Die Tempel von Angkor – Wandel der Architektur (1/2)

Rund zweihundert Kilometer hinter der thailändischen Grenze liegt, von Bangkok aus per 90-Minuten-Flug oder halbtägiger Busfahrt zu erreichen, die mit Abstand bedeutendste Sehenswürdigkeit Kambodschas: Die Überreste des historischen Khmer-Herrschaftszentrums Angkor, das sich einst über mehr als 1000 Quadratkilometer zog. Der Haupttempel Angkor Wat, aber auch viele seiner nur unwesentlich kleineren Pendants, zählen zu den beeindruckendsten Bauwerken, die je auf unserem Planten entstanden sind. Grund genug, uns die Rolle und Entwicklung von menschlichen Bauten einmal näher anzusehen – schließlich handelt es sich um ein hervorragendes Beispiel, mit dem wir eine wichtige Eigenschaft der Globalisierung passend darstellen können.

Die Geschichte Angkor hängt wenig überraschend eng mit der des Khmer-Reiches zusammen. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts rief Jayavarman II. auf dem Berg Phnom Kulen – auf den sich in diesen Monaten mehr denn je der archäologische Fokus richtet – das Khmer-Reich aus und gründete die erste Hauptstadt. Aus religiösem Gründen folgte auf einen Machtwechsel  meist eine neue Hauptstadt inklusive neuem Haupttempel. So wuchs das Areal Angkors immer weiter an. Parallel dazu weiteten die Khmer auch ihre Macht aus und beherrschten zu ihrer Blütezeit weite Teile Südostasiens, inklusive der heutigen Länder Thailand, Myanmar und Vietnam. In Angkor sollen zu dieser Zeit Schätzungen zufolge über eine Million Menschen in den heutigen Ruinen gelebt haben. 1150 bestieg Suryavarman II. den Thron und ließ mit Angkor Wat den größten aller Tempel bauen – bis heute wurde sein Ausmaß (die Grundfläche beträgt 1300 mal 1500 Meter) nicht übertroffen. 20.000 Menschen umfasste Suryavarmans Hofstaat, der zu seiner Zeit in Angkor Wat lebte. Ende des 12. Jahrhunderts begann der Einfluss der Khmer schließlich aus verschiedenen Gründen langsam zu sinken – die Thai hatten im Westen das Königreich Sukhotai (dessen Hauptstadt in Thailand ebenfalls eine Reise wert ist) gegründet und gewannen rasch an Einfluss. Zudem kursieren Gerüchte über religiöse Spannungen in Angkor: Fakt ist, dass unter anderem der von Suryavarman Haupttempel in früereen Jahren hinduistisches Heiligtum war, später jedoch als buddhistisches Kloster genutzt wurde.

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Angkor Wat, der größte Tempelbau der Welt

Im 15. Jahrhundert folgte dann die rätselhafteste Episode in der Geschichte Angkors: Aus noch ungeklärten Gründen verließen die Khmer ruckartig ihr Zentrum, anschließend verlieren sich ihre Spuren. Die am weitesten verbreitete Vermutung ist das Auftreten einer klimatischen Katastrophe mit dem Versagen des Wassersystems Angkors als Folge. In den folgenden Jahrhunderten verfiel das ehemalige Machtzentrum mit seinen gewaltigen Tempeln zusehends – heute sind nur noch Überreste erhalten und zu besichtigen. Der Franzose Henri Mohuot gilt als der Mann, der Angkor im Jahr 1860 wiederentdeckte – was allerdings nicht ganz der Wahrheit entspricht. Die Tempel waren nur von der weltweiten Bildfläche verschwunden gewesen: Bauern und Fischer aus der Umgebung hatten Angkor wohl durchgehend als Gebetsstätte genutzt. Was Archäologen seit Mouhots Entdeckung Schritt für Schritt zurück ins Bewusstsein holten, ist schlicht und einfach beeindruckend: Rund 1200 Tempel wurden, größtenteils komplett von Pflanzen überwuchert, entdeckt, zudem weitere Überreste der ausgeklügelten und außerordentlich fortschrittlichen Stadt, auf deren Bau wir später noch genauer eingehen. Die Khmer hatten beispielsweise ein gigantisches Kanalsystem errichtet und verwendeten Bautechniken, die den heutigen möglicherweise weit voraus waren.

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Von vielen der Tempeln sind nur noch Überreste vorzufinden
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Zudem drang der Regenwald im Laufe der Zeit immer weiter ins Innere der Tempel vor

Befeuert wird der Hype um das ehemalige Zentrum des Khmer-Reiches  – Jahr für Jahr pilgern Millionen Touristen nach Kambodscha, um die Ruinen zu besichtigen – dadurch, dass viele Details Angkors noch immer ein Rätsel sind. Da ist besonders Mahendraparvata zu nennen, die unseren Wissens nach erste Hauptstadt des Königreiches. Ob sie tatsächlich existiert hat, ist noch nicht endgültig geklärt. In den 1960er-Jahren entdeckten Forscher Ruinen, die der historischen Stadt zugeordnet wurden, wirklich Fahrt nahm das Thema aber erst in den letzten Jahren auf: 2012 nutzte eine Gruppe Archäologen erstmals auf asiatischem Boden die moderne Lidar-Technik – eine Lasertechnologie, die durch Bestrahlung einer Landschaft ein bis ins kleineste Detail exaktes Relief erstellt. In Südamerika half Lidar bereits, Strukturen mehrerer historischer Maya-Stätten zu rekonstruieren; das Ergebnis in Kambodscha war nicht minder beeindruckend: Als die Fläche rund um den Berg Phnom Kulen bestrahlt wurde, wo König Jayavarman II. einst das Khmerreich gegründet hatten, stießen die Archäologen auf Spuren einer gigantischen Stadt, deren Struktur und Größe eindeutig die Handschrift der Khmer trägt. Die Ausmaße der Entdeckung sind gigantisch: Die vorgefundene Stadt ist Forschern zufolge größer als das heutige New York City. Zu den beeindrucktesten Entdeckungen, die mit der Lidar-Technik gemacht werden konnten, zählen mehrere gewaltige Staudämme (der größte davon mit einer Länge von über einem Kilometer sowie einer Höhe von 12 Metern) und gewaltige Steinbrüche, die sich rund um den Phnom Kulen gezogen haben müssen. Die Archäologen vermuten, hier die Quelle des Baumaterials für die Tempel Angkors gefunden zu haben.

