Der Weg nach Thailand – Fernverkehr und CO²

Das vielleicht dringlichste Thema, mit dem wir uns in Zukunft auseinandersetzen müssen, ist der Klimawandel. Werfen wir einen Blick auf die Welt von Morgen, ist die Suche nach Lösungsstrategien unumgänglich – denn mit vielen Folgen, die im Laufe des Projekts noch eingehend beleuchtet werden, sieht sich unsere Erde schon heute konfrontiert: Die globale Erwärmung verändert Lebensräume auf Kosten von Lebewesen, die auf bestimmte Klimabedingungen angewiesen sind, sie beeinflusst überlebenswichtige Systeme wie Meeresströmungen oder die Ozonschicht, und sorgt laut dem Großteil der Wissenschaftler auch für die Zunahme extremer Wetterereignisse.

Wichtig dabei: Das Klima wandelt sich, seit der Planet Erde existiert. Immer wieder bekommt man zu hören, die aktuellen Entwicklungen würden ein Milliarden Jahre lang stabiles System aus dem Gleichgewicht bringen – das ist falsch! Klimatisch bedeutsame Werte wie die globale Durchschnittstemperatur, die CO²-Konzentration in der Atmosphäre oder die Höhe des Meeresspiegels befinden sich im Jahr 2017 in sehr hohen Regionen – die allerdings in der Vergangenheit schon mehrfach erreicht wurden. Warum die aktuelle Situation dennoch mehr als kritisch ist, zeigt ein genauerer Blick auf die entsprechenden Statistiken: Befanden sich die genannten Werte in den derzeitigen Bereichen, war bisher jedes Mal ein Hochpunkt erreicht, auf den eine Beruhigung der Situation folgte – und genau diese ist derzeit leider überhaupt nicht in Sicht.

Abbildung 1 dieses hervorragenden Artikels zeigt die genannte Temperatur-CO²-Kurve

Über 96 Prozent der zu dem Thema veröffentlichten Studien kommen zum Schluss, der Mensch sei – aus vielerlei Gründen – an der globalen Erwärmung beteiligt. Neben der steigenden Weltbevölkerung muss hier insbesondere der moderne Lebensstil beleuchtet werden, geprägt von unbedachtem Umgang mit Ressourcen und fehlendem Blick auf das große Ganze. Insbesondere auf Reisen sieht sich der Mensch tagtäglich mit Situationen konfrontiert, die das globale Klima – wenn auch noch so minimal – beeinflussen. Das unterstreicht, was in der gegenwärtigen Situation Hoffnung macht: Noch ist es nicht zu spät, die Fehler der letzten Jahrzehnte können ausgebügelt werden. Jeder ist in der Lage, seinen Teil dazu beizutragen – und mit Blick auf die Zukunft des Lebens auch in der Pflicht dazu.

GLOBALIZED wird in den kommenden Monaten versuchen, einen umfassenden Überblick über Ursachen und mögliche Folgen des Klimawandels zu geben – die an vielen Orten meiner Reise schon bestens zu beobachten sind. Wie im Fall der Bevölkerungsexplosion nähern wir uns dem Problem, indem zunächst die Ursachen, die „neuen Variablen“, betrachtet werden. Fragt man nach Gründen für die globale Erwärmung, fällt häufig der Begriff Treibhausgasemissionen. Dass steigende Bevölkerungszahlen und der sich wandelnde Lebensstil immer höhere CO²-Ausstoßwerte zur Folge haben, ist allgemein bekannt. Wie die Anteile genau verteilt sind und welche Dimensionen dieses Problemfeld hat, dürfte allerdings viele überraschen – Grund genug, einen genaueren Blick auf das häufig als „Klimakiller“ bezeichnete CO² zu werfen.

