Koh Tao – Die Rolle der Ozeane

Mitte Dezember, im Anschluss meines Abstechers nach Kambodscha, war es endlich soweit: Vor der thailändischen Insel Koh Tao stehen meine ersten Tauchgänge an. Ziemlich spontan habe ich bei der deutschsprachigen Basis „Rainbow Fish Divers“ (die sehr zu empfehlen ist!) einen Open-Water-Kurs gebucht, der einerseits Grundlagen des Tauchens vermittelt, aber auch praktische Übungen und somit erste Erfahrungen unter Wasser beinhaltet. Fünf Tage dauert es, bis ich schließlich meine Tauchlizenz in den Händen halte – alleine die Länge des Kurses zeigt, dass Tauchen keine einfache Sportart ist. Die Bedingungen unter Wasser sind für den Menschen so fremd und ungeeignet, dass eine umfassende Ausrüstung nötig ist – unter anderem Atemluft, ein mit Luft gefülltes Jacket zur Steuerung des Auf- oder Abtriebs, ein Bleigurt zur Anpassung des Gewichts sowie verschiedene Notfallvorrichtungen. Hält man sich dann das erste Mal längere Zeit unter Wasser auf, wird eines mit voller Wucht klar: In den Ozeanen sind wir plötzlich nicht mehr das Lebewesen Nummer eins, für das wir uns so gerne halten. Hier bestimmen Andere die Spielregeln.

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Der Ablauf eines Open-Water-Kurses in der Tauchschule „Rainbow Fish Divers“
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Einer der Unterrichtsräume – hier wird die Theorie vermittelt
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Das entsprechende Handbuch umfasst ganze 200 Seiten – die Herausforderungen beim Tauchen sind komplex

Trotzdem ist das Erkunden der Unterwasserwelt ein beeindruckendes und unvergessliches Erlebnis, weshalb sich der Tauchsport auch immer größerer Beliebtheit erfreut. Koh Tao zieht seine Touristen beispielsweise aus einem einzigen Grund an: Den fantastischen Tauch- und Schnorchelmöglichkeiten. Dass sich auf der „Schildkröteninsel“ Hotel an Hotel und Tauchschule an Tauchschule reiht, sagt eigentlich alles aus. An den beliebtesten Tauchplätzen stehen die Schiffe am Mittag dicht an dicht und warten darauf, dass ihre Insassen an die Oberfläche zurückkehren. Was nach Massentourismus klingt, relativiert sich unter Wasser schnell: Alle lästigen Geräusche sind mit einem Mal verschwunden; man schwebt durch eine bunte Welt voller Wunder, in der es hinter jede Ecke etwas Neues zu entdecken gibt.

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Im Hintergrund eine stattliche Ansammlung an Taucherbooten

Auf GLOBALIZED nehme ich mein Tauchabenteuer zum Anlass, die globale Rolle der Ozeane einmal genauer zu beleuchten. So viel vorneweg: Die Weltmeere spielen eine entscheidende Rolle für das Klima sowie unser tägliches Leben auf diesem Planeten – eine Rolle, die oftmals unterschätzt wird. Das Meer ist nicht bloß eine Touristenattraktion – ein überdimensionales Schwimmbad oder die passende Kulisse für ein hübsches Ferienhaus –  Nein, hier spielen sich Prozesse ab, denen weitaus mehr Bedeutung eingeräumt werden sollten, als es derzeit der Fall ist.

