leben unter Wasser durch den äußeren Eingriff massiv bedroht. Alleine durch das Verfangen im Plastikmüll sterben pro Jahr rund 100.000 Meeresbewohner. Viele Tiere können die Plastikteile nicht von ihrer Nahrung, zumeist Plankton, unterscheiden, und fressen folglich die für sie giftigen Partikel. Weiterhin lösen sich verschiedene Zusatzstoffe aus dem Plastik und wirken toxisch auf die Meere ein: In den letzten Jahren wiesen Wissenschaftler nach, dass mehrere Fische, die innerhalb der großen Plastikinsel leben, mit der Zeit unfruchtbar werden. Und auch wir selbst bekommen schlussendlich die Folgen der Plastik-Katastrophe zu spüren: Zum einen sterben immer mehr Arten aus, von denen sich die Menschheit bisher ernähren konnte. Zum anderen sind die Plastikpartikel im Inneren der Fische logischerweise nicht verschwunden, wenn diese schließlich auf unserem Teller landen. Die Folgen davon sind noch vollkommen unklar.

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Wie sicher ist Fisch essen heute noch?

Warum gegen dieses riesige Problem bislang so wenig unternommen wurde, ist unverständlich. Als problematisch gestaltet sich die Tatsache, dass sich die großen Plastikinseln und somit der Hauptteil des Mülls mitten in internationalen Gewässern befinden. Konsequenterweise fühlt sich keine Regierung dafür zuständig. In den letzten Jahren brachten immerhin einige Einzelkämpfer und Umweltschutzgruppen mehr oder weniger sinnvoller Vorschläge vor, von denen Boyan Slats „The Ocean Cleanup Project“ sicherlich am populärsten ist (mehr dazu gab es im Koh-Tao-Artikel). Selbst wenn für die Säuberung der Weltmeere eine Lösung gefunden werden sollte – was aufgrund der genannten Fakten sowie der oft unterschätzten Dynamik unserer Ozeane sehr schwierig wird -, ist das nur der erste Teil einer langfristigen Lösung: Es muss dringend unterbunden werden, dass überhaupt Müll in die Meere gelangt! Und hier ist dann wieder der Einzelne gefragt.

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Auf thailändischen Streetfood-Märkten gibt es richtiges Geschirr anstelle von Plastikverpackungen – eine Inspiration für Europa?
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Ein weiterer Ansatz: Biologisch abbaubare Verpackungen

Ziemlich oft ist der Kauf von Plastikprodukten vollkommen sinnlos – das populärste Beispiel ist die Einwegtüte im Supermarkt. In „Deine Rolle“ folgt in den nächsten Tagen ein eigener Artikel mit Tipps für den Alltag. Besonders wichtig wird es werden, die weltweite Bereitschaft für korrekte Müllentsorgung zu erhöhen, die derzeit insbesondere in Asien kaum vorhanden ist. Auf Dauer wird es nicht reichen, als Deutscher gewissenhaft den Müll zu trennen, an anderen Stellen aber tatenlos zuzusehen. Auch Recyclingverfahren werden weiter optimiert werden müssen, was realistisch erscheint: Seit 1991 stieg die Quote immerhin von 3 auf rund 50 Prozent. Noch ist es also möglich, sowohl die Fehler der vergangenen Generation zu beheben und für eine gesicherte Zukunft zu sorgen. Denn am Ende ist es ganz einfach: Nur der Müll, den wir verursachen, kann überhaupt in die Umwelt gelangen. Und hier gilt es anzusetzen.

 

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