Fixpunkt unserer Überlegungen ist in diesem Beitrag der Fernverkehr. Schon auf dem Weg von Singapur nach Georgetown, das ich am 12. November wieder verlasse, stellt sich die Frage des Transportmittels – 800 Kilometer per Flugzeug, Bus oder Bahn? Und auch in den folgenden Wochen muss ich immer wieder lange Strecken zurücklegen. Nach dem Auschecken im Chulia Heirtage Hotel in Georgetown heißt mein nächstes Ziel Bangkok – von dem mich über 1000 Kilometer Luftlinie trennen.

Mit solchen Entfernungen sehen sich Reisende oft konfrontiert, werden die Dimensionen unseres Planeten von den typischen Mittelmeer- oder Nordseeurlaubern doch oft unterschätzt. Thailand, wo ich mich in den nächsten drei Wochen aufhalten werde, dient als gutes Beispiel: Der Tourismus konzentriert sich im Wesentlichen auf drei, jeweils rund acht Busstunden voneinander entfernte Regionen – der gebirgige Norden mit Chiang Mai als Zentrum, die Hauptstadt Bangkok sowie mehr oder weniger paradiesische Inseln im Süden (im Wesentlichen die drei Inseln im Golf sowie Phuket und der Archipel der Andamensee). Die typische Frage, die sich jedem Reisenden, auch mir, also stellt, lautet: Wie von Ort zu Ort gelangen? Die Vorstellung an einen überfüllten Zug oder engen und stickigen Nachtbus bereitet vielen keine Freude, weshalb die Entscheidung oft auf einen Flug fällt – was fatale Folgen hat!

Kohlenstoffdioxid (CO²) ist zunächst einmal sehr wichtig für alles Leben auf der Erde. Eine der wichtigsten chemischen Reaktionen auf unserem Planeten ist die Fotosynthese, bei der Pflanzen CO² in Zucker umwandeln und den für uns unverzichtbaren Sauerstoff produzieren. Dieses lange Zeit stabile System ist durch den immer höheren CO²-Ausstoß allerdings in eine Schieflage geraten – die Natur kann die Mengen ganz einfach nicht mehr verarbeiten. Das überschüssige CO² verbleibt in der Atmosphäre und verursacht die für den Planeten so gefährliche Erwärmung.

Und wo hat diese Entwicklung ihren Ursprung? Auf der einen Seite im Verkehr, aber auch bei Energieerzeugung und in der Industrie werden tonnenweise CO² in die Luft geblasen. Die Bewegung von Verkehrsmitteln, insbesondere Flugzeugen, stellt aber eines der Hauptfelder dar. Und jetzt wird es spannend: Dass eine Flugreise weitaus klimaschädlicher ist als eine Fahrt mit dem Zug oder Bus, ist hinlänglich bekannt. Die Dimensionen dürfte aber viele überraschen: Ein Flug verursacht  mehr als fünfmal so viel CO² wie dieselbe Strecke per Bahn! Auch die Fahrt mit Bus oder Auto ist natürlich weitaus klimafreundlicher. Ein Beispiel, das Sie vielleicht erschrecken wird: Eine Flugreise auf die kanarischen Inseln ist genauso schädlich wie ein ganzes Jahr Autofahren, wenn von einer zurückgelegten Strecke von 14.000 Kilometern ausgegangen wird! Fliegen ist die mit Abstand klimaschädlichste Art der Fortbewegung.