3,5 Milliarden Jahre sind nach heutigem Stand vergangen, seit sich auf unserem Planeten das erste Leben bildete. Außer Diskussion steht mittlerweile, dass dieses seinen Ursprung in der Tiefsee hatte: 1953 zeigte das in diesem Blog schon genannte, von zwei amerikanischen Forschern durchgeführte Miller-Urey-Experiment, wie sich in einem nachgestellten „Urozean“ (dem Ozean in seiner damaligen Struktur) bei Energiezufuhr durch elektrische Entladungen eine Reihe organischer Verbindungen bildeten, darunter auch verschiedene Aminosäuren. Weniger bekannt ist, dass im vergangenen Jahr eine modifizierte, noch präzisere Version des Experiments durchgeführt wurde: Martin Ferus von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag und Fabio Pietrucci von der Pariser Université Pierre et Marie Curie setzen die Ursuppe (die wie 1953 größtenteils Wasser, Kohlenmonoxid, Methan, Wasserstoff und Ammoniak enthielt) neben Blitzen auch Schockwellen aus, um die äußeren Einflüsse noch exakter zu berücksichtigen. Das Ergebnis war eine große Überraschung: Neben Aminosäuren fanden Ferus und Pietrucci dieses Mal auch vier Bestandteile der RNS vor, welche als Vorläufer der modernen DNA gilt – dem Grundbaustein alles Lebens.

Hier der Link zu einer gelungenen Animation des historischen Experiments

Wir verdanken allerdings nicht nur unsere schiere Existenz den Weltmeeren – auch unser heutiges Leben wird massiv von ihnen beeinflusst. Meeresströmungen wirken auf unser Klima ein und sorgen in Europa für die ungewöhnlich milden Winter –  in Schottland und Norwegen bleiben Fischereihäfen beispielsweise das ganze Jahr lang eisfrei und bilden für viele Menschen die Lebensgrundlage. In Norwegen ist es im Winter durchschnittlich bis zu 15 Grad Celsius wärmer als in Alaska, das auf gleicher geographischer Breite liegt. Weiterhin fungieren die Ozeane als Energiespeicher und nehmen große Mengen an wärmender Sonnenenergie auf – pro Volumen etwa doppelt so viel wie in der Luft oder an Land. Mithilfe dieser Energie arbeiten die Meere als „Klimapuffer“ und verhindern große Temperaturschwankungen. Gut sichtbar wird dieser Effekt, wenn wir das Klima an Küsten und im Inland vergleichen: Am Meer sind die Sommer kühl und die Winter mild, die Schwankungen halten sich in Grenzen. Im Landesinneren ist der Gegensatz deutlich größer. Zuletzt nehmen die Ozeane rund ein Drittel des von den Menschen ausgestoßenen Kohlenstoffdioxid (CO²) auf.  Nicht auszudenken, wie es um unser Klima stünde, würde der Ozean diese Gase nicht aus dem Verkehr ziehen. Unter Wasser wird ein Teil des CO²s in Sauerstoff umgewandelt und uns als Atemluft zur Verfügung gestellt. Auch diese ist in ihrem unerschöpflichen Vorrat nicht selbstverständlich!

Leider wird die Funktionsweise viele dieser Vorgänge immer schwächer. Auch die Weltmeere sind von den Konsequenzen aktueller Entwicklungen – unserem modernen Lebensstil, der Bevölkerungsexplosion, unserem Konsumverhalten – nicht verschont geblieben. Es ist wie so oft: Der Mensch schaut in erster Linie auf sich selbst, wirkt damit aber negativ auf viel größere und existenzielle Systeme ein. Fraglich ist beispielsweise, wie lange Meeresströmungen, insbesondere der für Europa bedeutsame Golfstrom, noch für das beschriebene Klima in Europa sorgen können: Das „Förderband der Meere“ könnte als Folge des Klimawandels komplett zum Erliegen kommen.