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Woher kam all das Material für diese Meisterwerke?

Was hat nun all das mit GLOBALIZED zu tun? Kommen wir zurück zum Thema des Blogeintrags. Die Khmer zeichneten sich insbesondere durch eine einzigartige und überaus beeindruckende Architektur aus – die wahrscheinlich für Viele der Hauptgrund eines Besuchs in Angkor Wat ist. Der Detailreichtum der ehemaligen Hauptstädte ist nicht in Worte zu fassen und hat seinen Ursprung in harter Arbeit: Über eine halbe Million Menschen sollen die Tempel von Angkor gemeinsam errichtet haben. Die Baupläne folgten strengen geometrischen Mustern und religiösen Vorgaben; das Ergebnis gilt als Musterbeispiel der zeitgenössigen Architektur.

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Die vier Seiten bilden eine perfekte Symmetrie

Ich habe für die Besichtigung der Tempel leider nur einen Tag Zeit und buche einen Tuk-Tuk-Fahrer, der mich schon um halb fünf am Hotel abholt. Das ist in Siem Reap, der globalisierten Speerspitze Kambodschas, die als Ausgangspunkt aller Tempelbesichtigungen dient, Gang und Gebe: Fast alle Touristen wollen den Sonnenaufgang über dem Haupttempel Angkor Wat sehen, den ich jetzt nicht allzu spektakulär fand … (obwohl wir laut meinem Guide einen guten Tag erwischt hatten). Der Tempel spiegelt sich dabei in einem gewaltigen Wasserbecken, das sich entlang der Front Angkor Wats zieht. Diese Gewässer sind im ehemaligen Reich der Khmer häufig anzutreffen und verweisen auf den Urozean als Fixpunkt der Entstehung des Lebens – hier zeigt sich, dass zu dieser Zeit also auch das Wissen schon durchaus fortgeschritten war, lange vor dem Miller-Urey-Experiment und modernen Technologien. Nach dem Sonnenaufgang und der Besichtigung des Tempels folgen wir per Tuk-Tuk dem „Grand Circle“; einer Rundtour, bei der an einem Tag die wichtigsten Ruinen in Augenschein genommen werden können.

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Der Sonnenübergang über Angkor Wat – frühes Aufstehen ist Pflicht
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Um fünf Uhr morgens haben die Touristenmassen Angkor bereits fest im Griff

All das, was die Architektur der Khmer auszeichnete, wird dabei in jedem einzelnen Tempel deutlich. Symmetrie, Detailreichtum, religiöse Bezüge und wiederkehrende Elemente sind für Geschichtsinteressierte ein wahrer Traum. Herausstellen will ich bei all dem eines: Angkor Wat ist genauso ein architektonisch anspruchsvolles Gebäude wie das Hotel Marina Bay Sands in Singapur, die Harpa in Reykjavik oder viele der Niederlassungen globaler Unternehmen. Entscheidend ist aber ein großer Unterscheid, den wir später auf die Globalisierung beziehen werden: Angkor Wat war und ist ein Ort, der für alle da ist. Die Khmer bauten die Tempel und nötigen Systeme einer Großstadt für eine gemeinsame Nutzung. Gläubige aus aller Welt nutzen die Tempel zum Gebet. Der Bau Angkor Wats diente einem gemeinsamen, einem größeren Zweck.

sdr
In jedem noch so kleinen Teil stecken so viele Details
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Klarer Tipp: Für die Besichtigung Angkors sollte man sich mehr als einen Tag Zeit nehmen

Das ist bei heutigen Prachtbauten häufig anders. Ähnlich wie bei der modernen Kunst geht es oftmals eher um die Idee; die Umsetzung einer Handschrift, den Bau eines eigenen Denkmals. Heute repräsentieren viele Gebäude einen reichen Unternehmer, einen Architekten oder eine Firma. Zudem fehlt häufig das Gleichgewicht – der Bau Angkor Wats wurde noch durch in der Landwirtschaft erzielte Überschüsse finanziert. Diese durchdachte Weiterentwicklung, das solide Fundament, fehlt heutzutage.

sdr
Neunhundert Jahre später

Mich hat der Besuch von Kambodschas größtem Schatz sehr beeindruckt – insbesondere der Gegensatz zur architektonisch ebenfalls ansprechenden Planstadt Putrajaya, die ich einige Wochen später in Malaysia besuchen sollte. Im entsprechenden Bericht, der Fortsetzung dieses Themas, werden wir den architektonischen Quantensprung näher unter die Lupe nehmen – der in mancher Hinsicht allerdings alles andere als fortschrittlich verlaufen ist.

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