Singapur – Stadt der Zukunft?

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt im Jahr 2017 in Städten, in Deutschland liegt der Wert sogar bei über 75 Prozent – Tendenz steigend. Schätzungen beziffern den Grad der Urbanisierung im Jahr 2050 auf ganze zwei Drittel. Stellt sich die Frage, wo beim Gestalten einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Welt angesetzt werden muss, liegt die Antwort auf der Hand.

Wie muss die Stadt die Zukunft also aussehen? In Expertenkreisen besteht Einigkeit, dass tiefgreifende Veränderungen nötig sind. Infolge der dargestellten Voraussetzungen ist es nicht schwierig, einige Schlagworte zu benennen, die ein mögliches Ideal beschreiben: Die Stadt der Zukunft muss nachhaltig und ressourcenschonend sein. Sie muss effektiv sein, leben doch immer mehr Menschen auf engstem Raum. Und sie muss durchdacht sein – wurde doch durch viele Negativerlebnisse in den letzten Jahren deutlich, dass langfristige Planung und die Sicht auf das große Ganze von essentieller Bedeutung sind. Was bringt eine kurzzeitige Verbesserung der Situation eines Einzelnen, wenn dadurch gleichzeitig wichtige Bausteine des Lebens auf der Erde gefährdet werden?

Ich verbringe die ersten vier Tage meiner Reise in Singapur, dem hoch angesehenen Stadtstaat im Südosten Asiens. Die 6-Millionen-Metropole ist in vielerlei Hinsicht ein positives Beispiel, wie Großstädte in Zukunft aussehen könnten: Die oftmals auch „Global City“ genannte Stadt vereint verschiedenste Kulturen und Nationen auf engstem Raum. Die Errungenschaften der Globalisierung werden mit hoher Effizienz genutzt: Singapurs Containerhafen zählt beispielsweise als zweitgrößter der Welt, erzielt jährlich einen fast viermal höheren Umschlag wie sein Pendant in Hamburg. Tausende ausländische Unternehmen haben sich angesiedelt, alleine aus Deutschland sind es über 1400. Singapur hat sich – was natürlich auch auf die günstige geographische Lage zurückzuführen ist – zu einem der weltweiten Handelszentren entwickelt.
Umso beeindruckender, dass die oben genannten Leitbegriffe – nachhaltige, effiziente und langfristige Planung – ebenfalls in gewissem Maße umgesetzt werden. Singapur ist weit davon entfernt, eine perfekte „Stadt der Zukunft“ zu sein, kann aber durchaus aus Positivbeispiel gesehen werden, wie eine entsprechende Umgestaltung eingeleitet werden kann.

Nach einer schwierigen (und durch die japanische Besetzung geprägten) Kriegszeit erlangte der Stadtstatt erst 1965 seine Unabhängigkeit. Anschließend begann unter der Führung von Lee Kuan Yew ein beispielloser Aufstieg. Yew setzte auf eine radikale, langfristig angelegte Umgestaltung der Stadt, für die mehrere Ziele formuliert wurden: Neue Wohnungen, ein gutes Bildungssystem, hohe Sicherheitsstandards, ein starker Wirtschaftsstandort. Die Stadt wuchs in die Höhe und Breite (viele der in Teil 1 angesprochenen Wohnblöcke entstanden außerhalb des Stadtkerns; zudem wurde im Bereich des Hafens neues Land aufgeschüttet), verzeichnete dabei einen heute sehr seltenen Erfolg: Zahlreiche Grünflächen konnten erhalten werden. Singapur besitzt zwei gigantische Botanische Gärten, dutzende vom Tourismus verschonte Inseln sowie mehrere weitläufige Waldgebiete – und das mitten in der Großstadt! Rund 1,3 Millionen Bäume säumen die Straßen der Stadt, darunter viele wirklich alte. Und auch viele Wohnblöcke Singapurs sind auffallend grün: 65.000 Quadratmeter an Dächern und Fassaden wurden bereits begrünt; viele entsprechende Projekte laufen zudem in diesen Monaten. Und die Regierung verfolgt noch ehrgeizigere Ziele: Bis ins Jahr 2020 sollen die Grünflächen um weitere 25 Prozent steigen. Hier wird langfristig gedacht, nehmen Pflanzen für die Menschen doch eine existenzielle Bedeutung ein. Die hervorragende Luftqualität ist nur die logische Folge, Der „Green Index“ kürt Singapur beispielsweise zur umweltfreundlichsten Stadt Asiens.

sdr

Einer der botanischen Gärten Singapurs

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Auch Wohnblocks werden aufwändig begrünt

Denn auch sonst spielen Umwelt und Nachhaltigkeit eine große Rolle. Die 2006 eröffneten „Gardens By The Bay“ basieren auf einem ausgeklügelten Energiesystem: Die markanten, 9 bis 16 Stockwerke hohen, „Supertrees“ sammeln Regenwasser, gewinnen Sonnenenergie und fungieren gleichzeitig als Belüftungskanäle für die Gewächshäuser. Auch sonst wurde die Anlage mit Blick auf ökologische Nachhaltigkeit konzipiert. Im Inneren des Cloud Forest, einem der großen Gewächshäuser der Gärten, erwartet den Besucher eine kleine, aber eindrucksvolle Ausstellung rund um die Zukunft unseres Planeten. Und auch im hervorragenden Nationalmuseum wird beleuchtet, wie im Stadtgebiet seit Jahrzehnten auf den nötigen Anteil von Grünflächen geachtet wird. Die so wichtige Kommunikation wird hier also wirklich umgesetzt. Im Hintergrund behält der „Green Plan“ des lokalen Umweltministeriums die langfristige Entwicklung im Blick. Weltweit sind ähnliche Planungen leider noch viel zu rar gesät – auch in Deutschland sind es oft nur sporadische Projekte, die derzeit an der Spitze der Bemühungen stehen.

