Bangkok – Gegensätze

Stellen wir uns ein virtuelles Brettspiel vor: Zwei Spieler treten gegeneinander an und haben wie bei typischen Kinderspielen das Ziel, ihre Figur möglichst schnell durch einen Parcours zu bringen. Zur Verfügung steht den Kontrahenten – nennen wir sie Spieler A und B – jeweils ein Würfel, die sich, um unser Modell wirksam werden zu lassen, unterscheiden: Auf dem Würfel von Spieler A stehen wie üblich die Zahlen von 1 bis 6, bei Spieler B wurde hingegen eine kleine Veränderung vorgenommen: Eine Seite zeigt statt der 1 eine 6 – die Chancen stehen für diesen Kontrahenten also deutlich besser. Unser Parcours ist mit mehreren tausend Feldern ungleich lang, weshalb ein Computer das Spiel simulieren wird. Die Spieler würfeln abwechselnd, und wer zuerst am Ziel angekommt, gewinnt – die Grundregeln sind simpel. An verschiedenen Stellen des Parcours werden nun aber Sonderfelder passiert, die einem der Spieler einen großen Vorteil verpassen: Wer den entsprechenden Punkt als erstes erreicht, kann eine Seite seines Würfels beliebig transformieren; also seine kleinste Zahl durch eine 6 ersetzen.

Wie das Spiel verlaufen wird, ist leicht vorhersehbar: Aufgrund der Länge des Parcours wird Spieler B das erste Sonderfeld als Erstes erreichen und seinen sowieso schon wertvolleren Würfel weiter aufwerten können. Folglich stehen seine Chancen noch höher, und auch das zweite Sonderfeld wird er seinem Gegner erreichen. Dieses Muster wird sich bis zum Sieg von Spieler B fortsetzen: Der Unterschied zwischen den beiden Kontrahenten wird immer größer werden; Spieler A immer weiter zurückfallen. Ohne das Einwirken von Außen, dem Verändern der Spielregeln, wird der Computer bei mehreren Durchgängen zu nahezu 100 % zum selben Ergebnis kommen – dem Sieg des Spielers, der mit dem wertvolleren Würfel in den Wettkampf gestartet war.

Was wir mit diesem Modell darstellen wollen, wird im weiteren Verlauf des Beitrags deutlich werden. Am Morgen des 14. Novembers erreiche ich Thailands Hauptstadt Bangkok, die gleichzeitig wichtigster Verkehrsknotenpunkt Südostasiens und pulsierende Großstadt ist. Schätzungsweise 15 Millionen Einwohner, Tendenz stark steigend, zählt der Großraum Bangkok im Jahr 2017; genauere Zahlen liegen aufgrund der nicht vorhandenen Meldepflicht nicht vor. Zusätzlich zählt die Mega-City Jahr für Jahr zu den weltweit beliebtesten Touristenzielen: Mit hoher Frequenz ist Bangkok unter den Top 3 der meistbesuchten Großstädte zu finden. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich, verfügt die Stadt doch über vergleichsweise wenige herausragende Sehenswürdigkeiten. Bei genauerem Blick kann Bangkok jedoch mit einer Atmosphäre punkten, die sonst in keiner anderen Stadt unseres Planeten zu finden ist: Riesige Nachtmärkte mit den berühmten Streetfood-Ständen, ein pulsierendes Nachtleben, zu jeder Tageszeit verstopfte Straßen sowie eine zeitweise unerträgliche Hitze. Rund um Bangkok wird im Durchschnitt die weltweit höchste Temperatur in einer Stadt gemessen: Etwa 28 Grad Celsius. Auch die Luftqualität lässt zu wünschen übrig; im Jahr 2013 landete Thailands Hauptstadt auf Platz 13 einer Negativliste der asiatischen Großstädte, gemessen an der Konzentration von PAKs (krebserregende aromatische Kohlenwasserstoffe). Für nicht wenige Reisende ist das zu viel des Guten, gerade direkt nach der Ankunft macht einem das Chaos – anders kann ich es nicht ausdrücken – ganz schön zu schaffen. Häufig fällt der passende Satz, man könne Bangkok entweder lieben oder hassen.