Um das drohende Szenario zu präzisieren, müssen wir den Antrieb dieser Strömungen genauer darstellen. In erster Linie sind  vereinfacht als „Pumpstationen“ bezeichnete Ozeanregionen verantwortlich, die sich durch besonders große Dichteunterschiede auszeichnen. Die Dichte des Wassers hängt von zwei Parametern ab: Der Temperatur und dem Salzgehalt. Je dichter und kälter Wasser ist, desto schwerer ist es – und sinkt im Ozean nach unten. Auf unserem Planeten existieren genau zwei der angesprochenen Pumpstationen: Eine in der Labradorsee, eine zwischen Norwegen und Grönland. Durch den hohen Salzgehalt des Atlantiks und den Einfluss der kalten Antarktis wird das Oberflächenwasser so schwer, dass es nach unten sinkt – in etwa, als würde man das Wasser aus eine Badewanne lassen. Die vakante Oberfläche wird im Folgenden mit wärmerem Wasser aus südlichen Regionen „aufgefüllt“, das kalte Wasser bildet am Grund wiederum einen Tiefenstrom und fließt in diese Gegenden ab. Dass diese Pumpstationen nur im Atlantik existieren, hat einen simplen Grund: Der indische Ozean ist zu warm, der Pazifik wiederum zu salzarm.

Dass die beiden Gebiete im Atlantik folglich von großer Wichtigkeit sind, liegt auf der Hand. Neben diesen „Pumpstationen“ unterstützen auch Oberflächenströmungen (welche durch den Einfluss des Windes entstehen) und die Gezeiten das Entstehen von globalen Meeresströmungen – beide sind allerdings nicht von solcher Wichtigkeit wie die dargestellten Prozesse im Nordatlantik. Was passiert nun, wenn sich eben dort die Parameter plötzlich ändern? Was, wenn der Salzgehalt des Wassers plötzlich so weit sinkt, dass das Oberflächenwasser nicht mehr die benötigte Dichte erreicht, um in die Tiefe zu sinken und die weltweiten Förderbänder weiterhin anzutreiben? Dieses Szenario ist alles andere als unmöglich – wir müssen nur an die zahlreichen schmelzenden Gletscher in Nordeuropa und Grönland denken! Das plötzlich flüssige Süßwasser landet im Atlantik und senkt logischerweise den Salzgehalt. Auch die Dichte wird konsequenterweise geringer.

Nun sind Strömungen wie der Golfstrom leider ein sogenanntes „An-oder-aus-System“- entweder sie funktionieren oder aber sie kommen vollständig zum Erliegen. Das zweite Szenario sollte die Menschheit dringend verhindern: Alleine die sozialen und wirtschaftlichen Folgen Europas wären dramatisch, würde doch der Fischfang und die Landwirtschaft saisonal komplett zusammenbrechen. Statt heißen Sommernächten stünde uns plötzlich eine „neue Eiszeit“ bevor, wie es Forscher in den letzten Jahren immer wieder ausdrückten. Die Ursache für das als Motor der Veränderungen wirkende Abschmelzen der Gletscher sind wir selber: Auslöser ist die global steigende Lufttemperatur. Und diese wird, wie bereits dargestellt, insbesondere durch unseren modernen Lebensstil beeinflusst, den jeder von uns zu verantworten hat.

Diese Animation zeigt eindrucksvoll die Dynamik unserer Meeresströmungen

Leider ist das nicht alles: Auch das Leben in den Meeren leidet unter unserer Existenz. Der technische Aspekt der Globalisierung hat den Fischfang weltweit derart verändert, dass immer größere Mengen verkauft werden können, die aufgrund der steigenden Bevölkerungszahlen und anhaltenden Beliebtheit von Meeresprodukten auch abgesetzt werden. 3D-Sonargeräte, digitale Karten und Satellitennavigation unterstützen Fischer dabei, artenreiche Gebiete aufzuspüren – und diese leider so stark zu frequentieren, dass viele Arten mittlerweile kurz vorm Aussterben stehen. Damit schaden wir auch uns selber, wird es doch viele beliebte Fischarten schon bald nicht mehr an der Supermarkttheke geben. Zwischen 1950 und 2000 hat sich die jährlich gefangene Fischmenge mehr als versechsfacht, die Hälfte der europäischen Fanggebiete ist bereits jetzt überfischt – es wird also mehr Fisch gefangen, als nachwachsen kann. Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten.

