Krabi – Massentourismus

Die Globalisierung hat unsere Welt grundlegend verändert – das bekommen wir jeden Tag zu spüren, ob beim Tragen von ausländischer Markenkleidung, dem Schreiben von WhatsApp- und Facebooknachrichten, beim Einkaufen in der Shoppingmall oder dem Abendessen im asiatischen Restaurant. Der Bereich, der sich in den letzten Jahrzehnten vielleicht am stärksten gewandelt hat, ist allerdings das Reisen. Dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, diese Weltreise zu unternehmen, ist historisch gesehen ein absolutes Privileg. Tag für Tag profitiere ich von Errungenschaften der Globalisierung: Flüge und Fernbusse, Kontakt zu Freunden, Familie und neuen Bekannten, spannende kulturelle Erfahrungen in international geprägten Hostels und eine auf den Tourismus eingestellte Infrastruktur. Vor einigen Jahrzehnten wäre all das undenkbar gewesen.

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Touristen aus aller Welt in Chiang Mai – unsere neue Welt

Gereist sind die Menschen schon immer, ob im alten Griechenland, zur Zeit der Römer oder im Mittelalter. Die Erfahrung war aber eine grundlegend andere: Man begab sich auf eine Reise voller Gefahren; die Wege waren beschwerlich und am Tag – ob zu Fuß oder per Kutsche – nicht mehr als 40 Kilometer zurückzulegen. Es war keine Seltenheit, dass der Reisende vor Aufbruch noch eilig sein Testament gemacht hatte! Im 18. Jahrhundert brachen die ersten Menschen zu Bildungsreisen auf, bei denen sie die Kultur anderer europäischer Staaten kennenlernen wollten – die bekannteste dieser Reisen ist wohl Goethes zweijähriger Italienaufenthalt. Einen Schritt weiter ging die Menschheit am 17. Mai 1861: Die erste Pauschalreise, bestehend aus Zugfahrt, Unterkunft und Verpflegung, wurde zu einem annehmbaren Preis nach Paris angeboten. Auch dieser „Urlaub“ hatte mit den heutigen Ferienreisen noch wenig zu tun. Dennoch ist dieser Durchbruch gerade einmal rund 150 Jahre her, ein Wimpernschlag in der Geschichte unseres Planeten! Im Folgenden etablierten sich die ersten Vergnügungs- und Erholungsreisen, die jedoch der Oberschicht vorbehalten waren. Die Ziele wurden langsam ausgefallener: Es ging per Schiff nach Nordafrika, zum Wandern entlang des Rheins oder mit dem berühmten „Orient-Express“ nach Istanbul. Im 20. Jahrhundert etablierten sich die Nord- und Ostsee als beliebte Ziele für einen längeren Sommerurlaub. Der Durchbruch, der auch dem durchschnittlichen Bürger das Reisen und Entdecken fremder Kulturen ermöglichte, folgte dann nach dem Zweiten Weltkrieg.

Durch das Zusammenspiel mehrerer „Boomfaktoren“ – das Wirtschaftswunder, wachsender Wohlstand, Fortschritte im Transportwesen und verkürzte Arbeitszeiten – kam es zu einem drastischen Anstieg von Reisenden. Die Deutschen entdeckten zuerst Italien, dann Mallorca als besonders beliebtes Ziel. Hand in Hand mit dem Fortschritt entwickelte sich das heutige Tourismussystem – Plötzlich sind den Menschen keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Die Entwicklung des Flugverkehrs ermöglicht problemloses Reisen rund um die Welt, technische Produkte wie Bewertungsportale oder Foren eine detaillierte Planung und das Entstehen des Tourismussektors komfortable Unterkünfte und Pauschalreisen jeder Art. Alles ist möglich: Eine Kreuzfahrt in die Antarktis, die Besteigung des Mount Everest im Rahmen einer geführten Expedition oder eine Bootsfahrt in den ältesten Regenwald der Erde.

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In Malaysia können Touren in den Tamen-Negara-Regenwald unternommen werden – mit Unterkunft im All Inclusive Resort

Begünstigt durch die in den 1990er-Jahren stark gefallenen Flugpreise hält dieser Boom noch heute an. Immer mehr Menschen bewegen sich über den Erdball; die touristische Infrastruktur wächst. Durch verschiedene Faktoren unterstützt – die Etablierung von Billig-Airlines, Budget-Unterkünften und Fastfood-Ketten rund um die Welt; der Bevölkerungsexplosion sowie den im Großen und Ganzen immer freier und flexibler werdenden Menschen -, steuert allerdings auch diese Entwicklung auf eine gefährliche Grenze zu: Viele Urlaubsgebiete sind hoffnungslos überlaufen. Existenzielle Probleme haben die zweifellos vorhandenen Vorteile des Tourismus längst in den Schatten gestellt. Aus erholsamem Urlaub ist Massentourismus geworden.