Daher kommt eine Entwicklung besonders problematisch daher: Die Menschen fliegen immer mehr, weshalb uns die Tatsache, dass Flugzeuge mittlerweile vergleichsweise umweltfreundlicher als früher fliegen, leider herzlich wenig nützt. Auch hier spielt  die wachsende Weltbevölkerung eine Rolle – mehr Menschen führen zu mehr potenziellen Fluggästen. Zwischen 1970 und 2000 verfünffachte sich die Zahl der Flugbewegungen, bis heute steigt die Kurve konstant an. Eine beängstigende Entwicklung, die von einer überraschenden Statistik noch verstärkt wird: Nur ein kleiner Teil der Menschheit – Germanwatch sprach 2004 von 5 Prozent – sind in ihrem Leben derzeit überhaupt einmal geflogen (Heute dürfte der Wert natürlich höher liegen). Es wird also erstmals ein bekannter Mechanismus deutlich, der uns im Laufe von GLOBALIZED noch öfter begegnen wird: Ein kleiner Teil der Weltbevölkerung handelt auf Kosten anderer. Die Fluggäste stammen meistens aus wohlhabenden Ländern wie den USA, Europa oder Japan (eine Statistik beziffert den jährlichen CO²-Verbrauch eines Einwohners in den USA auf 20 und in Deutschland auf 10, in vielen Entwicklungsländern hingegen nicht mal eine Tonne); die Folgen werden allerdings zumeist in Ländern spürbar, die an der Entstehung des Problems am wenigsten beteiligt sind.

Was ist also zu tun? Wie so oft die das Reisen eine Sache des richtigen Maßes. Das Einstellen von Flugbewegungen ist unrealistisch, dennoch könnte und muss die Zahl der Flüge deutlich sinken. Viel zu oft setzen sich Menschen aus Bequemlichkeit ins Flugzeug! Die Verlockung der hohen Reisegeschwindigkeit und des Komforts an Bord ist groß. Aber: Jeder Flug unter 1000 Kilometer (die Zahl ist natürlich nur ein Richtwert) ist, bis auf spezielle Ausnahmen (beispielsweise medizinische Notfälle), absolut unnötig. Jeden Tag fliegen in Thailand allerdings dutzende Maschinen zwischen Chiang Mai, Bangkok und den Inseln im Süden, vollbesetzt mit westlichen Touristen. Auch zwischen Singapur und Kuala Lumpur (400 Kilometer) oder Bangkok und Siem Reap in Kambodscha (450 Kilometer) ist die Auswahl an Flügen erschreckend hoch.

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Thailands Norden (hier der Weiße Tempel in Chaing Rai) sollte auf einer Asienreise unbedingt besucht werden – und kann auch per Nachtbus bequem erreicht werden

Hier muss sich jeder Reisende hinterfragen: Ist ein Flug wirklich notwendig? Wichtig zu wissen ist, dass Kurzstreckenflüge das meiste CO² pro Kilometer verursachen – Start und Landung sind die klimaschädlichsten Abschnitte eines Flugs. Langstreckenflüge wie Frankfurt-Singapur oder Singapur-Auckland, die ich in diesen Monaten unternehme, müssen generell ausgiebig überdacht werden. Diese sind natürlich noch klimaschädlicher – und sollten deshalb durch eine lange Aufenthaltsdauer zumindest voll ausgenutzt werden, um nicht in wenigen Jahren die gleiche Strecke erneut fliegen zu müssen. Ein Wochenausflug nach Neuseeland, ein Tagesausflug in eine andere europäische Stadt (wie oft habe ich das schon gehört …) oder ein Wochendtrip in eine Metropole am anderen Ende der Welt ist für viele Menschen absolut denkbar. Aber so geht es nicht weiter. Die schnelle Bewegung rund um den Globus ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Globalisierung , keine Frage – sie muss aber wie so vieles im richtigen Maß benutzt werden.

Bei längeren Reisen kann ein Emissionsausgleich in Betracht gezogen werden. Zu den bekanntesten Anbietern gehört ATMOSFAIR