Bekannt ist auch das Problem der Plastikmüllentsorgung, das in einem gesonderten Artikel noch genauer behandelt wird. Einen Großteil des in die Umwelt entsorgten Plastikmülls – und dabei handelt es sich um mehr als 30 Prozent der Gesamtmenge – landet früher oder später in den Ozeanen. Und das ist ein großes Problem, landen die schädlichen Plastikpartikel doch irgendwann auch in den Nahrungsketten unter Wasser. Wie mit dieser Entwicklung umgegangen wird, ist aktuell eines der spannendsten Themen, die es zu beobachten gilt. Das liegt in erster Linie an einem jungen Holländer: 2018 soll das medial stark beleuchtete „Ocean Cleanup“-Projekt starten. Der 23-jährige Boyan Slat hat durch Crowdfunding im Internet Millionen an Euro gesammelt, um ein futuristisches Gerät mit rund 600 Meter langen Greifarmen zu bauen. Dieses soll noch dieses Jahr damit beginnen, die Ozeane weltweit zu „säubern“, wie es Slat ausdrückt. Der junge Hofnungsträger und viele seine Anhänger sehen die Technik dazu in der Lage, im Laufe der Zeit in allen Weltmeeren erfolgreich eingesetzt werden zu können – Kritiker bezweifeln das. Außer Frage steht, dass das Projekt des Holländers Vorbildcharakter besitzt und hoffentlich möglichst großen Erfolg erzielen wird. Tut es das nicht, sind alternative Methoden gefragt. Und das ist nicht alles: Auch die andere Seite des Problems muss angegangen und der Plastikkonsum massiv eingeschränkt werden. Geht es so weiter wie in den letzten Jahren, ist bald keine Technik dieser Welt mehr in der Lage, etwas auszurichten.

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Auch auf thailändischen Inseln lassen sich immer wieder Berge an Plastikmüll entdecken

Die Liste dieser menschengemachten Probleme lässt sich noch lange fortsetzen. Durch die höheren Treibhausgasemissionen steigt auch die CO²-Konzentration im Meer -was  Auswirkungen auf den pH-Wert hat und  die Ozeane immer saurer werden lässt. Ändern sich die Bedingungen zu stark, wird sich das beispielsweise auf die Existenz des Planktons auswirken – was ganze Nahrungsketten zusammenstürzen lassen könnte. Weiterhin dürfte jedem klar sein, welch langwierige Folgen Katastrophen wie die Unfälle von Fukushima oder auf der Deepwater Horizon für die Weltmeere haben. Meiner Meinung nach sind das zwei hervorragende Beispiel für heutige Projekte, die ohne Weitsicht und Blick auf das große Ganze geplant werden – Projekte, die sich im Zuge der von Profitinteressen geprägten Globalisierung leider zu häufen scheinen.

All diese Probleme haben eins gemeinsam: Wir, die Menschen, sind der Verursacher. Bei unseren heutigen Beispielen ist es der Plastikverbrauch, der CO²-Ausstoß und der Fischkonsum, die am Anfang des Problems stehen. Die Erfahrungen, die ich während meines Tauchkurses machen konnte, können beim Einleiten von Veränderungen möglicherweise helfen: Hat man sich die Welt unter Wasser einmal im Detail angeschaut, fragen sich wohl die meisten, warum dieses einzigartige und wichtige Puzzleteil unserer Erde so systematisch zerstört wird. Auch den Holländer Boyan Slat inspirierte das Tauchen zu seinem Projekt: „Ich sehe ja mehr Plastik als Fische!“, sagte er während eines Urlaubs in Griechenland erschüttert. So ging es auch mir an einigen der Stellen, die ich bisher in Asien und Neuseeland zum Tauchen oder Schnorcheln aufgesucht habe. An Land sind die Auswirkungen unseres Handelns leider nicht so direkt ersichtlich, und dem Großteil der Menschen scheint es nichts auszumachen, wenn sich im Verborgenen existenzgefährdende Entwicklungen anbahnen. Spätestens bei unseren Kindern wird das ganz anders aussehen – ihnen wird es etwas ausmachen.

 

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