Mae Sai / Donxao Island – Wildtierhandel

Schwarzmärkte haben im Zuge der Globalisierung einen beispiellosen Aufstieg erfahren. Containerschiffe, Bahnstrecken und Flugzeuge ermöglichen den Aufbau eines weltweiten Handelsnetzes, soziale Ungleichheiten wirken bei der Suche nach Händlern als Antrieb und undurchsichtige Darknet-Seiten sind in der Lage, Angebot und Nachfrage an einen virtuellen Tisch zu bringen. Nicht zuletzt wegen der häufigen Thematisierung in Büchern, Filmen und TV-Serien sehen sich die meisten Menschen immer wieder mit Spuren des Drogen- und Waffenhandels konfrontiert – und diese beiden Märkte sind es auch, die Schätzungen zufolge Jahr für Jahr den höchsten Umsatz erzielen. Überraschen dürfte viele, welches illegale Wirtschaftssystem den dritten Platz belegt: Es ist der weltweite Handel mit Wildtieren, der jährlich zwischen 7 und 23 Milliarden US-Dollar umsetzen soll.

Die Psyche des Menschen spielt dabei wieder einmal die wichtigste Rolle. Der Drang nach Besitz „besonderer Dinge“, mit dem sich wahrscheinlich jeder hin und wieder konfrontiert sieht (seien es Snapchat-Flammen, möglichst neue Handys und Facebook-Likes bei Jugendlichen oder alte Sammelstücke und Designgegenstände bei Erwachsenen), hat die Preise für hochwertige Tierprodukte in schwindelerregende Höhen befördert – insbesondere, wenn es sich um bedrohte Arten handelt. Zwanzigtausend US-Dollar lassen sich beispielsweise mit einem gefangenen Tiger verdienen, wenn alle Körperteile (insbesondere Fell, Knochen, Penis und Fleisch) an den Mann gebracht werden. Die Kunden schätzen Wildtierprodukte als Delikatessen, Trophäen und Grundzutat angeblicher „Wunderheilmittel“; die Nachfrage ist folglich hoch.

Meine Reise führt mich nach etwa zwei Wochen in eines der Zentren dieses Schwarzmarktes – der (für mich) überraschenderweise ganz und gar nicht hinter verschlossener Türe stattfindet, wie wir im Laufe des Eintrags noch erfahren werden. An alle hier veröffentlichten Fakten bin ich ohne jegliche Probleme herangekommen, die Bilder stammen allesamt von mir. Bei dem oben genannten Zentrum ist die Rede vom berüchtigten „Goldenen Dreieck“ – die Grenzregion zwischen Thailand, Laos und Myanmar, die auf thailändischer Seite insbesondere für den Anbau und Verkauf von Opium bekannt ist – dieses Problem konnte von der Regierung allerdings weitgehend behoben werden.

Beim Handel illegaler Tierprodukte sieht das ganz anders aus, insbesondere Myanmar gilt als Knotenpunkt des weltweiten Schwarzmarktes. Am einfachsten in Kontakt kommt man damit auf den sogenannten Grenzmärkten, die in Südostasien an nahezu jeder Landesgrenze zu finden sind: Riesige Markthallen und lange Einkaufsstraßen bieten auf beiden Seite der Grenze insbesondere jene Waren und Dienstleistungen an, die auf der anderen Seite verboten oder nur sehr teuer erhältlich sind. Ein Beispiel: Verlässt man Thailand in beliebiger Richtung, warten direkt hinter der Grenze in der Regel zahlreiche Spielcasinos – bekanntermaßen lieben viele Asiaten das Glücksspiel, das in Thailand allerdings strengstens verboten ist. Ich habe das Land sowohl nach Kambodscha als auch in Richtung Laos verlassen und auf den ersten zwei Kilometern im neuen Land jeweils mindestens zwei Casinos entdecken können. „Die meisten Gäste sind Thais“, erläuterte mein Guide.