Keine Rolle spielen dürfen die verlockenden Preise von Billigflügen. Warum für 20 Euro 8 Stunden Bus fahren, wenn ich für 30 Euro in 30 Minuten am Ziel bin, denken sich viele Reisende nachvollziehbarerweise. In Asien verkehrt die berüchtigte Fluglinie AirAsia, die in Europa auf der „Schwarzen Liste“ steht, von Urlaubern aber trotzdem in hoher Zahl frequentiert wird. Grund dafür sind die Preise: Für unter 50 Euro kann man an nahezu jeden Ort in Südostasien gelangen, auf Hauptstrecken wie Bangkok-Kuala Lumpur oder Bangkok-Chiang Mai sind oftmals Tickets für nicht einmal 20 Euro zu haben. Hier muss man der Verlockung nachgeben – zumal die Alternativen keinesfalls so schlecht sind, wie es sich viele vorstellen: Das Reisen mit Bus und Bahn ist in Südostasien weitaus komfortabler als beispielsweise in Deutschland. Insbesondere in Nachtbussen genießt man ausreichend Beinfreiheit,  bekommt Snacks und Getränke serviert und hat mit etwas Glück auf der Raststätte sogar ein kostenloses Buffet oder am Sitzplatz einen eigener Fernseher zur Verfügung. Da macht das Reisen gleich viel mehr Spaß, zumal längere Fahrten auch sonst unbezahlbare Vorteile bieten: Es ist eine tolle Möglichkeit, mit Gleichgesinnten und Einheimischen ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig ein  Privileg, das heute immer seltener wird, aber extrem wichtig ist: Zeit für sich selbst; Zeit, Kreativität zu entfalten und zur Ruhe zu kommen.

AirAsia lockt mit Billigflügen ab 8 Euro – überzeugen Sie sich auf der Website selbst

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Der Bus hält an einem kostenlosen Buffet – in Deutschland undenkbar

Fernverkehr ist also auch eine Frage der Alternativen, die in Deutschland und vielen anderen Ländern zugegebenermaßen nicht allzu rosig sind. Hier liegt – neben der Psyche der Reisenden – ein wichtiger Punkt zum Ansetzen: Wird das Reisen mit Bus und Bahn komfortabler, ist es auch attraktiver. Das Schaffen von 20 cm mehr Beinfreiheit oder die Bereitstellung eines kostenlosem Snacks ist für den Anbieter keine Schwierigkeit und steigert den Komfort enorm. Die in Thailand VIP-Busse genannten Luxusgefährte werden wir hoffentlich bald weiter verbreitet sehen, hoffentlich auch in Deutschland. Flixbus & Co. sind zwar ausgesprochen günstig, in Sachen Komfort aber noch ausbaufähig.

Ändert sich im Verhalten der Menschheit nichts, wird die CO²-Konzentration in Zukunft noch weiter ansteigen – und die Folgen wären fatal. Treibhausgase (zu denen neben CO² unter anderem Methan und Lachgas zählen) sind einer der wichtigsten Motoren der Klimaerwärmung und somit ein Punkt, an dem angesetzt werden muss. Zumal das Fliegen auch in anderer Weise problematisch ist; die klimaschädlichen Kondensstreifen und Zirruswolken sind hier zu nennen. Haben Sie, lieber Leser, also in Zukunft eine Fernverkehrsstrecke vor sich, überdenken Sie die Wahl des Verkehrsmittels gut. Fliegen Sie nur, wenn es absolut notwendig ist. Und das ist es seltener, als die meisten zugeben würden. Die gewaltigen technischen Fortschritte bieten verschiedenste Möglichkeiten auf Flugreisen zu verzichten – global agierende Konzerne können ihre Meetings beispielsweise online abhalten. Und auch das Reisen über Land wird immer komfortabler, schneller und umweltfreundlicher.

Genau wie viele andere Backpacker fahre ich in einem gemütlichen Nachtbus nach Bangkok – in dem man sogar hervorragend schlafen kann. Während die Klimaanlage auf Hochtouren läuft, auf dem Bildschirmen die neusten Kinofilme laufen und immer wieder ein kühles Getränk serviert wird, bereitet nur eines Sorge: Dass rund 10.000 Kilometer weiter oben ein weiterer Schritt unternommen wird, unseren wunderbaren Planeten zu zerstören.

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