Teil 1 – Ernährung

Im  Theorieteil dieser Reihe habe ich zwei Schritte benannt, die jeder Einzelne zur Schaffung einer nachhaltigen, fairen und zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen kann: Erstens, den eigenen Lebensstil kritisch zu hinterfragen und die nötigen Anpassungen vorzunehmen; zweitens, andere für diesen Weg zu begeistern und das richtige Handeln vorzuleben. Die wichtigste Frage wurde bislang allerdings noch nicht beleuchtet: Wie kann dieser nachhaltige Lebensstil im Detail aussehen? In diesem Bereich der Website werden in den nächsten Monaten mehrere Artikel erscheinen, die jeweils einen Aspekt unseres täglichen Lebens beleuchten und mögliche Anpassungen vorschlagen. Du wirst sehen: Das Ganze ist viel simpler, als du es dir vielleicht vorgestellt hast.

Beim Aufbau der „globalisierten Welt 2.0“, wie ich die ideale Zukunftsvision für unseren Planeten genannt habe, wird das weltweite Ernährungssystem eine Schlüsselrolle einnehmen. In den letzten Jahrzehnten haben in diesem Bereich mehrere besorgniserregende Entwicklungen eingesetzt, deren Ergebnis uns heute selbstverständlich erscheint. Das ist es aber nicht – und in einer nachhaltigen Ernährung schlummert großes Potenzial, die klimatische und soziale Situation auf unserem Planeten deutlich zu verbessern. Als Ziel einer nachhaltigen Ernährung definieren Experten, die Erde „dauerhaft gerecht zu bewirtschaften“, also sowohl die Lebenssituation der derzeitigen Weltbevölkerung als auch die Aussichten zukünftiger Generationen zu berücksichtigen. Um dieses Vorhaben umzusetzen, muss gleich an mehreren Stellschrauben gedreht werden – die Entwicklung der Ernährungsindustrie hat leider in mehreren Systemen ihre Spuren hinterlassen.

Die aktuelle Situation

Die Ernährungswissenschaft spricht bei der Analyse derzeitiger Probleme von vier Dimensionen, auf die unser Konsum- und Ernährungsverhalten einwirkt:

Die ökologische Dimension berücksichtigt die Auswirkungen auf natürliche Lebensräume und unser Klima,

Die ökonomische Dimension die wirtschaftlichen Folgen,

Die soziale Dimension die Situation unserer Mitmenschen (natürlich insbesondere in den sogenannten Entwicklungsländern) und die

Gesundheitliche Dimension die individuelle Ebene – schließlich schaden wir mit unserem derzeitigen Konsumverhalten auch uns selbst.

Die Liste an Problemen ist in allen Bereichen lang:

Ökologische Dimension

  • Erzeugung, Handel und Zubereitung unserer Lebensmitteln ist weltweit für rund 15 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. In Deutschland liegt die Quote gar bei 20 Prozent. Der Kunde hält es für selbstverständlich, zu jeder Jahreszeit die gewünschten Produkte kaufen zu können – ohne die Folgen zu hinterfragen. Welch gravierenden Folgen der immer höhere CO²-Ausstoß hat, wurde beispielsweise in den Blogeinträgen zum Fernverkehr und den Ozeanen aufgezeigt
    • Die Entsorgung von Verpackungsmüll und organischen Lebensmitteln ist völlig außer Kontrolle geraten – mehr dazu im nächsten Blogeintrag „Die Plastik-Katastrophe“
    • Viele Ressourcen (insbesondere Wildtiere und Fisch, aber auch seltene Pflanzen) werden so stark konsumiert, dass ihr Fortbestand stark in Gefahr ist
    • Unser viel zu hoher Fleischkonsum bleibt nicht folgenlos: Regenwaldgebiete werden zur Schaffung von Viehweiden abgeholzt, Getreide ineffektiv zur Erzeugung von Tierprodukten verschwendet. Millionen von Tieren werden in grausamen Schlachthäusern gehalten und grausam behandelt – hier ein (FSK-18)-Video dazu. Ein großer Teil des in deutschen Supermärkten erhältliche Fleisch nimmt seinen Weg durch solche Schlachthäuser.