sdr

Der Verkehr in Bangkok ist gleichzeitig faszinierend und frustrierend 

Dass Thailands Hauptstadt derart schnell wächst, hat in erster Linie eine einzige Ursache, mit der wir uns in diesem Beitrag näher beschäftigen wollen: Die soziale Ungleichheit in Thailand ist beängstigend hoch. Im angesehenen Oxfam Report landete das Land 2016 im weltweiten Vergleich auf Platz 3 der Staaten mit den ungleichesten Einkommensverteilung. Im Detail heißt das: Die Zahl der Superreichen wächst immer schneller an (mittlerweile gibt es in Thailand 28 Milliardäre), während ein erschreckend hoher Anteil der Bevölkerung (derzeit etwa ein Fünftel) unter dem sogenannten Existenzminimum lebt und somit weniger als 200 Baht (etwa 5 Euro) am Tag verdient. Mit der Hoffnung auf bessere Einkünfte pilgern die Thailänder folglich in Scharen in die Großstadt, wo das hohe Touristenaufkommen höhere Einnahmen verspricht. In der Tat gelingt es den Thailändern in Bangkok noch am besten, sich über Wasser zu halten – die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich ist aber auch in Thailands Hauptstadt bestens sichtbar. Und so ist ein Besuch in Bangkok vor allem der Wandel zwischen zwei Extremen.
Auch ich habe in den ersten Tagen so meine Schwierigkeiten mit der Stadt, was in erster Linie einen einzigen Grund hat: Viele Thailänder kommen mit der Hoffnung nach Bangkok, ihren Lebensunterhalt durch Ausgaben der Touristen finanzieren zu können. Für den Europäer oder Amerikaner heißt das, alle paar Meter von Einheimischen angesprochen zu werden – und nahezu immer steckt die Absicht dahinter, Geld zu verdienen. Mal sind es Tuk-Tuk- oder Taxifahrer, die es aufgrund des günstigen und modernen Skytrains immer schwerer haben, mal Verkäufer, deren Ware selten das hält, was die aufgedruckte Marke auf den ersten Blick verspricht, oder aber Vermittler, die den Touristen überteuerte Touren anpreisen. Am Abend wird Bangkok dann seinem Ruf („Eine Stadt, in der alles geht“) gerecht, das meiste Geld fließt in den zahlreichen Rotlichtvierteln und riesigen Nachtmärkten. Prostituierte, Kleinkriminelle oder Touristenschlepper gehen ihrem Beruf selten freiwillig nach – es ist für sie ein vergleichsweise sicherer Weg, an Geld zu kommen.
Für viele Touristen ist das unangenehm, klar. Fairerweise muss aber zu jeder Zeit die Situation der Einheimischen im Hinterkopf behalten werden: Sie haben oft ganz einfach keine andere Möglichkeit, an genügend Geld zu wohnen. In den Slums und Hochhaussiedlungen der Stadt leben unzählige Großfamilien, die auf jeden Tageslohn der Arbeiter angewiesen sind. Der Tuk-Tuk-Fahrer ist gezwungen, Tag für Tag eine gewisse Anzahl an Fahrgästen zu erreichen; der Verkäufer wiederum, eine bestimmte Menge an Waren an den Mann zu bringen. Beziehen wir das anfangs beschriebene Brettspiel in unsere Überlegungen mit ein, handelt es sich beim Großteil der Thailänder um Spieler vom Typ A: Sie haben den schlechteren Würfel zur Verfügung, die schlechteren Voraussetzungen. Und wie der Oxfam Bericht zeigt, wird ihre Situation immer schlimmer – Spieler B ist längst enteilt.
Die Spaltung von Gesellschaften, die mit unserem virtuellen Spiel dargestellt wird, ist ein weltweites Phänomen. Wie stark sich verschiedene Schichten im Detail unterscheiden, hängt von Land und Region ab – ein großer Zusammenhang lässt sich jedoch feststellen: Im Gleichschritt mit der Globalisierung werden die Unterschiede immer größer. Auch in Deutschland sehen wir uns mit dieser Entwicklung konfrontiert, Experten sind sich jedoch uneins, ob die dargestellte Spaltung nicht als wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Marktwirtschaft dient. In zahlreichen Entwicklungsländern ist das definitiv nicht der Fall; hier ragt die Schere längst viel zu weit auseinander. Folglich fällt auch die globale Bilanz erschreckend aus: Der Oxfam Bericht gab 2016 an, dass die reichsten 62 Personen auf unserem Planeten mit 1,76 Billionen Euro in etwa genauso viel Vermögen angehäuft haben wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also rund 3,5 Milliarden Menschen. Laut einer UNDP-Studie befinden sich 80 Prozent des weltweiten Vermögens im Besitz eines Viertels der Menschheit. Dass wir es hier mit wirklich extremen Zahlen zu tun haben, dürfte jeder erkennen.
Die Ursachen für das Dilemma sind vielfältig: Die Globalisierung erlaubt es großen Konzernen, weltweit zu agieren, was die Überlebenschancen von lokalen Anbietern senkt. Niedrige Lohn- und Produktionskosten in gewissen Gegenden werden gnadenlos ausgenutzt. Die Ansprüche an Beschäftigte werden gleichzeitig immer höher, was aufgrund des in vielen Ländern mangelhaften Bildungssystems äußerst problematisch ist. Auch die Technisierung der Welt spielt ihre Rolle, fallen durch den Einsatz von Maschinen doch insbesondere anspruchslose Arbeitsplätze weg. Und zuletzt macht es die Bevölkerungsexplosion nicht leichter, allen Menschen einen Job zu bieten – in Entwicklungsländern, wo die Einwohnerzahlen besonders stark ansteigen, fehlt es meist an der Infrastruktur, um auf die Bevölkerungsexplosion zu reagieren.
Der einzige Ausweg ist in vielen Fällen das, was in Bangkok so eindrucksvoll sichtbar wird. Tag für Tag versuchen Millionen Menschen, sich irgendwie über Wasser zu halten, während Touristen ihren von extrem günstigen Preisen geprägten Urlaub genießen. Besonders prekär: Nicht nur die Europäer und anderen Reisenden grenzen sich von den meisten Einheimischen ab, auch der obere Teil der thailändischen Gesellschaft! Mitten in der Großstadt, oft in unmittelbarer Nähe zu Armenvierteln, ragen futuristische Hochhäuser und gigantische Malls in die Höhe, auf den Straßen werden Tuk-Tuks von Luxuslimousinen flankiert, und am Straßenrand versteckt sich hinter einem parkähnlichen Garten hin und wieder eine millionenschwere Villa. Besonders eindrucksvoll sichtbar werden diese Gegensätze bei einer Bootsfahrt auf dem Chao Phraya River, der sich wie eine Schlange durch die Stadt windet und alle paar Sekunden von einer neuen Szenerie umgeben ist, sowie bei der Fahrt auf einen Aussichtsturm wie den Baiyoke Sky Tower, von dessen Aussichtsplattform die gigantischen Ausmaße der Stadt erst so richtig sichtbar werden.