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Die Gardens By The Bay bei Nacht

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Die Supertrees spielen die entscheidende Rolle im innovativen Energiekonzept der Gärten

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Im Inneren des Cloud Forest verbirgt sich eine tolle Ausstellung

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Und auch das Nationalmuseum geht auf das „Grüne Singapur“ ein

Ähnlich souverän hat Singapur die hohen Bevölkerungszahlen im Griff. Eine ganz entscheidende Rolle spielt hier das hervorragende Nahverkehrssystem, das derart attraktiv ist, dass die Straßen auffallend leer bleiben. Während meinem Aufenthalt konnte ich kaum Staus beobachten – ein riesiger Unterschied zu anderen Städten, die ich noch besuchen sollte! Herzstück des ÖPNV ist der futuristische Skytrain, der mit einem dichten, gewebeartigen Netz das ganze Stadtgebiet abdeckt. Die Züge fahren in hoher Frequenz (am Tag wartet man höchstens drei Minuten) und sind ausgesprochen günstig (selbst für die mindestens dreißigminütige Fahrt zum Flughafen zahlt man unter 2 Euro). Zu überzeugen weiß auch das Ticketsystem; werden durch die lukrativen Monats- und Jahreskarten sowie die Möglichkeit, mit Kosteneinsparung sechs weitere Fahrten auf einen Einzelfahrschein zu laden, doch Unmengen an Papier gespart. Eine einfache, aber sehr effektive Maßnahme. Das Bussystem ist ähnlich gut aufgestellt. Zudem fällt die gelungene Trennung zwischen Fußgängern und Autofahrern ins Auge, die beispielsweise durch zahlreiche Tunnel und Brücken hergestellt wird (was auf der anderen Seite natürlich wieder Ressourcenverbrauch darstellt).

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Das weitläufige System des Skytrains

Ob das dargestellte System schon die optimale Lösung darstellt, ist umstritten. Mehrere Konzepte sehen für die Zukunft komplett autofreie Innenstädte vor, was die Luftqualität weiter entlasten würde. Auch neuartige Transportsystem sind im Gespräch: Am Londoner Flughafen Heathrow sind seit einiger Zeit die „Driverless Pod Cars“ im Einsatz – eine Ausgabe des neuartigen PRT (Personal Rapid Transit)-Systems, bei dem führerlose Gondeln auf einem weit ausgebauten Netzwerk individuell wählbare Ziele anfahren. Die Nutzung ist dabei weitaus energieärmer als der Pkw-Verkehr. Viele sehen in PRT die Zukunft des Nahverkehrs; in Abu Dhabi entsteht entsprechenderweise derzeit ein 33,1 Kilometer langes System, auf dem sich 2500 Gondeln bewegen werden. Hier wird es spannend bleiben, die Entwicklung im Blick zu behalten. Weitere Innovationen sind zu erwarten, bestehen rund um PRT trotz aller Vorteile zahlreiche Kritikpunkte (Kapazität, hohe Kosten, Stadtbild durch die zu errichtenden Schienen). Eines liegt allerdings auf der Hand: Gerade, wenn die Einwohnerzahlen noch weiter steigen sollten, sind die mit Autos verstopften Innenstädte und schlecht ausgebauter Nahverkehr nicht mehr tragbar.

Oft angesprochen wird im Zusammenhang mit Singapur auch die hohe Sicherheit und Sauberkaut. Das hat Gründe: Die Regierung hat extrem hohe Bußgelder festgesetzt, die offensiv kommuniziert werden. Im Gesetz stehen zudem lange Gefängnis- und sogar die Todesstrafe bei vergleichsweise harmlosen Vergehen. Dass ein entsprechendes System besteht, wird in Zukunft noch wichtiger werden – dürften die Städte doch immer voller und interkultureller werden.

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Fehltritte haben ihren Preis

Singapur fungiert also in vielen Bereichen als Positivbeispiel – dem viele Städte dringend folgen sollten. Wie bereits angesprochen ist allerdings noch lange nicht alles perfekt, der Verbrauch an Plastik beispielsweise beängstigend hoch: Beim Einkauf im Supermarkt erhält der Kunde gleich mehrere Tüten, zudem ist jedes noch so kleine Produkt gleich mehrfach verschweißt. Hier besteht noch viel Verbesserungspotenzial.
Wie kritisch es um unseren Planten bereits steht, werden Sie bald auch unter „Deine Rolle“ auf dieser Website erfahren können. Die nötigen Veränderungen sind jetzt nötig, andernfalls dürfte es schon in einigen Jahren zu spät sein. Und die Entwicklung der Stadt wird bei all dem besonders wichtig sein. Konzepte, und auch kostengünstige Lösungen, bestehen genug – also an die Arbeit!

 

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