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Das Aussehen einer typischen Grenzstadt. Hier: Eine Markthalle in Mae Sai

Der Handel mit Wildtierprodukten funktioniert ähnlich: In Myanmar ist die Regierung bislang überfordert, die Jagd und Verarbeitung im eigenen Land angemessen zu reglementieren. An den Grenzstädten im eigenen Land – in vorderster Front sind Tachilek an der thailändischen und Mong La an der chinesischen Grenze zu nennen – sind entsprechende Produkte folglich in hoher Zahl erhältlich. Da sich der Grenzübergang äußerst simpel gestaltet – mein Gepäck wurde außer in Singapur bei keiner Einreise im südostasiatischen Raum kontrolliert – kann die Ware ganz einfach ins gewünschte Land eingeführt werden. Die Lage der großen Wildtiermärkte ist also kein Zufall: China und Thailand gelten als zwei der wichtigsten Absatzmärkte. In Mong La kaufen vor allem Chinesen, in Tachilek vor allem Thailänder ein.

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Nach Donxao Island (Laos), das eine Grenzstadt mit großem Markt beherbergt, kann man – gegen eine Zahlung von etwa 5 Euro- ohne Visum einreisen

Meine Tour durch das landschaftlich nicht allzu schöne Goldene Dreieck führt mich unter anderem nach Donxao Island , einer zu Laos gehörenden Insel, sowie nach Mae Sai, das auf der anderen Seite Tachileks an der Grenze zu Myanmar liegt. Die Grenze ist fließend, beide Seiten zeichnen sich durch ihre großen Märkte aus und haben sich auf den Besucheransturm – das Goldene Dreieck zählt zu den beliebtesten Zielen der Region – bestens eingestellt. In beiden Orten stoße ich, wie ich es mir im Sinne von GLOBALIZED erhofft hatte, auf mehrere Spuren des Wildtierhandels. Am weitesten verbreitet ist dabei der sogenannte Schlangenwein, dem eine gegen nahezu alle Krankheiten heilende Wirkung zugesprochen wird. Zwei Arten der Spirituose sind bekannt: Entweder treibt der vollständige Körper eine Schlange – bevorzugt einem giftigen Exemplar  – in der Flasche, oder es werden große Mengen an Schlangenblut unter den Wein gemischt. Vor allem auf Donxao Island ist das Angebot riesig, viele Marktstände haben sich sogar auf Schlangenweine spezialisiert.

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Ein Verkaufsstand mit Schlangenweinen und weiteren Tierspirituosen
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Mehrere Tiere – größere Heilwirkung?
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Viele Touristen sind von den riesigen Schlangen begeistert

Weiterhin finden sich Tierfelle, Elfenbeinprodukte jeder Form und Größe sowie lebende Tiere: In winzigen Käfigen warten verschiedenste Arten auf einen Käufer. Oft haben die Tiere nicht einmal die Möglichkeit, sich um die eigene Achse zu drehen. In kleinen Aquarien treiben Schildkröten und Fische. Als ich eine Verkäuferin zur Sicherheit frage, ob bestimmte Produkte tatsächlich allesamt aus Elfenbein sind, nickt sie begeistert und fragt „Souvenir?“. Und all das ist nur die Spitze des Eisbergs: In Tachilek, der Grenzstadt in Myanmar, soll das Angebot noch deutlich größer sein – hier verkaufen auch viele thailändische Anbieter ihre Ware, sind die Kontrollen im eigenen Land doch deutlich ausgeprägter. Und zweihundert Kilometer nördlich liegt mit Mong La, auch als „Stadt der Wünsche“ bekannt, kurz vor der Grenze zu China das wohl größte Negativbeispiel. Die Stadt, in der das Angebot an Glücksspiel, Drogen, Prostituierten und wohl auch Waffen unerschöpflich ist, gelangte 2016 vermehrt ins Blickfeld der Öffentlichkeit: Der bekannte Schweizer Wildtierfotograf Karl Ammann hatte eine Fotoreportage veröffentlicht, die den Zuständen in Mong La auf den Grund geht. Ammann hatte sich auf den Wildtierhandel spezialisiert und konnte dokumentieren, wie vor allem bedrohte Tierarten schwinderregende Preise erzielen. Ein Drittel aller Tigerprodukte soll beispielsweise seinen Weg durch Myanmar nehmen. Ethik und Gesetze spielen bei all dem keine Rolle – wie so oft steht einzig und allein der Profit im Vordergrund.