Ökonomische Dimension

  • Es werden genug Lebensmittel für die derzeit 7 Milliarden Menschen produziert, die Verteilung funktioniert allerdings überhaupt nicht – beinahe eine Milliarde Menschen leben in ständiger Unterernährung. Viele der Hungernden sind zu arm, um sich Lebensmitteln zu kaufen – weil die sogenannte Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander ragt, wie ich am Beispiel Bangkoks erklärt habe.
  • Die Lebensmittelproduktion konzentriert sich auf immer weniger und dafür immer größere Konzerne – in Deutschland ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe seit 1965 von 1,4 Millionen auf unter 400.000 gesunken.
  • Wirtschaftliche Beziehungen werden immer undurchsichtiger – der Konsument ist, sollte er sich dafür interessieren, nicht dazu in der Lage, sich über Herkunft und Produktionsweg eines Produkts zu informieren. Vertrauen oder Austausch zwischen Produzent und Konsument ist kaum noch vorhanden.

Soziale Dimension

  • Viele der bei uns konsumierten Produkte werden unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen erzeugt. Die Löhne sind lächerlich niedrig.
  • In Entwicklungsländern arbeiten über 250 Millionen Kinder – teilweise als Ganztagsbeschäftigte. Der Großteil der Jobs steht in Verbindung mit unseren Lebensmitteln. 60 Millionen der Kinder arbeiten (Schätzungen zufolge) in der sogenannten „Schulden-Sklaverei“ oder Prostitution. Die Chance auf Bildung besteht nicht.

Gesundheitliche Dimension

  • Vorgefertigte Lebensmittel und Fast-Food-Produkte liegen immer mehr im Trend. Wie ich im Chiang-Mai-Bericht angedeutet habe, sind diese höchst ungesund und wirken massiv auf die eigene Gesundheit ein. Zu den resultierenden Krankheiten gehören unter anderem Karies, Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und andauernde Magen-Darm-Probleme. Der westliche Fast-Food-Trend fungiert zudem als Vorbild für Entwicklungsländer – was das Überleben einheimischer Restaurants und Streetfood-Stände immer schwerer macht.
  • Die weitverbreitete Unterernährung hat Folgen: In den Entwicklungsländern sterben täglich rund 20.000 Kinder, ein Großteil davon wegen unzureichender Ernährung.

Die Zukunft

GLOBALIZED versucht insbesondere, eine Kernbotschaft zu vermitteln: Jeder Einzelner kann und muss mithelfen, die jetzige Situation grundlegend zu verändern. Auf dem Bereich der Ernährung ist es äußerst simpel, als Vorbild voranzugehen – im Weg stehen nur persönlichen Gewohnheiten und die medial manipulierte Psyche. Die im Theorieteil aufgezeigte Macht des Konsumenten lässt sich am Beispiel von Lebensmitteln besonders gut aufzeigen: Ernährt sich ein deutlich größerer Teil der Menschheit plötzlich nachhaltig und mit Gedanken an andere Menschen und Lebewesen, wird das schnell auf die „bösen Konzerne“ abfärben: Diese produzieren nämlich jederzeit das, was die Kunden im Supermarkt kaufen wollen. Und liegen fair gehandelte und unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellte Produkte plötzlich im Trend, werden diese auch verbreiteter und günstiger erhältlich sein. Kauft niemand mehr Produkte, bei deren Produktion nicht nachweislich keine Kinder mitgewirkt haben, wird sich die Situation in Entwicklungsländern Schritt für Schritt verbessern. Und überdenken wir unseren Fleischkonsum, werden Schlachthäuser plötzlich überflüssig.

Was können wir, die Gesellschaft, ändern?
Alles! Wir können alles ändern. Wirklich.

Deine Rolle

Was heißt das für dich im Detail?