mde

Am beeindrucktesten ist Bangkok von oben

dav

Bilder mit derart vielen Facetten kann man nur an wenigen Orten unseres Planeten schießen

dav

Mitten in der Stadt thront der 100 Gebäude umfassende Königspalast

sdr

Und im Einkaufszentrum Siam Paragon reiht sich Luxusmarke an Luxusmarke – zwei Beispiele für das obere Ende der Gesellschaft

dav

Direkt vor dem Haupteingang stehen zur selben Zeit Tuk-Tuk-Fahrer, die auf jeden Fahrgast angewiesen sind

sdr

Besonders gut sichtbar ist die tiefe Kluft Bangkoks bei einer Bootsfahrt auf dem Chao Phraya River

Der Blick auf entsprechende Statistiken zeigt, dass Bangkok kein Einzelfall ist. Überall auf der Welt vollzieht sich diese in zwei gegensätzliche Richtungen verlaufende Entwicklung, bei der vor allem ein Problem hervorsticht: Genau wie im Verlauf unseres Spiels, bei dem sich Spieler A durch die Würfeltransformationen immer weitere Vorteile verschafft, wächst auch der Vorsprung des reichen Endes der Gesellschaft immer weiter an. Wie also in Zukunft damit umgehen? Klar ist, dass es so nicht weitergehen kann. Aus der Physik wissen wir, dass Prozesse mit den gleichen Parametern ( beispielsweise Geschwindigkeit oder Beschleunigung ) weiterlaufen, wenn nicht von außen auf sie eingewirkt wird. So verhält es sich auch in unserem Fall – glücklicherweise verfügen wir jedoch über immer mehr Werkzeuge, die eine Verbesserung herbeiführen könnten.