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Das Freizeitangebot vor Ort wird stetig ausgebaut

Die Zentren dieser Entwicklung sind auf der ganzen Erde zu finden: In Europa die Mittelmeerküste, Mallorca oder die Kanarischen Inseln; weltweit die karibischen Inseln, Ägypten (jedenfalls vor den Ereignissen der letzten Jahren) und auch Thailand. Knallhart konfrontiert mit dem Phänomen des Massentourismus werde ich in der Region Krabi, die ich mir im Anschluss des Tauchkurses auf Koh Tao ansehen will. Obwohl die Gegend mit türkisblauen Buchten, traumhaften Sandstränden, spektakulären Felsformationen und fantastischen Tauch- und Schnorchelspots Superlative ohne Ende bietet, werden aus der geplanten Woche am Ende drei Tage Aufenthalt. Warum? Diese völlig überlaufenden Gebiete, deren Charakter wir uns gleich genauer ansehen, sind nicht nur für die Einheimischen ein großes Problem. Auch der Urlauber bekommt nicht mehr das geboten, was er erwartet.

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Landschaftlich ragt die Region Krabi heraus – keine Frage

Tourismus zieht unbestritten Vorteile nach sich, die sich bei entsprechendem Besucheranstieg auch proportional vergrößern. Die besuchten Länder generieren hohe Einnahmen, die in vielen Fällen auch bitter nötig sind – liegen viele der beliebtesten Ziele für Weltreisende (Südostasien, Südamerika, Afrika) doch in äußerst armen Regionen. Die Infrastruktur wird erweitert, Nahversorgung und Freizeitmöglichkeiten verbessern sich. Davon profitieren auch die Einheimischen. In den neu errichteten Hotels, Restaurants und Tourunternehmen werden wichtige Arbeitsplätze geschaffen. Eine Frage drängt sich auf: Warum wird Massentourismus dann so häufig als Problem bezeichnet?

Wie jede moderne Entwicklung zieht auch das heutige Tourismussystem Vor- und Nachteile nach sich. Die Frage ist nur: Welche werden auf Dauer überwiegen? Im Fall des Massentourismus ist das klar absehbar: Werden Urlaubsregionen wie die Inseln in Thailand oder im Mittelmeer weiterhin so stark beansprucht, sind all die genannten Vorteile plötzlich nebensächlich. Denn die einheimischen Menschen sowie die Umwelt bekommen die Folgen des Besucheransturms stärker zu spüren, als den meisten Touristen klar sein dürfte. Aus der Waage an positiven und negativen Auswirkungen wird ein Katapult.

Schauen wir uns am Beispiel Krabis an, wie ein solches, touristisch überlaufendes Gebiet, im Detail aussieht. Als Hauptgrund, ein Urlaubsziel zu wählen, zählen für einen Großteil der Menschen noch immer paradiesische Inseln, lange Sandstrände und möglichst luxuriöse Hotels, in denen meist alles Nötige (Transfers, Essen, Aktivitäten) inklusive ist. Es ist zwar zutreffend, dass Abenteurerreisen – ob Extremsport wie Bungee-Springen, Canyoning und Tauchen, Wildnisexpeditionen oder Mehrtageswanderungen – immer mehr im Trend liegen, der touristische Fokus liegt aber weiterhin stark auf Strandurlaub und Erholung. Die Region rund um Krabi ist eine solcher Hotspot, der sich gut mit Mallorca oder den kanarischen Inseln vergleichen lässt. Was die Besucher hierher lockt, liegt auf der Hand: Die Strände von Phranang und Railay zählen zu den schönsten des Landes, die Inseln Koh Phi Phi und Koh Lanta sind weltberühmt, und die weitläufigen Ausläufer der Andamanensee eignet sich hervorragend zu Wassersport jeder Art. Spektakuläre Felsformationen und Buchten ziehen auch Naturfreunde an. Die Folge: All die wunderschönen Orte sind hoffnungslos überlaufen. Bei meiner eintägigen Bootstour durch die Andamanensee halten wir auf mehreren Inseln, deren Strände von Booten zugeparkt sind, an einem Mittagsbuffet für bis zu 1600 Menschen am Tag sowie über einem zum Schnorcheln geeigneten Korallenriff, dessen Fische durch die lauten Schiffe  längst das Weite gesucht haben. Die weltbekannte Stand am Ende der Maya Bay (die durch den Film „The Beach“ berühmt wurde) ist derart überlaufen, dass die Touristen dicht an dicht stehen. Dieses Phänomen – überlaufene Strände und Touristenattraktionen – lässt sich auch an vergleichbaren Zielen feststellen.

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Ausflugsboote legen zum Mittagessen am Strand Koh Phi Phis an
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Das Mittagsbuffet ist schreckliche Massenabfertigung
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Am Strand der Maya Bay
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Selfies ohne störende Fremde? Unmöglich
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Die schönen Strände der Insel sind mit Booten zugeparkt

Zweites Kennzeichen überlaufener Regionen sind die als Ausgangspunkt der Ausflüge dienenden Städte, deren Gestalt sich unter dem Einfluss des Tourismus grundsätzlich verändert hat. Häufig wird die westliche Kultur vollständig importiert – in Krabi oder Ao Nang (der zweiten größeren Stadt in der Region) gibt es beispielsweise deutsche, französische, italienische, amerikanische und sogar typisch bayrische Restaurants. Der Tourist hat alles Nötige direkt vor der Haustür, die Dichte an Supermärkten und Serviceeinrichtungen ist immens hoch. An der zwei Kilometer langen Hauptstraße Ao Nangs zähle ich sieben (!) 7-11-Filialen. Zudem zählt der Ort, der regulär nur 10000 Einwohner hat, weit über einhundert Restaurants. Jeden Abend sind die Straßen und Geschäfte hoffnungslos überlaufen. Wahnsinn!