  • Koche für mehrere Personen und möglichst große Portionen – so lässt sich ganz einfach Energie sparen
  • Unterstütze nachhaltig agierende Restaurants. Meine Vorhersage: Diese werden in den nächsten Jahren aus dem Boden schießen. Auf Koh Tao listet TripAdvisor beispielsweise ein absolutes Musterbeispiel auf Platz 1: Im VegetaBowl gibt es fantastische Salate anstelle von Fast-Food aus der Fritteuse, hausgemachte Getränke und Strohhalme aus Glas.
  • Meide verarbeitete Lebensmittel – je weniger Produktionsschritte, desto gesünder und umweltfreundlicher! Am besten ist der Einkauf auf dem Wochenmarkt oder direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben.
  • Bio-Lebensmittel kaufen. Diese haben ihren Preis, was aber nicht vom Kauf abhalten sollte. Ökologisch erzeugte Produkte verursachen bis zu 30 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen. Zudem werden die Preise (leicht) sinken, sobald nachhaltige und faire Lebensmittel mehr im Trend liegen.
  • Kein Essen wegwerfen! Verdorbene Lebensmittel sind mit Blick auf die Situation in anderen Ländern im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. In Deutschland werden jährlich zwei Millionen Tonnen Lebensmitteln weggeworfen, ein Zehntel (!) der verpackten Lebensmittel landet ungeöffnet im Müll. Wird kein Essen weggeworfen, sinkt in Deutschland die absolute Kaufmenge – und die übrig bleibenden Lebensmitteln können anders wertig verteilt werden.
  • Regionale und saisonale Ware kaufen – die Einfuhr exotischer Lebensmitteln verursacht wenig überraschend hohe Treibhausgas-Emissionen. Wirklich viele Obst- und Gemüsesorten, die du gerne aus Südeuropa oder Afrika kaufst, wachsen auch in Deutschland!
  • Konsumiere weniger tierische Produkte! Während der Anbau eines Kilogramms Gemüse 150 Gramm CO²-Äquivalente verursacht, sind es bei einem Kilo Fleisch bis zu 14 Kilogramm!
  • Überdenke deinen Fleischkonsum – und das muss nicht heißen, Vegetarier zu werden! (Ich fand das Argument, dass die Nahrungskette auf der Erde eben nach bestimmten Regeln funktioniert, schon immer gut.) Viele Menschen essen aber übermäßig viel Fleisch – und das zieht dann eben die Existenz von riesigen Schlachthäusern oder die Schaffung von neuen Viehweiden nach sich.
  • Achte beim Einkaufen auf Verpackung und Transport. Für ein einzelnen Stück Obst oder Gemüse brauchst du keine Plastiktüte; statt 4 kleinen Joghurts kannst du einen großen kaufen. An den Backtheke brauchst du auch keine drei verschiedenen Tüten! Nimm zudem einen Rucksack oder einen Stoffbeutel mit – das ist auch noch viel bequemer als das Tragen einer Plastiktüte.
  • Auch beim Kochen selbst lässt sich viel Energie einsparen. Nutze Kochtöpfe stets mit Deckel und stelle sie auf möglichst kleine Herdplatten. Viele der Arbeiten, die heute von Küchengeräten verrichtet werden, lassen sich zudem auch per Hand bewältigen.
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Das Restaurant VegetaBowl auf Koh Tao
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Gutes Essen, hausgemachte Getränke und nachhaltige Strohhalme
sdr
Auch bei uns gibt es solche Restaurants – beispielsweise das Frittenwerk in Frankfurt

So hilft dir GLOBALIZED

Neben meinen Blogeinträgen, die immer wieder die weltweiten Konsequenzen unseres Handelns aufzeigen, will ich dir noch weitere Möglichkeiten bieten, mit simplen Veränderungen deinen Beitrag zu leisten. So soll auf dieser Seite in Zukunft ein „nachhaltiges Kochbuch“ entstehen – „Kochen für die Zukunft!“ -, bei dessen Entstehung du selber mitwirken kannst: Schick mir ein Rezept zu (oli.becht@web.de), das sich an den oben stehenden Kriterien orientiert – und schon kannst du nach dem vorgestellten Prinzip A – BB – CCCC eine Verbesserung in unserer Gesellschaft etablieren!

Fortsetzung folgt: #2 – Transport und Reisen