Fixpunkt eines möglichen Zukunftskonzepts ist meiner Meinung nach die Bildung. Hier zeigt sich direkt ein empfindlicher Widerspruch, quälen sich doch in hochentwickelten Ländern Scharen an Jugendlichen durch ihre Gymnasial- oder Realschulzeit, während Kinder am anderen Ende der Welt vergebens auf ihre Chance warten, sich die Grundlagen für eine positive Zukunft aufzubauen. Möglichkeiten, diese Situation zu verbessern, sind durchaus gegeben, werden aber noch nicht ausgeschöpft. Im Vorfeld meiner Reise bin ich beispielsweise auf Freiwilligenprojekte gestoßen, bei denen Unterrichtsstunden in verschiedensten Entwicklungsländern gehalten werden können. Das ist durchaus eine potenzielle Teillösung, die aber bisher einen faden Beigeschmack hat: Die Teilnahme an einem der Projekte kostet ähnlich viel wie ein All-Inclusive-Urlaub am Mittelmeer – die westlichen Anbieter müssen eben ihren Umsatz machen. Einen weiteren Ansatz mit deutlich mehr Potential bietet die moderne Technik: Bei entsprechendem Ausbau der lokalen Infrastruktur könnte ein deutlich größerer Teil des zukünftigen Unterrichts auf Computersystemen basieren. Das wird kritisch gesehen, ginge bei einer flächendeckenden Umsetzung doch ein Großteil der menschlichen Ebene verloren. Die Vorteile stechen aber hervor:  Bildung bekäme einen freiwilligen und eigenverantwortlichen Charakter, der zu höherer Chancengleichheit führen würde; sie könnte deutlich mehr Menschen zur Verfügung gestellt werden (das Bereitstellen eines Computers oder Tablets ist oft einfacher als der Bau einer Schule inklusive der Suche nach geeignetem Personal) und auch auf höherem Niveau stattfinden. Zeitweise einseitiger, vorgegebener und realitätsferner Unterricht könnte einer dynamischen und anschaulichen Wissensvermittlung weichen. Hier gilt es einmal mehr, die Errungenschaften der Globalisierung zu nutzen.

So weit ist es leider noch nicht. Unterstützungswerte Projekte sind weltweit am Entstehen (auch in Hofheim existiert beispielsweise ein Verein, der derzeit den Bau einer Schule in Afrika forciert), mit den derzeitigen Konzepten wird man allerdings nur am Boden einer Lösung kratzen können. Viel wichtiger ist etwas Anderes: Am Ende muss sich auch in diesem Bereich die Psyche der Menschen ändern. Gruppenzusammenhalt ist auf unserer Erde ja durchaus gegeben, warum dann nicht auch im großen Maße? Ansetzen können natürlich insbesondere diejenigen, die über die nötigen Mittel verfügen. Derzeit lebt ein kleiner Teil der Weltbevölkerung auf Kosten des Rests. Hier kann und muss sich jeder hinterfragen: Brauche ich all das, was ich besitze? Wäre das Geld, das ich ausgebe, nicht anderswo besser investiert? Natürlich sind Unterschiede in Ordnung und wahrscheinlich auch nötig, die Grenzen werden aber oftmals überschritten – Beispiele wie mehrere Häuser auf verschiedenen Kontinenten, eine Garage mit dutzenden Luxuswagen oder Kleiderschränke, die für drei Personen reichen würden, wird hier jeder vor Augen haben.

Wollen wir in diesem Bereich eine bessere Zukunft gestalten, muss also einiges überdacht werden. Dazu gehören die zahlreichen Prachtbauten, die auch in Bangkok Jahr für Jahr aus dem Erdboden schießen. Geht das nicht alles zu schnell? Muss nicht erst an anderer Stelle angesetzt werden, hätte in diesem Fall nicht Spieler A eine höhere Augenzahl seines Würfels verdient? Die Globalisierung hat eine Welt geschaffen, die nach den Regeln unseres Brettspiels funktioniert – und greifen wir nicht ein, wird sich daran nichts ändern. Spieler B wird seinen Vorsprung immer weiter ausbauen. Orte wie Bangkok werden sich vermehren und vergrößern, Touristen werden noch häufiger belagert werden, der soziale Zusammenhalt wird noch kleiner werden. Aber, und das macht Hoffnung: Wir können ja eingreifen.

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