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Bratwurst in Singapur? Kein Problem
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Ein europäisches Steakhouse in Ao Nang

Was hat das nun für Folgen? Zum einen wird die heimische Kultur stark zurückgedrängt, die Tourismusbranche hält die Fäden in er Hand. Einheimische Wirtschaftszweige verlieren an Bedeutung, globale Ketten wie Starbucks oder McDonalds ziehen bekanntlich deutlich mehr Besucher an als eine etwas schäbig aussehende Garküche. Die immer größeren Hoteleinlagen nehmen den Einheimischen ihren Wohnraum weg, die wenigen vorhandenen Wohnungen sind plötzlich unbezahlbar. Auf Mallorca leben viele junge Menschen bis Mitte dreißig bei ihren Eltern! Als neues Problem kristallisieren sich dabei Plattformen wie AirBnB heraus: Wohlhabendere Menschen kaufen Apartments oder kleine Wohnungen auf, um sie im Internet Touristen anzubieten. Damit lässt sich gutes Geld verdienen, die leerstehenden Immobilien könnten aber auch dringend benötigten Wohnraum für Einheimische schaffen. „Ihr wohnt im Luxus – und wir?“ rufen Einheimische bei einer Großdemonstration auf Mallorca im September letzten Jahres. Hunderte Menschen, darunter unterbezahlte Hotelmitarbeter und vertriebene Mieter, versuchen, auf die Folgen des Massentourismus aufmerksam zu machen. „Your luxury is my daily misery!“ ist auf an einem der Hauptstrände als Graffiti zu lesen. Tatsächlich ist auf der spanischen Urlaubsinsel eine Grenze längst überschritten worden: 2016 reisten 16 Millionen Touristen nach Mallorca, dessen Einwohnerzahl von einer Million sich in den Sommermonaten häufig verdoppelt.

Einen Eindruck der Mallorca-Demonstration erhalten Sie hier

Folgen hat das auch für die Umwelt: Mit den Touristen geht es immenses Müllproblem einher (der nächste Eintrag „die Plastik-Katastrophe“ wird hier noch näher ins Detail gehen), Ressourcen werden überlastet – so besteht in vielen Gebieten wie Krabi immenser Wassermangel -, und bestehende Ökosysteme bedroht. Tiere und Pflanzen verlieren durch Neubauten ihren Lebensraum, Korallenriffe werden durch die vielen Tauchboote massiv bedroht und die Luft leidet unter dem steigenden Verkehr. Ist es die derzeitigen Einnahmen und das Urlaubserlebnis weniger Touristen wert, dass bestehende System auf Dauer zerstört werden? Mit Sicherheit nicht! Und ich bezweifle auch, dass der Großteil der Touristen ihren Aufenthalt in solchen Regionen genießen kann – mit hat es auf Koh Phi Phi und Ao Nang jedenfalls nicht gefallen.

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Der Tourismus hinterlässt seine Spuren

Weitergehen wird es so nicht – wie so oft ist nur die Frage, ob wir die Veränderungen bewusst und nach unseren eigenen Vorstellungen vornehmen werden. Seit Jahren entwickelt sich der sogenannte „sanfte Tourismus“, der auf drei Zielen basiert: Möglichst wenig auf die Umwelt einwirken, die Möglichkeit, die Natur möglichst ursprünglich erleben zu können, sowie das Erhalten der einheimischen Kultur. Rund um die Welt mehrere solche Ansätze erkennbar; beispielsweise die Touristenbeschränkungen in der Antarktis und mehreren beliebten Tauch- und Schnorchelspots, der nachhaltige Ansatz neuer Tourunternehmen (auch meine Tauchschule auf Koh Tao hat das vorbildlich mit einbezogen) oder aber der Einsatz einheimischer Menschen als Guides. Reichen werden die derzeitigen Bemühungen aber nicht! Und eines wird meiner Meinung nach noch viel zu wenig beleuchtet: Es wird bislang nur darüber diskutiert, wie das bisherige Tourismussystem nachhaltig gestaltet werden kann . Das Ideal muss aber eine Welt sein, in der nicht nur ein kleiner Teil der Menschen reisen kann, und sich der Reisende seiner Verantwortung bewusst ist. Schritt eins muss es also sein, in der Theorie ein solches Ideal aufzustellen – und dann die nötigen Maßnahmen einzuleiten, um diesem möglichst nahezukommen. Schlüssel sind dabei wie so oft wir selbst: Die Reisenden, die all diese Probleme verursachen. Schauen wir mal, welche Lösungen wir in diesem Blog finden können.

 

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