sdr
Der größte Käfig, den ich gefunden habe…
sdr
Glücklich sehen die Tiere – wenig überraschend -nicht aus

Dass ein kritischer Bereich längt erreicht worden ist, liegt auf der Hand. Klar, Leben war schon immer von Kommen und Gehen gekennzeichnet, das massive Artensterben seit dem 17. Jahrhundert basiert aber auf einer ganz neuen Komponente: Dem Menschen. Immer mehr Arten sind massiv vorm Aussterben bedroht, darunter auch die Tiger, die rund um Myanmar in Einzelteilen auf den Marktständen liegen, viele der Schlangen in den zweifelhaften Heiltränken sowie zahlreiche Tiere, deren Felle, Hörner und Flossen die Wohnungen wohlhabender Menschen bereichern. Die Zahl der Tiger in freier Wildbahn ist beispielsweise innerhalb von 100 Jahren von 100.000 auf unter 4.000 Exemplare gesunken. Eines der dreizehn Ländern, in denen sie unseres Wissens nach noch leben, ist Myanmar.

Ein wenig Hoffnung auf Besserung besteht dann aber doch: Auf mehreren Ebenen kommt in diesen Jahren Bewegungen in eine mögliche Problemlösung. 2016 kündigte die Regierung Myanmars an, die Wildtiermärkte in Mong La dauerhaft schließen zu wollen. Ein wichtiges Vorhaben, das allerdings nicht einfach wird: Der Handel beschränkt sich auch in Mae Sai und auf Donxao Island nicht auf einen großen Markt (wie es zum Beispiel bei deutschen Wochenmärkten der Fall ist), sondern findet in verschiedensten Hallen und Läden in der ganzen Stadt statt, wie ich selbst erleben konnte. Der WWF setzt sich währenddessen dafür ein, dass bis 2020 alle Märkte im Goldenen Dreieck geschlossen werden und strenge internationale Regelungen (diese bestehen auch jetzt schon; dass allerdings auch Myanmar Mitglied der CITES ist, sagt einiges aus …) den grausamen Handel weltweit unterbinden. Noch wichtiger dürfte allerdings wie so oft etwas anderes sein: Aufklärung.

Auch in diesem Fall bereichern wir uns auf Kosten anderer. Tierarten sterben aus, damit sich Menschen ein Fell an die Wand hängen, eine Walflosse ins Schlafzimmer hängen oder ein tausend Dollar teuren Tigerwein trinken können. Dass Europa und die USA neben China die größten Absatzmärkte dieses Wildtierhandels sind, dürfte den einen oder anderen erstaunen. Es zeigt aber auch: Es ist dringend Aufklärung nötig, was durch einen simplen Kauf auf anderen Erdteilen ausgelöst werden kann. Auch in vielen deutschen Häusern hängen die oben genannten Gegenstände, seltene Arten werden zudem als Haustier gehalten. Hier muss jede Anschaffung genauestens überprüft werden.

War man selbst in Mong La, Tachilek oder auch Mae Sai, fällt es natürlich leichter, all das zu realisieren. Moralisch nachzuvollziehen, dass der Erhalt von Arten und das Leben von Millionen Tieren über mancher Anschaffung (und das gilt auch für den Fleischkonsum- viele deutsche Spitzenrestaurants haben bedrohte Tierarten auf der Speisekarte) steht, muss aber auch mit dem Lesen eines solchen Blogeintrags möglich sein. Eins steht fest: Sehr wahrscheinlich wird sich der Wildtierhandel bald verkleinern. Entweder, weil viele hoch im Kurs stehende Tiere ausgestorben sind – oder aber, weil die Nachfrage kleiner wird.

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